Lilienberg

Mathias Binswanger zu Gast mit dem „Glücksfrühstück“

Der erste Frühstückstalk im Lilienberg

Ein Glücksfrühstück zum Auftakt in einen erfolgreichen Tag.


Heute hat Christoph Lanter zu seinem ersten neuen Format auf den Lilienberg eingeladen: dem Frühstückstalk. Als neuer Intendant der Stiftung bringt er einige frische Formate ein, und mit Mathias Binswanger startete nun die Reihe der Frühstückstalks. Passend zum Thema Glück: ein Glücksfrühstück also. Viele Gäste sind der Einladung zu früher Stunde gefolgt, für eine wundervolle Zeit auf dem Lilienberg.

Einige Gäste haben den Besuch sogar mit einer Übernachtung gepaart. Zum Vogelzwitschern und der frischen Morgenluft auf dem Lilienberg aufwachen, einen interessanten Vortrag besuchen, gefolgt von einem feinen Frühstück und dem Austausch mit spannenden Menschen: Ein Tag kann schlechter starten. Der Frühstückstalk begann mit Livemusik von Rob Barta, unter anderem mit «Three Little Birds» von Bob Marley.

Was Effizienz mit Glück zu tun hat

Mathias Binswanger eröffnete seinen Vortrag mit einer ungewohnten Definition von Effizienz. Übersetzt man Glück in die Alltagssprache, lande man bei Begriffen wie persönlichem Wohlbefinden und Lebenszufriedenheit. Am Ende gehe es darum, ein gutes Leben zu führen, die Kunst, das Beste aus dem eigenen Leben zu machen. Versteht man Effizienz auf diese Weise, können plötzlich auch ganz andere Dinge effizient sein, als man gemeinhin annimmt.

Als Beispiel nannte er die Amischen in den USA, die bis heute nach dem Lebensstil des 17. und 18. Jahrhunderts leben und auf vieles verzichten, was wir gemeinhin mit Wohlstand verbinden. Sozialwissenschaftliche Untersuchungen zeigen: Sie sind im Durchschnitt etwa gleich glücklich wie die reichsten zehn Prozent der amerikanischen Bevölkerung. Man könnte also sagen, die Amischen seien eine hocheffiziente Gesellschaft, weil sie aus jedem Dollar Einkommen wesentlich mehr Zufriedenheit herausholen als die reichsten Amerikaner. Binswanger betonte dabei mit einem Schmunzeln, dass er damit nicht vorschlage, es den Amischen gleichzutun: Allein schon die Menge an Pferden, die es dafür bräuchte, wäre ein Problem, wie ein Blick zurück ins London des frühen 19. Jahrhunderts mit seinen Bergen von Pferdemist eindrücklich zeigt.


Mathias Binswanger voll im Element
Mathias Binswanger voll im Element.

Die Gäste waren sehr interessiert
Die Gäste waren sehr interessiert.

Zwei Komponenten des Glücks

Die Glücksforschung unterscheidet zwischen zwei Komponenten: der Lebenszufriedenheit, also der grundsätzlichen Bewertung des eigenen Lebens, die über die Zeit relativ stabil bleibt, und dem emotionalen Wohlbefinden, das kurzfristig auf und ab schwankt: ein gutes Essen macht glücklich, ein Stau kurz darauf wieder unglücklich. Ein glückliches Leben brauche beides: Zufriedenheit mit dem grossen Ganzen und möglichst viele kleine positive Momente im Alltag.

Da es kein Messgerät für Glück gibt, so einen «Hedonometer» erträumten sich Ökonomen bereits im 19. Jahrhundert, bleibt nur die Befragung. Diese Daten fliessen jährlich in den World Happiness Report ein. Die Schweiz gehört darin seit Jahren zu den glücklichsten Ländern der Welt, unter anderem wurde sie 2014 zum glücklichsten Land überhaupt gekürt.

Allerdings mahnte Binswanger zur Vorsicht bei der Interpretation: Der sogenannte Social Desirability Bias, die Tendenz, in Befragungen positivere Antworten zu geben, sei in der Schweiz besonders ausgeprägt, ganz nach dem Motto, man müsse doch zufrieden sein. So erklären sich auch die höheren Werte der Deutschschweiz gegenüber der Romandie und dem Tessin: nicht durch tatsächlich grösseres Glück, sondern durch eine andere, von Frankreich und Italien beeinflusste Mentalität, die eher zum Klagen neigt.

Wenn Einkommen nicht mehr der Engpass ist

Ein zentraler Befund seines Vortrags: In hochentwickelten Ländern wie der Schweiz, Finnland, den USA, Südkorea, Deutschland oder Dänemark gibt es praktisch keinen Zusammenhang mehr zwischen weiter steigendem Einkommen und durchschnittlichem Glücksempfinden. In den USA etwa ist das Einkommen seit dem Zweiten Weltkrieg stark gestiegen, doch der Anteil der Menschen, die sich als sehr glücklich bezeichnen, liegt seit Jahrzehnten konstant bei rund 30 Prozent. In weniger entwickelten Ländern wie China hingegen geht wachsender Wohlstand nach wie vor mit steigender Zufriedenheit einher.

In reichen Ländern ist Einkommen nicht mehr der Engpass zum Glück. Es sind andere Dinge, die zentral werden.

Mathias Binswanger

Innerhalb eines Landes bleibt jedoch spürbar: Reiche sind glücklicher als Arme. Aufzulösen sei dieser scheinbare Widerspruch durch den sozialen Vergleich: Menschen vergleichen sich stets untereinander. Wächst der Wohlstand eines ganzen Landes, verändert das die relative Position der Ärmeren am unteren Ende kaum, und sie bleiben trotzdem unzufrieden, weil sie sich weiterhin mit den Bessergestellten vergleichen.


Wundervolle Morgenstimmung auf dem Lilienberg
Wundervolle Morgenstimmung auf dem Lilienberg.

Abschliessende Fragerunde mit den Gästen
Abschliessende Fragerunde mit den Gästen.

Die U-Kurve des Glücks

Auch das Alter spielt eine Rolle: Menschen sind in jungen Jahren recht zufrieden, durchleben in der Lebensmitte, geprägt von Leistungsdruck, Karrieredenken und der Doppelbelastung durch Familie und Beruf, ein Tief, und werden danach, insbesondere nach der Pensionierung, wieder deutlich glücklicher. Diese sogenannte U-Kurve des Glücks erklärt laut Binswanger mit ein Grund, weshalb die überalterte Schweiz im internationalen Vergleich so gut abschneidet.

Was wirklich glücklich macht

Zum Schluss richtete Binswanger den Blick darauf, was Glück abseits vom Einkommen tatsächlich ausmacht. An erster Stelle steht das soziale Umfeld: Der Mensch sei ein Herdentier, und Einsamkeit im Alter gehöre zu den grössten Glücksfeinden überhaupt, mit einem Effekt auf die Lebenserwartung, der jenem von Alkoholismus vergleichbar sei. Dazu kommen eine Arbeit, die Freude bereitet statt nur Karriere zu bedeuten, ein ausgewogenes Gleichgewicht zwischen Freiheit und Sicherheit (beide Extreme machen unglücklich), der bewusste Verzicht auf ständigen Vergleich mit anderen in einer Zeit von Rankings, Likes und Followern, sowie, ganz zentral, die Freude an kleinen Dingen im Alltag. Grosse Glücksmomente seien in jedem Leben selten. Wer sich aber Tag für Tag an Kleinigkeiten freuen könne, dem gelinge damit bereits ein entscheidender Beitrag zu einem glücklichen Leben.

Im Anschluss entwickelte sich ein angeregtes Gespräch mit dem Publikum. Christoph Lanter eröffnete die Fragerunde gleich selbst mit der Frage, ob Kinder in Binswangers Forschung eher ein Glücks- oder ein Unglücksfaktor seien. Die Antwort: beides. Ein gelungener Auftakt für ein Format, das noch viele weitere Frühstückstalks verspricht.


Feines Lilienberg Frühstück
Zum Abschluss gabs das feine Lilienberg Frühstück
und ein guter Austausch untereinander.

Einfach herrlich
Einfach herrlich.