Die Tinte ist nie ganz trocken
Über Kriege, Frieden und Lehren der Geschichte.
Kaum eine Frage ist gegenwärtig dermassen drängend wie diese: Wie schafft man eigentlich Frieden? Gestern Abend versuchte Professor Dr. Jörn Leonhard, Historiker an der Universität Freiburg und einer der profiliertesten Kriegs- und Friedensforscher im deutschsprachigen Raum, darauf eine Antwort zu geben, moderiert von Christoph Lanter. Ein voller Saal, ein Referat mit Tiefgang und ein Gespräch, das lange nachwirkte.


Leonhards zentrale Botschaft gleich zu Beginn: Wir kennen die Anfänge von Kriegen meist sehr genau, wir können sie mit Daten, Attentaten, Schüssen benennen. Aber wann ein Krieg wirklich zu Ende ist, wann eine Waffenpause zu echtem Frieden wird, das lässt sich kaum je an einem einzigen Symbol festmachen. Genau dieser Übergang, verschlungen, verzögert, immer wieder unterbrochen, stand im Zentrum des Abends.
Die Natur des Krieges bestimmt sein Ende
Seine erste These: Ein Staatenkrieg zwischen Monarchen endet anders als ein Bürgerkrieg, ein Bürgerkrieg anders als ein Weltkrieg. Kompliziert wird es dadurch, dass die meisten langen Kriege, auch der Krieg in der Ukraine, keine reinen Kategorien mehr sind, sondern Mischformen: Staatenkrieg, Krieg um nationale Selbstbestimmung, Medienkrieg, Wirtschaftskrieg, Energiekrieg zugleich. Wer verstehen will, wie ein solcher Krieg enden kann, muss zuerst verstehen, was für ein Krieg er eigentlich ist.
Seit 1945, so Leonhard, enden immer weniger Kriege mit klassischen völkerrechtlichen Friedensverträgen. Häufiger stehen am Ende nur noch brüchige Waffenstillstände, die bei jeder Gelegenheit neu gebrochen werden. Die klassischen Staatenkriege sind seltener geworden, dafür haben Bürgerkriege und, seit den 1990er-Jahren, hybride Kriege enorm zugenommen: Konflikte, in denen sich Kriminalität, Terrorismus und ethnische Gewalt kaum noch trennen lassen, und in denen das Völkerrecht an seine Grenzen stösst.

Was Frieden eigentlich bedeutet
Besonders eindrücklich war Leonhards Rückblick darauf, wie sich der Begriff des Friedens selbst über Jahrhunderte immer weiter aufgeladen hat. In der Antike bedeutete Frieden zunächst schlicht die Abwesenheit von Gewalt. Mit dem Christentum kam die Vorstellung der Gottesnähe hinzu. Mit dem Ende der Religionskriege und der Entstehung des modernen Völkerrechts, Stichwort Westfälischer Friede, wurde der Weg vom Krieg zum Frieden zunehmend verrechtlicht, ein Prozess, zu dem später auch die Genfer Konventionen und das Internationale Komitee vom Roten Kreuz gehören. Im 19. Jahrhundert kam die Idee hinzu, dass Demokratien untereinander friedlicher seien, eine Vorstellung, die bis heute nachwirkt. Und nach dem Ersten Weltkrieg schliesslich die vierte grosse Aufwertung: Frieden, so die neue Überzeugung, brauche auch Gerechtigkeit, die Anerkennung der Opfer und die Verfolgung der Täter.
In dem Augenblick, in dem die Tinte auf dem Dokument noch nicht trocken ist, beginnt die eigentliche Arbeit am Frieden.
Jörn Leonhard, zitiert nach Jan Smuts
Ohne Kommunikation kein Frieden
Die vielleicht wichtigste These des Abends: Es gibt keinen Frieden ohne Kommunikation. Leonhard unterschied dabei, gestützt auf den Soziologen Niklas Luhmann, zwischen zwei Formen von Vertrauen. Personalvertrauen, also das Wissen, mit welchen konkreten Menschen man spricht und ob diese tatsächlich Entscheidungsmacht haben. Und Systemvertrauen, das Vertrauen in Institutionen wie die UNO oder die OECD, selbst wenn diese oft als zahnlos gelten, verfügen sie doch über Kommunikationskanäle, die im entscheidenden Moment den Unterschied machen können.
Entscheidend seien vor allem glaubwürdige Vermittler, besonders solche, die auch nach einem Friedensschluss in einer Region engagiert bleiben und dafür sorgen, dass Vereinbarungen tatsächlich umgesetzt werden, wie die USA es mit dem Marshallplan nach 1945 vorgemacht haben. Und dann ist da noch etwas, das man in der Schweiz nicht lange erklären muss: der Ort selbst. Internationale Neutralität, eine zentrale Lage, eine funktionierende Eisenbahn, eine Hotellerie, die Menschen willkommen heisst, all das mache die Schweiz seit dem 19. Jahrhundert zu einem bevorzugten Verhandlungsort, weil alle Beteiligten wissen, dass sie hier keine eigenen territorialen Interessen verfolgt.
Und manchmal sei es gerade das scheinbar Nebensächliche, das den Unterschied macht: ein gemeinsames Essen, eine Bootsfahrt, ein Glas Wodka zwischen Verhandlungspartnern. Man habe früher gesagt, der Wiener Kongress tanze, bewege sich aber nicht voran. Heute wisse man, dass genau diese Bälle und Empfänge der Ort waren, an dem ausserhalb der diplomatischen Etikette die eigentlichen Gespräche stattfanden.
Der faule und der überforderte Friede
Zwei Begriffe aus Leonhards eigenem Werk prägten den weiteren Abend. Der faule Friede: ein Friede, der asymmetrisch zwischen einem stärkeren und einem schwächeren Akteur geschlossen wird und dabei Zugeständnisse verlangt. Historisch, so Leonhard, sei das häufig eine Einladung an den Aggressor, bei nächster Gelegenheit weiterzumachen. Mit Blick auf die Ukraine bedeute das: Eine Lösung, die auf Kosten territorialer Integrität geht, berge die Gefahr, den Krieg lediglich einzufrieren, als Atempause zum Aufrüsten. Tragfähiger Frieden brauche stattdessen eine Ukraine, die stark genug ist, sich selbst zu verteidigen, auch wenn das insbesondere die Europäer noch viel kosten werde.
Der zweite Begriff: der überforderte Friede, jener von Versailles 1919, der mit einem Wort wie Selbstbestimmung glaubte, alle Probleme auf einmal lösen zu können. Das Ergebnis war Desillusionierung, und aus Desillusionierung kann rasch neue Gewalt erwachsen. Erfolgreiche Friedenspolitik brauche darum ein intelligentes Erwartungsmanagement: das Gespür dafür, was sich jetzt lösen lässt, was erst in zehn Jahren, und was vielleicht erst eine neue Generation von Politikerinnen und Politikern klären kann. Der deutsch-deutsche Zwei-plus-Vier-Vertrag von 1990 sei dafür ein gutes Beispiel gewesen: Man löste, was lösbar war, und verschob den Rest bewusst in die Zukunft.
Was Geschichte für die Gegenwart bedeutet
Immer wieder betonte Leonhard, wofür der historische Vergleich gut ist und wofür nicht: Man dürfe alles miteinander vergleichen, aber vergleichen heisse nicht gleichsetzen. Gerade im Blick auf die Unterschiede erkenne man mehr, nicht in der Behauptung von Analogien. Als Beispiel diente ihm der Vergleich zwischen der AfD und der NSDAP, ein Vergleich, mit dem er im Moment praktisch wöchentlich konfrontiert werde. Seine Antwort: Es gebe keinen territorialen Revisionismus, keine Dolchstosslegende, keine Generalität, die sich einer Partei bediene, eine noch immer funktionierende Gewaltenteilung. Was es aber durchaus gebe, sei ein subjektives Gefühl, zu den Verlierern gesellschaftlicher Umbrüche zu gehören, damals wie heute, und genau dieses Muster verdiene es, ernst genommen zu werden, ohne die historische Situation gleichzusetzen.
Zur aktuellen Lage in der Ukraine zeigte sich Leonhard verhalten: Im Moment überwiege bei beiden Seiten noch die Erwartung, von einer militärischen Fortsetzung mehr zu gewinnen als von einer politischen Lösung, auch weil Russland historisch traditionell auf Zeit und Raum setze. Zugleich sei es aus historischer Perspektive bemerkenswert, wie sehr sich die Verteidigerposition der Ukraine als strukturell widerstandsfähig erwiesen habe, ein «Laboratorium des Krieges im 21. Jahrhundert», wie es Sicherheitsexperten nennen. Wirtschaftssanktionen, ergänzte er, wirkten historisch zwar, aber selten so, wie man sich das erhoffe: Kriegswirtschaften seien erstaunlich anpassungsfähig, schon Napoleons Kontinentalsperre sei letztlich am Schmuggel gescheitert.
Krieg, Frieden und künstliche Intelligenz
Auf die Frage, was künstliche Intelligenz für die Kriegsführung bedeute, antwortete Leonhard als Historiker: Die Kriegsgeschichte sei voller Momente, in denen eine neue Technologie alles zu verändern schien, von der Feuerwaffe über die Artillerie bis zur Atombombe, und doch werde jede dieser Umwälzungen letztlich von beiden Seiten aufgenommen und weiterentwickelt, ein ewiges Hase-und-Igel-Spiel. Neu und komplizierter werde durch KI-gesteuerte Angriffe auf kritische Infrastruktur allerdings die Unterscheidung zwischen Krieg und Frieden selbst: Für viele Kommandeure existiere diese Grenze in ihrer klassischen Form kaum noch, es gehe nur noch um die Frage von Eskalation oder Deeskalation.
Kein Determinismus: Geschichte ist gestaltbar
Zum Schluss seines Vortrags wurde Leonhard persönlich. Es gebe einen Satz, gegen den man sich als Historiker ständig wehren müsse: Es kommt, wie es kommen muss. Genau das Gegenteil versuche er, seinen Studierenden zu vermitteln. 1933 kam nicht nur Adolf Hitler an die Macht, im selben Jahr wurde auch Franklin D. Roosevelt amerikanischer Präsident und fand mit dem New Deal eine andere Antwort auf dieselbe Krise. Geschichte verlaufe nicht in einer geraden Linie aus Fortschritt oder Niedergang, sondern in Wellen, und Wellen bedeuten, dass Menschen lernen können. Die jungen Diplomaten, die 1919 das Scheitern des Versailler Vertrags miterlebten, etwa Jean Monnet und Robert Schuman, waren es, die nach 1945 die Grundlagen der europäischen Integration legten. Solche Lernprozesse brauchen Zeit, manchmal eine ganze Generation, aber sie finden statt.
Diese Haltung, nüchtern, aber nicht alarmistisch, zog sich auch durch die anschliessende, lebhafte Fragerunde. Eine Zuhörerin wollte wissen, ob es angesichts vieler Kriege ohne formellen Friedensvertrag überhaupt noch Verhandlungen brauche. Leonhards Antwort: unbedingt, denn selbst dort, wo am Ende nur ein brüchiger Waffenstillstand steht, entsteht in Verhandlungen ein Minimum an Vertrauen, das später humanitäre Fortschritte wie Gefangenenaustausche überhaupt erst ermöglicht. Eine andere Frage drehte sich um das Spannungsfeld zwischen Gerechtigkeit und Frieden: Ob die moderne Fokussierung auf Täter und Opfer den Krieg nicht manchmal in den Köpfen weiterleben lasse. Auch hier blieb Leonhard differenziert: Das Argument habe etwas für sich, wie man in Serbien nach den ersten Kriegsverbrecherprozessen gesehen habe, dennoch gebe es hinter das moderne Verständnis von Frieden als Gerechtigkeit kein Zurück mehr. Wichtig sei nur das Bewusstsein, wie viel Zeit und wie viele Generationen ein solcher Prozess brauchen kann.
Zum Abschluss dankte Christoph Lanter Jörn Leonhard für einen Abend voller Substanz und gab bereits einen Ausblick auf die kommenden Lilienberg-Formate: Im Oktober wird Mahbube Ibrahimi, Trägerin des Prix Courage 2025, von ihrem Leben erzählen, im November folgt ein Gespräch mit dem Philosophen Peter Sloterdijk, dazu kommen weitere Frühstücksformate rund um aktuelle Themen wie künstliche Intelligenz. Bei einem Apéro und anschliessendem Nachtessen im Kaminzimmer klang der Abend gemütlich aus, und die Diskussionen der letzten zwei Stunden fanden in kleinerer Runde ihre Fortsetzung.
Demnächst auf dem Lilienberg
Persönlich nachgefragt: Mahbube Ibrahimi →
Der erste Podcast-Talk unseres neuen Formats: Mahbube Ibrahimi, Trägerin des Prix Courage 2025, erzählt von ihrem Leben und ihrer Arbeit für «Wild Flower».
KI-Werkzeuge für den Arbeitsalltag: Gemini Notebook →
Der nächste Frühstückstalk: Janic Geiser zeigt, wie sich Gemini Notebook konkret im Büroalltag einsetzen lässt.






