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Silicon Valley beeinflusst Schweizer Medienlandschaft

13.07.2015

Das Fazit des ersten Kolloquiums im Zyklus «Medienqualität aus der Sicht der Konsumenten» lautet: Es ist letztendlich das positive Urteil der Leser, Hörer und Zuschauer, welches das Überleben eines Mediums garantiert. Mit dem Aufkommen der sozialen Medien weicht die Macht der Werbe-Auftraggebenden der Macht der «Likes» der Massen.

Silicon Valley beeinflusst Schweizer Medienlandschaft
Von links: Moderator Dr. Andreas Jäggi und die Referenten Andreas Durisch, Adrienne Fichter und Dr. Stefan Vannoni.

 

Einen Einblick in die neue Welt der Medien gewährte auf Lilienberg die Leiterin Social Media bei der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ), Adrienne Fichter.  Social Media ist für die Verlagshäuser heute mehr als nur Marketing, also als Möglichkeit, die Marke zu präsentieren oder neue Leser zu gewinnen. Nein, Social Media  ist für die Redaktion gleichbedeutend mit einem unmittelbaren Kontakt zur Leserschaft. Die Rückmeldung der Leserinnen und Leser stellt nicht nur ein Qualitätsurteil dar, sondern liefert Stoff für weitere Stories und zeigt, welche Aspekte einer Geschichte von besonderem Interesse sind. Manchmal führt ein Hinweis aus dem Publikum auch dazu, dass Fehler schneller erkannt und korrigiert werden.

Und die Verlage beginnen darüber nachzudenken, Artikel nicht nur über das eigene Printprodukt und die eigenen Online-Kanäle zu publizieren, sondern auch über die sozialen Medien. Dies wird insbesondere dann interessant, wenn die Medienhäuser auch von den Werbeerträgen der Social Media, wie etwa Facebook, profitieren. Entsprechende Modelle werden zurzeit intensiv diskutiert. Klar ist jedoch heute schon, dass sich die Verleger in neue Abhängigkeiten begeben. Die Spielregeln für diese neuen Kooperationsformen werden nämlich bei den Unternehmen aus dem Bereich der sozialen Netzwerke wie Facebook, Twitter oder Linkedin im amerikanischen Silicon Valley gemacht. Ob sie fair sein werden oder nicht, schon heute zeichnet sich ab, dass sie die Medienlandschaft Schweiz stark beeinflussen werden.

«Wir wollen eine hochwertige Community»

Aus diesen Gründen  hat sich die NZZ eine Social Media- und Community-Strategie gegeben. Sie legt zum Beispiel fest, dass ausgewählte Artikel auf Social Media ein «zweites Leben» erhalten. Um über einen weiteren Kanal zusätzlich Tausende von Lesern für einen Beitrag zu begeistern, genügt es jedoch nicht, diesen einfach tel quel zu posten. Die NZZ geht deshalb nach einem genauen Drehbuch vor. Dieses kann zum Beispiel folgende Schritte umfassen: Erstens: Ankündigungen des Artikels; zweitens: Leseraufrufe zum Thema; drittens: zusätzliches Bildmaterial vorbestellen; viertens: Begleittexte, «Snippets», für mehrfaches Ausspielen der Projekte schreiben; fünftens: Genuin Social Elemente produzieren (etwa Infografiken); und schliesslich sechstens: ein interaktives Rätsel anbieten.

Abschliessend definierte Adrienne Fichter Medienqualität aus ihrer professionellen Sicht: Für die Distribution von redaktionellen Inhalten durch soziale Medien empfiehlt sie, Geschichten multimedial zu denken und anders zu erzählen, zum Beispiel mit interaktiven Grafiken, 3D, Videos und Tweets. Wichtig sei auch die Gestaltung und Aufbereitung: Top Titel, Einstieg, Zwischentitel, Bilder, Boxen und aktualisierte Links.

Weiter soll dem Leser ein Mehrwert durch Visualisierungen, Service, Trends, Analysen und Hintergründe geboten werden. Und schliesslich strich die Referentin heraus, dass ein wesentliches Qualitätskriterium eines Mediums im Umgang mit seinem Publikum zu finden sei. Die NZZ schreibt in ihrer Strategie von der «hochwertigen Community». Dazu gehöre, die Diskussion mit dem Publikum auf einem hohen Niveau in einen Social-Media-Artikel einzubinden und Leserkommentare schnell, selbstbewusst und manchmal auch mit Humor zu beantworten.

Qualitätsrating der Schweizer Medien startet 2016

Der Stifterverein Medienqualität Schweiz will einen konkreten Beitrag leisten, um die Qualitätskultur in den Medien zu fördern. Er will Medien auszeichnen, welche die bedeutenden Themen pflegen und ihnen angemessenen Platz einräumen. Zu diesem Zweck hat er zusammen mit der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften und den Universitäten Zürich und Freiburg das Konzept eines Ratings der Schweizer Medien erarbeitet.

Andreas Durisch, früherer Chefredaktor der Sonntagszeitung und Gründungsmitglied des Stiftervereins Medienqualität, erläuterte die Ziele des Ratings, welches die  Qualität der 50 wichtigsten Pressetitel beziehungsweise Informationsgefässe von Radio und Fernsehen messen und beurteilen will. Einerseits soll die Qualität der Medien mit wissenschaftlichen Methoden erhoben werden. Neu scheint jedoch der Ansatz, diese wissenschaftliche Optik mit der Sicht der Bevölkerung zu kombinieren. Deshalb gibt es neben dem Modul 1, welches die innerorganisatorische Qualitätssicherung der Medien analysiert und dem Modul 2, das die Berichterstattungsqualität beurteilt auch ein drittes Modul. Es misst mittels Befragungen die Qualitätswahrnehmung von Interessengruppen und der Bevölkerung. Auf die Resultate darf man gespannt sein.  Durisch ist zuversichtlich, dass die Mittel zur Finanzierung noch dieses Jahr zusammenkommen, so dass das Rating 2016 starten kann.

Zentrale Aussagen des dritten Referenten am Kolloquium, Stefan Vannoni, Stellvertretener Leiter Allgemeine Wirtschaftspolitik & Bildung beim Wirtschaftsdachverband economiesuisse waren «Der mündige Bürger entscheidet selber, welche Medien er konsumiert» und «Die Vielfalt der Meinungen stellt sicher, dass sich die Wirtschaftsteilnehmer ein möglichst objektives Bild der Realität machen können».

Das nächste Kolloquium zum Thema «Die Stimme der Leserinnen und Leser» findet am 21. September statt. Es referieren Benjamin Geiger, Chefredaktor Landbote/Zürichsee-Zeitung/Zürcher Unterländer, Thom Nagy, Digitalstratege, Tageswoche, und Ignaz Staub, Ombudsmann Tamedia.

Zyklus «Medienqualität aus der Sicht der Konwumenten»; Kolloquium  «Was heisst Medienqualität? Drei mögliche Sichtweisen und Antworten» vom 30. Juni 2015; mit Andreas Durisch, Managing Partner Dynamicsgroup und Stifterverein Medienqualität Schweiz, Dr. Stefan Vannoni, Economiesuisse, Verband der Schweizer Unternehmen, Stv. Leiter Allgemeine Wirtschaftspolitik & Bildung; und Adrienne Fichter, Social Media Redaktorin NZZ; Moderation und Zusammenfassung: Dr. Andreas Jäggi (Aktionsfeld Medien & Kommunikation).

Der Verein Medienkritik Schweiz
Der im Frühjahr 2010 im Lilienberg Unternehmerforum gegründete Verein Medienkritik Schweiz will der Medienkritik mehr Beachtung verschaffen und sie zu einem festen Bestandteil der öffentlichen Kommunikation der Schweiz machen. Auf seiner Web-Plattform findet sich neu ein ständig aktualisiertes Dossiers zum Thema «Medienqualität aus Nutzersicht».

Weitere Informationen erhalten Sie auf der Webseite www.medienkritik-schweiz.ch.«Liken»Sie auch die Facebook-Präsenz «Medienkritik Schweiz» oder folgen Sie auf Twitter @medienkritikCH.

Dr. Andreas Jäggi leitet auf Lilienberg das Themenfeld Medien und Kommunikation, ist selbständiger Kommunikationsberater, Dozent für Unternehmenskommunikation und Geschäftsführer des Vereins Medienkritik Schweiz. 

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