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Oberbürgermeister Burchardt: «Wir machen eine schlimme Kleinstaaterei!»

29.01.2016

Ein europäischer Wirtschaftsraum am Bodensee mit einer Metropolregion Zürich und einer Grossstadt Konstanz-Kreuzlingen. Der Konstanzer Oberbürgermeister Uli Burchardt hat eine klare Vision von der Zukunft an der deutsch-schweizerischen Grenze. Dazu müsste man allerdings die Kleinstaaterei überwinden, glaubt er. Im Moment erlebe er eher das Gegenteil. Etwa im Tourismus.

Oberbürgermeister Burchardt: «Wir machen eine schlimme Kleinstaaterei!»
Uli Burchardt wünscht sich mehr Offenheit als Abgeschlossenheit.

Aus der Luft betrachtet ist die Grossstadt schon da. «Im Prinzip sind wir eine Stadt», sagte Uli Burchardt am Lilienberg Gespräch vom 20. Januar. Wenn man Konstanz eingemeinden würde, wäre Kreuzlingen die sechstgrösste Stadt der Schweiz. Das Publikum lachte, der Oberbürgermeister schmunzelte.

Der studierte Forstwirt und ehemalige Marketing Dozent kennt die Region. Er wisse, dass seine Landsleute in der Schweiz manchmal aggressiv oder unhöflich rüber kommen.

Dennoch musste sich Burchardt nicht gross auf sein Publikum auf Lilienberg einstellen. Der 45-Jährige ist eher ein Mann der leisen Töne, auch bei Streitthemen blieb er gelassen. «Die Gespräche sind auf Augenhöhe», sagte der im Publikum anwesende Kreuzlinger Stadtpräsident Andreas Netzle über seinen Amtskollegen. «Das ist sehr angenehm.» Man ahnt: Es war nicht immer so.

Die beiden verstehen sich. Zum Glück, denn Burchardt wurde 2012 für acht Jahre gewählt. Burchardt und Netzle treffen sich regelmässig mal auf der einen, mal auf der anderen Seite zum Mittagessen. So bekommt jeder ein Gefühl dafür, was sich auf der anderen Seite tut.

 Immer wieder müsse er über die enormen Preisunterschiede staunen, sagte Uli Burchardt, früher Marketing-Dozent an der Hochschule Konstanz. Die Entwicklung des Kreuzlinger Detailhandels sehe er mit Bedauern.  Allerdings habe die Schweizer Seite jahrelang vom Tanktourismus profitiert, so Burchardt. Konstanz sei die einzige Stadt dieser Grösse, die bei 

84‘000 Einwohnern nur zwei Tankstellen hat. «Das ist, weil damals alle in der Schweiz getankt haben.» Im Gesundheitswesen würden Mitarbeiter aus der Schweiz «massiv abgeworben». Im Pizzastreit ist Burchardt zwar dagegen, wenn sich Lieferdienste darauf spezialisiert hätten, schnell 80 Pizzen in die Schweiz zu liefern. Aber insgesamt wünsche er sich mehr Offenheit als Abgeschlossenheit.

Die vor zwei Jahren vom Schweizer Stimmvolk angenommene Masseneinwanderungsinitiative gibt ein anders Signal. Allerdings habe man «zur Kenntnis genommen, dass Kreuzlingen die Initiative nicht angenommen hat», sagte Burchardt, der Mitglied im globalisierungskritischen Netzwerk Attac ist. Er glaube aber ohnehin nicht daran, dass die Schweiz die Initiative wirklich umsetzt. «Das kommt nochmals vors Volk.»

Trotz der guten Beziehung zum Kreuzlinger Stadtpräsidenten sei 2015 kein Jahr gewesen, das Deutschland und die Schweiz näher zueinander gebracht hätte. «Wir waren sehr mit uns selbst beschäftigt», so Burchardt – und Kollege Netzle nickte. Die Probleme kamen von aussen. Die Kreuzlinger kämpften mit den Folgen des hohen Frankenkurses, Konstanz mit der Flüchtlingskrise.

Flüchtlingskrise: «Wir schaffen das»

«Wir waren mit dem Thema Flüchtlinge überfordert», gestand Burchardt ein. Trotzdem steht der Christdemokrat anders als viele seiner Parteikollegen zum Kurs der deutschen Kanzlerin Angela Merkel. Es sei schwierig, «aber ich habe gesagt, wir schaffen das.» Auch weil sich in Konstanz rund 1000 Ehrenamtliche engagieren. Wie sich die Krise an der Schweizer Grenze auswirkt, ist unklar. Immer wieder wird über die Schliessung von Schengen-Aussengrenzen spekuliert. Burchardt glaubt jedoch nicht, dass die Grenze zwischen Konstanz und Kreuzlingen dicht gemacht werden könnte. Doch letztendlich entscheide das nicht er.

Aufgrund dieser Schwierigkeiten fand die Zusammenarbeit zwischen den beiden Städten 2015 eher auf der Verwaltungsebene statt. Auch zwischen den Bürgern ist der Kontakt ausbaufähig. Für beide Seiten sei die andere Seite Hinterland, glaubt der Oberbürgermeister. Das merke man auch bei den Hochschulen. Obwohl die Universität Konstanz weltweit zu den 20 besten jungen Universitäten zählt und sich der Kanton Thurgau finanziell engagiert, kommen kaum Studierende aus der Schweiz. Warum? Burchardt schulterzuckend: «Ich habe dafür keine Erklärung.»

Die Nachbarschaft in den Vordergrund stellen

Das Dreiländereck ist für Burchardt eine besondere Region. Thurgau, Vorarlberg, Baden-Württemberg – alle sind weit weg von ihrer Hauptstadt. Allein das ist eine Herausforderung. «Wir sind gut beraten, unsere Nachbarschaft in den Vordergrund zu stellen, statt zu schauen, was zwischen Bern und Berlin läuft», so Burchardt.

Allerdings sei der Bodensee eine gewaltige Barriere. Die Region habe indes mit einer Metropolregion Zürich und einer Grossstadt Konstanz-Kreuzlingen riesige Chancen als europäischer Wirtschaftsraum. «Dazu müssten wir aber wirklich zusammenarbeiten.» Im Tourismus erlebe er eher das Gegenteil, etwa wenn es über die Gültigkeit von Tickets über Landkreise und die Ländergrenzen hinweg geht. «Wir machen eine schlimme Kleinstaaterei hier unten. Bislang fehlt noch der Mut.»

140. Lilienberg Gespräch vom 20. Januar 2016 mit Uli Burchardt, Oberbürgermeister der Stadt Konstanz; Moderation: Christoph Vollenweider, Leiter Unternehmertum; Zusammenfassung: Kerstin Conz.

Zur Person Uli Burchardt

Was Forstwirtschaft mit moderner Stadtentwicklung zu tun hat? Jede Menge, findet der Konstanzer Oberbürgermeister Uli Burchardt. «Die Prinzipien sind fast gleich.» Alles basiert auf Nachhaltigkeit – man kann nur ernten, was man säht. Burchardt muss es wissen. Der in Kaltbrunn bei Konstanz aufgewachsene Sohn eines Geschichtsprofessors ist politischer Quereinsteiger. «Ich war ein verkrachter Schüler.» Mit 18 habe er die Schule verlassen, um eine Lehre als Landwirt zu machen. Danach hängte er ein Studium als Forstwirt dran und begann beim Designkaufhaus Manufaktum. Burchardt  stieg ins Management auf und machte sich später als Berater und Dozent selbstständig. Erst im Jahr 2000 überlegte er, in einer Partei einzutreten. Er entschied sich für die CDU und gegen die Grünen. Ironischerweise bekam er ausgerechnet wegen der Fällung einer Pappelallee grossen Gegenwind. Bürger auf beiden Seiten der Grenze wollten die Aktion stoppen.

In seinem Buch «Ausgegeizt! Wertvoll ist besser - Das Manufactum-Prinzip» beschreibt Uli Burchardt, wie Unternehmern Wertvolles erfolgreich vermarkten.  

Die Autorin dieses Artikels, Kerstin Conz, wurde in Ulm geboren und zog in den 90er-Jahren während ihres Studiums nach Kreuzlingen. Nach einem Auslandstudium in England absolvierte sie ein Zeitungsvolontariat und wurde Journalistin. Als landespolitische Korrespondentin berichtete sie aus Stuttgart über Fluglärm, Steuer CDs und andere deutsch-schweizerischen Streitigkeiten. 2008 kehrte sie zur Familiengründung nach Kreuzlingen zurück. Seitdem berichtet sie freiberuflich für verschiedene Medien und arbeitete für das baden-württembergische Integrationsministerium. 2011 begleitete Kerstin Conz den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann bei seinem ersten Staatsbesuch in den Aargau. Nach dem Streit um den Schülertourismus an der Grenze 2014 beschloss sie, selbst etwas zur Nachbarschaftspflege beizutragen und rief zusammen mit dem Ellenrieder Gymnasium, der Kreuzlinger Kantonsschule und dem Lilienberg Unternehmerforum das grenzübergreifende Start-up Projekt «Jung am Start» ins Leben.

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