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Freundschaft per Mausklick? Wie sich Freundschaften und Kontakte im digitalen Zeitalter verändern

07.02.2018

Wie viele Facebook-Freunde haben Sie? 100? 200? 1000? Sind Sie überhaupt dabei bei Facebook? Nicht? Und trotzdem glücklich? Laut einer Studie von Stephen Wolfram von Wolfram Research beträgt die durchschnittliche Anzahl «friends» bei  Facebook 342. Auf einigen Plattformen kann man auch Likes und Freunde kaufen: Für Facebook bezahlt man für 5000 «Fans» angeblich 80 Euro, bei LinkedIn ist es teurer. Sie sehen, die Muster der Kontakte ändern sich.

Freundschaft per Mausklick? Wie sich Freundschaften und Kontakte im digitalen Zeitalter verändern
Dank Facebook & Co ist es heute möglich, problemlos und simultan mit einer grossen Anzahl von Leuten in Kontakt zu sein. Die Intimität des einzelnen Kontakts fehlt allerdings.

Digitalisierung: von der Veränderung…

Es dürfte unbestritten sein, dass die Digitalisierung unser Leben – und insbesondere die Art und Weise, wie wir Kontakte pflegen – massiv verändert: der «Aufwand» pro Kontakt sinkt deutlich, ebenso die Reaktionszeiten. Mit Freunden ohne Zeitverzug kommunizieren zu können, kann die Spontaneität erheblich erhöhen. Schreibgewandtheit wird zweifellos  zum «asset», Rechtschreibefehler sind kein Thema, Emojis verstärken die Botschaften und versuchen, einen Hauch von Gefühlen mitzuliefern.

Der Digitalisierung ist es auch gelungen, den «generation gap» zu überwinden: «Plattformen» sind nicht mehr ausschliesslich der Treffpunkt der Generation Y, sondern die Grosseltern stehen unter Zugszwang, (mindestens) WhatsApp zu benützen und Facebook zu kennen, sonst geht der Kontakt mit den Enkeln verloren. Und sie tun es mit Leidenschaft. Der digitale Graben, so es ihn noch gibt, zwischen den Generationen ist faktisch zugeschüttet: Gemäss einer Erhebung des Bundesamts für Statistik arbeiten 91 Prozent  der Bevölkerung mit einem PC,  bei den ü65 sind es immerhin noch 77 Prozent – Tendenz steigend.

…. und der Tendenz zur Unverbindlichkeit

Es müssen ja nicht gleich die Tweets des amerikanischen Präsidenten sein, aber:  Die Flüchtigkeit der digitalen Kontakte ist auch oft ein Grund für Unverbindlichkeit: Weil der Kontaktaufwand gering ist, tastet man sich an Themen und Situationen heran. Korrekturen sind subito und jederzeit möglich. Als gutes Beispiel mögen Terminabsprachen gelten: Nicht gleich zu Beginn alles festlegen, sondern man startet mit einem Ort, einem Tag – und erst später wird’s konkret. Aber es funktioniert!

Zweites Beispiel: Weihnachtskarten. Was ist besser: Sie in unverbindlicher Form elektronisch an 500 Leute zu mailen oder handgeschrieben - verbindlich, persönlich, aber nur an 20 Personen? Klarer Fall, werden Sie sagen.

Wann ist eine Freundschaft eine Freundschaft?

Was steht denn am Anfang: Ist es der Mausklick-Kontakt, dem die Entwicklung zur persönlichen Freundschaft gelingt, oder gerade das Gegenteil, eine «traditionelle»  Freundschaft, die über die Zeit auch digital gepflegt wird? Beides ist möglich.

Muss man Freunden wirklich «face-to-face» begegnen? Sie erinnern sich: Brieffreundschaften (eben, die traditionellen) haben ja in der Vergangenheit auch oft langjährige Kontakte ermöglicht, nicht selten über weite Distanzen, und ab und zu ist auch mehr daraus geworden. Heute ist diese Art von Kontakten quasi der Technologie zum Opfer gefallen. Ist es zu bedauern? Es gibt Menschen, denen sind wenige, aber tiefe Kontakte wichtig – mit Zeit für gemeinsame Reflexion. Und es gibt Zeitgenossen, welche die Gesellschaft vieler schätzen und nicht in jede Botschaft Tiefsinniges verpacken.

Massgebend bei der Qualität von Kontakten und Freundschaften ist weniger die Art der Kommunikation (ob traditionell oder digital), sondern die Ausgestaltung des persönlichen Kontakts: «face-to-face» ist  zwar kein Garant für Nachhaltigkeit und Verlässlichkeit, und schon gar nicht für gleiche Meinungen und Wertehaltungen, aber es erlaubt, eine Person zu «erfassen», mit ihren Stärken und Schwächen, Wünschen und Ängsten, Freuden und Leiden – kurz:  ein Profil des Gegenübers zu erstellen, das einem Profil auf einer digitalen Plattform überlegen ist.

Eine Ausprägung der Digitalisierung ist, problemlos und simultan mit einer grossen Anzahl von Leuten in Kontakt zu sein: Die Intimität des einzelnen Kontakts fehlt, bilateral ist out. Dafür müssten die Botschaften wohl abgewogen sein, denn das Netz ist gnadenlos: Einmal online, lassen sich die Spuren nicht mehr verwischen. Das faktische Verschwinden von Raum und Zeit eröffnet ungeahnte Chancen und Risiken.

Und wann ist ein Kontakt ein Kontakt?

Interessant sind auf Internet-Plattformen auch die Vorschläge für Freunde, die ein Algorithmus generiert: Basierend auf bisherigen Kontakten, werden neue Ideen für Kontakte präsentiert – auch dies ein Technik-Derivat, das durchaus Anregungen geben kann, um neue Verbindungen zu knüpfen, ohne dass eine Menschenhand im Spiel war, so quasi «hors  sol». Die Weiterentwicklung auf der Basis der künstlichen Intelligenz wird der nächste Schritt sein.

Leute mit Distanz zur digitalen Welt sind rasch zur Stelle mit dem Vorwurf der «Abhängigkeit vom Smartphone». Und erst recht werden Anflüge von Suchtverhalten an den Pranger gestellt. Ist die Digitalisierung ein süsses Gift? Wie so oft, ist es die Dosis, die über gut oder schlecht  entscheidet: Wenn sich die Abhängigkeit  auf kritische Phasen (entscheidungsreife Projekte, Veränderungen im familiären Umfeld, Weichenstellungen) beschränkt, ist sie nachvollziehbar. Wenn aber jede Nacht ein digitaler Break eingelegt werden muss und der Geschäftspartner (noch schlimmer: der Mitarbeiter) mit Nachrichten um 2 Uhr in der Früh oder übers Wochenende zugetextet wird, dann ist es Zeit für einen Stopp: Freundschaften brauchen das Licht des Tages, und die Ruhe der Besinnung. Und der Mausklick gilt gemeinhin nicht als Werkzeug der Besinnung.

Max Becker

Dr. Max Becker ist Mitglied der Geschäftsleitung der CGZ Consulting Gruppe Zürich AG. Zuvor war er in leitender Personalfunktion bei ABB und der LafargeHolcim-Gruppe tätig. Er war ausserdem Präsident der Zürcher Gesellschaft für Personalmanagement (ZGP) und Vorstandsmitglied von HR Swiss sowie von Human Resources Swiss Exams (HRSE). Von 2007 bis 2015 führte er das Aktionsfeld Wirtschaft & Industrie beim Lilienberg Unternehmerforum.

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