Schlagzeugvirtuosin schöpfte die facettenreiche Vielfalt der Marimba voll aus
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Schlagzeugvirtuosin schöpfte die facettenreiche Vielfalt der Marimba voll aus

Datum: 24.09.2020

(stb) Eigentlich hätte das Lilienberg-Konzert mit Jacqueline Ott bereits im Juni stattfinden sollen. Doch die Corona-Pandemie machte den Organisatoren damals einen Strich durch die Rechnung. Im zweiten Anlauf klappte es. Am vergangenen Mittwoch trat Jacqueline Ott mit ihrer Marimba vor knapp 70 Zuhörern in Ermatingen auf. Das vielseitige Programm umfasste Kompositionen aus den verschiedensten Kulturkreisen und spannte den Bogen von Johann Sebastian Bach bis hin zu zeitgenössischen  Komponisten  wie Paul Smadbeck, Michael Burritt oder Evelyn Glennie, die zu den wichtigsten Förderern der solistischen Literatur für Marimba gehören. 

Die Winterthurerin Jacqueline Ott ist die wohl versierteste Schweizer Schlagzeugvirtuosin. Auch international gehört sie zu den Besten ihres Fachs. Am Lilienberg Rezital bewährte sie sich in fünf repräsentativen Stücken als überzeugende Musikerin, die gleichermassen über umfassendes Können, Phantasie, Sensibilität und Temperament verfügt. Sie entlockte an diesem Konzertabend ihrer Marimba die unterschiedlichsten Klänge und untermalte so die Geschichte des Instrumentes auf eindrückliche Weise. 

Afrikanische Vorläufer

Die Marimba ist ein Aufschlagidiophon, dessen Aufschlagstäbe mit Schlägeln, meist mit Holzschlägeln, angeschlagen werden. Seinen Klang erzeugt das Instrument durch gestimmte Holzplatten. Es gehört zur Familie der Xylophone, geht auf afrikanische Vorläufer zurück, wurde in Guatemala entwickelt und ist darüber hinaus vor allem in anderen mittel- und südamerikanischen Ländern sowie in Japan verbreitet. Die Marimba wird heutzutage vor allem im Orchester eingesetzt, als Solo-Instrument kommt sie dagegen eher selten zum Zug.

Jacqueline Ott liess im Lilienberg Zentrum die vier Schlägel mal wie eine Katze schleichen, mal in unglaublichem Tempo wirbeln, um dann zupackend wie mit Löwenpranken ins Fortissimo zu wechseln. Sie spielte zum Auftakt des Konzerts klangvoll das monumentale Prélude und drei weitere Sätze aus der Cello-Suite Nr. 6 von Johann Sebastian Bach. Sie gestaltete anschliessend im «Rhythm Song» von Paul Smadbeck einen schwebenden Klangteppich und versetzte die Zuhörer in ein fast meditatives Lauschen. Und sie sorgte dafür, dass die Tremoli in «Merlin for Marimba» von Andrew Thomas flimmerten und setzte jeden Akzent aus der Bewegung heraus.

Mit dem Körper spüren

Danach liess Jacqueline Ott die Marimba im «A little Prayer», einem Choral der schottischen Schlagzeugerin Evelyn Glennie, in ihrer vollen Schönheit mit warmen gewirbelten Akkorden erklingen, die tief in die Ohren und den Körper eindringen. Das Publikum erlebte diese Musik auf ganz besondere Weise, nämlich so, wie auch die taube Komponistin die Klänge wahrnimmt: mit dem Körper zu spüren. Evelyn Glennie hat das Werk übrigens als erst 13-jährige Jugendliche geschrieben. Bis heute ist es eine der am meisten gelobten Kompositionen des Marimba-Repertoires.

Als Schlussstück für ihr Programm wählte Jacqueline Ott die «Four Movements» des Amerikaners Michael Burritt – aus gutem Grund: Denn in Burritts Musik fliesst die ganze Entwicklung und Geschichte des noch immer jungen Konzertinstruments Marimba ein. Die «Four Movements» sind Charakterstücke und leben von der starken Bewegung sowie dem homogenen Klang.

Immer in Bewegung

Jacqueline Otts Spiel an ihrem grossen Instrument wurde im Lilienberg Zentrum oft auch zum Tanz: Virtuos mit zwei Schlägeln in jeder Hand spielend war die Musikerin in steter Bewegung. Und Jacqueline Ott zeigte, dass die Marimba zwar ein Schlaginstrument ist, also das Rhythmische in den Vordergrund stellt, dass sie mit ihrem weichen Klang aber auch sehr sinnlich zu singen vermag. Das Programm offenbarte dem Publikum ein Klangerlebnis, das die facettenreiche Vielfalt der Marimba und die Virtuosität ihrer Interpretin voll und ganz ausschöpfte. Die sichtlich beeindruckten Zuhörer bedankten sich dafür zu Recht mit anhaltendem Applaus.

Lilienberg Rezital vom 23. September 2020 mit Jacqueline Ott (Marimba); Gastgeber: Lilienberg Unternehmerforum, vertreten durch Susanne Rau-Reist; Moderation: Andreas Müller-Crépon.

Die Künstlerin

Jacqueline Ott studierte klassisches Schlagzeug und Klavier am Konservatorium Winterthur und schloss beide Ausbildungen mit dem Konzertreifediplom ab. Neben regelmässigen Auftritten als Solistin und Kammermusikerin war sie von 1995 bis 2018 Schlagzeugerin im Collegium Novum Zürich und arbeitete mit verschiedensten Komponisten und Dirigenten zusammen, unter anderem mit Heinz Holliger, Pierre Boulez, Sofia Gubaidulina und György Kurtag. Ihr grosses Interesse gilt dem Zusammenspiel in kleineren Formationen. Sie bereichert das Repertoire für Marimba mit der Vergabe von Kompositionsaufträgen und erarbeitet regelmässig eigene Arrangements. Jacqueline Ott sucht auch die teilweise intellektuelle Auseinandersetzung mit Neuer Musik. Ihre Vorliebe gilt jener Musik, die auch die Herzen der Zuhörer erreicht.