Meisterhaftes Spiel in spezieller Instrumentenkombination
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Meisterhaftes Spiel in spezieller Instrumentenkombination

Datum: 03.09.2021

Das Reed Quintet – nach dem englischen Begriff «Rohrblatt» benannt – umfasst fünf Instrumente, deren Ton jeweils durch ein schwingendes Doppel-Rohr erzeugt wird: Oboe, Klarinette, Saxophon, Fagott und Bassklarinette. Vorreiterin für das Spiel in dieser seltenen Instrumentenkombination war die holländische Gruppe Calefax. Sie etablierte in den vergangenen 35 Jahren ein weltweites Netzwerk für Kompositionen, Kompositionswettbewerbe und Arrangements. Auch das Schweizer Ensemble BlattWerk widmet sich dieser aufstrebenden Besetzung. 

Von Dinah Schollenberger und Stefan Bachofen

Am letzten Abend im August waren Martin Bliggenstorfer (Oboe), Jonas Tschanz (Saxophon), Richard Haynes (Bassklarinette), Nils Kohler (Klarinette) und Alvaro Canales (Fagott) zu Gast auf Lilienberg. Letzterer vertrat kurzfristig die erkrankte Elise Jacoberger. Die fünf Musiker boten ein ungewöhnliches Konzert mit teilweise hausgemachten, raffinierten Bearbeitungen von Musikstücken für Tasteninstrumente wie Klavier und Cembalo.

Der Klang eines Reed Quintet ist homogener als der eines klassischen Bläserquintetts, da der Ton bei allen Instrumenten auf dieselbe Art erzeugt wird. Gleichzeitig behält jede Stimme ihre eigene, unverwechselbare Prägung. Für Bearbeitungen bietet sich das hauptsächlich Klavier- und Cembalorepertoire an, wobei dem einheitlichen Klang des Tasteninstruments neue Facetten hinzugefügt, einzelne Stimmen und Akkorde individuell gestaltet werden können. 

Mit der «Suite Bergamasque» (benannt nach einem Tanz aus Bergamo) von Claude Debussy bildete ein Meisterwerk des französischen Impressionismus einer der Schwerpunkte im Konzertprogramm des BlattWerk Quintetts. In der Neuinstrumentierung dieses ursprünglich für das Klavier komponierten Werks erschienen die farbenprächtigen Klangbilder und figurativen Melodielinien in einem ganz neuen Licht. Speziell die für den französischen Impressionismus typische schwebende Harmonik kam in der Quintett-Besetzung gut zur Geltung.

Die «Suite Bergamasque» gehört zu den frühen Kompositionen Debussys, der um die Wende zum 20. Jahrhundert die Tür zur modernen Musik weit aufstiess. Besonders bekannt und beliebt, auch als Filmmusik, wurde der langsame Satz «Clair de lune». (ursprünglich «Promenade sentimentale»). Hier bekamen alle fünf Bläsersolisten die Gelegenheit, ihre Virtuosität in kurzen Solopartien zu zeigen.

Französischer Esprit

Nur kurze Zeit später, während des Ersten Weltkriegs komponiert, schlägt die Suite von Béla Bartók einen völlig anderen Tonfall an. Vom Volksliedgut (hier insbesondere von dessen Rhythmik) seiner ungarischen Heimat inspiriert, strebte Bartók nach einem simpleren, transparenteren Stil, um den vollgriffigen, schweren Klaviersatz der späten Romantik zu überwinden. Die französische Klavier- und Cembalotradition des Barocks gilt hingegen als prototypische Verkörperung von Leichtigkeit, Eleganz und freier Spielfreude, kurzum von französischem Esprit. Richard Haynes hatte diese von Bartók ursprünglich für Klavier gedachte Suite für ein Bläserquintett umgeschrieben.

Meisterhaftes Zusammenspiel

Die Bearbeitung von Jean-Philippe Rameaus Cembalosuite «La Triomphante» aus der französischen Barockzeit durch den Saxophonisten Raaf Hekkema vom Ensemble Calefax ist im Laufe der Zeit zu einem Klassiker des stetig wachsenden Repertoires für Reed Quintet geworden. Dennoch, und trotz meisterhaftem Zusammenspiel der fünf Musiker und dem feinen stilistischen Ensemble-Stil fehlte den drei gespielten Sätzen der rauschende, tragende Vollklang eines Cembalos. Die Musik wirkte durch die ­sorgfältige Artikulation und verschiedene Klangfarben zwar durchsichtig und feingliedrig, aber irgendwie auch etwas trocken.

Reizvolle Waldszenen

Den Konzertabend beendete das BlattWerk Quintett mit sechs bekannten hochromantischen und bildhaften «Waldszenen» von Robert Schumann, die der Komponist in seinen produktiven letzten Dresdner-Jahren schrieb. In der farbigen Bläserbesetzung erklangen sie äusserst reizvoll. Als «Eintritt» entfaltete sich eine anmutige, melodienselige romantische Musik mit singender Oberstimme und hingetupften Begleitfiguren. Eine farbenfrohe, brillant und munter gespielte Jagdstimmung wurde in «Jäger auf der Lauer» musikalisch plastisch beschrieben. Langsam und zart entzückte der filigrane «Vogel als Prophet». Mit fein differenziertem Klang und in sich gekehrter Verträumtheit beschrieb das Stück «Einsame Blume» die sprichwörtliche «blaue» Blume der Romantiker mit versonnenem Ausdruck. «Freundliche Landschaft» verhiess endlich freie Aussicht und Befreiung aus der Enge des verwunschenen Waldes. Wogende Triolen in B-Dur deuten das Wiegen der Blätter im Wind an. Und im «Jagdlied», sozusagen als fröhlicher Kehraus, schallten die Jagdhörner von galoppierenden Reitern durch den Wald.

Von intim bis strahlend

Das BlattWerk Quintett faszinierte die gut 70 Zuhörerinnen und Zuhörer mit Ideenreichtum und packendem Spiel. Die fünf Holzblasinstrumente erzeugten einen wandelbaren Klang, der von kammermusikalischer Intimität bis zu strahlender orchestraler Kraft reichte. In Ermatingen gewährte die Bläser-Formation einen Einblick in die Welt ihrer aussergewöhnlichen Besetzung. Die Töne der Tasten in den im Original für Klavier oder Cembalo geschriebenen Werken wurden auf die fünf Holzblasinstrumente perfekt verteilt.

Lilienberg Rezital vom 31. August 2021 mit dem BlattWerk Quintett (Martin Bliggenstorfer, Oboe, Jonas Tschanz, Saxophon, Alvaro Canales, Fagott, Richard Haynes, und Nils Kohler, Klarinette; Gastgeber: Lilienberg Unternehmerforum, vertreten durch Susanne Rau-Reist; Moderation: Eva Oertle Zippelius.

Der kubanische Maler José Luis Ochoa Lescay wird auch bei den beiden Rezitals vom 29. September und vom 20. Oktober anwesend sein und seine Bilder persönlich erläutern.

Maler aus Kuba verleiht LILIENBERG-Rezitals einen Farbtupfer

Im Anschluss ans Rezital präsentierte der kubanische Maler José Luis Ochoa Lescay bei einem Apéro eine Auswahl seiner Bilder, die noch während knapp zwei Monaten in verschiedenen Räumen auf LILIENBERG zu sehen sind. Der Künstler wird auch bei den Konzerten vom 29. September und vom 20. Oktober 2021 persönlich anwesend sein. Geniessen Sie deshalb diesen Herbst die faszinierende Mischung von Musik und Kunst und lernen Sie nach den beiden Konzerten den Maler aus Kuba kennen, der den Rezitals im wahrsten Sinne des Wortes zusätzliche Farbtupfer verleiht. Die LILIENBERG-Konzerte beginnen jeweils um 18 Uhr. Die Präsentation der Bilder mit gleichzeitigem Apéro ist für 19.30 Uhr geplant.

Das BlattWerk Quintett

Die Musikerin und die vier Musiker – alle international tätig – fanden im Jahr 2016 zusammengefunden und gründeten das BlattWerk Quintett. BlattWerk ist ein Reed Quintet: Die fünf Künstler spielen auf Holzblasinstrumenten, wovon sie jeweils jedes mit einem Rohrblatt zum Klingen bringen. Das Repertoire der Bläser-Formation ist breit angelegt: sowohl Originalstücke aus den vergangenen 30 Jahren wie auch Neubearbeitungen von Klavier- und Orchesterwerken finden darin Platz. Ausserhalb ihrer Tätigkeit beim BlattWerk-Quintett sind die Musikerin und die Musiker regelmässig zu Gast bei Klangkörpern wie im Tonhalle Orchester Zürich, der Philharmonia Zürich, der Basel Sinfonietta, der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen sowie dem Klangforum Wien, Ensemble Intercontemporain und Ensemble Musikfabrik.

Das BlattWerk Quintett besteht aus Martin Bliggenstorfer (Oboe), Jonas Tschanz (Saxophon), Elise Jacoberger (Fagott), Richard Haynes (Bassklarinette) und Nils Kohler (Klarinette). Da Elise Jacoberger erkrankte, wurde sie am LILIENBERG-Konzert kurzfristig durch Alvaro Canales vertreten.