Französischer Oboen-Star entführte das Publikum in die Welt der Oper
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Französischer Oboen-Star entführte das Publikum in die Welt der Oper

Datum: 08.01.2020

Über ein Vierteljahrhundert Erfahrung hat sie als Oboistin – die 33-jährige Französin Mathilde Lebert. Schon als Kind war für sie klar: «Ich will mein Leben lang Musik machen.» Und die jahrelange Arbeit zahlte sich aus. Das spürten auch die Zuhörer des letzten Lilienberg Rezitals in diesem Jahr, bei dem Mathilde Lebert, am Klavier begleitet von Sylvie Barberi, auftrat und das Publikum in die Welt der Oper entführte – locker vital und technisch perfekt.

Von Stefan Bachofen

Mathilde Lebert beim Oboe-Spielen zuzusehen ist eine Freude: «Ich glaube, das Wichtigste ist, dass man die Musik nicht einfach nur als auf ein Blatt geschriebene Noten sieht. Man muss sie fühlen und mitdenken», sagte sie, als sie 2016 in Muri einen internationalen Oboen-Wettbewerb gewann – ihr bisher grösster Erfolg (siehe Textbox). Das Gefühlvolle, das doch nie ins Prätentiöse verkommt, war auch kennzeichnend für ihren Auftritt im Lilienberg Zentrum. Lebert zeigte, dass das Oboe-Spiel fast ein bisschen wie Hochleistungssport ist: Die Atmung muss kontrolliert werden, jede Pause sitzen, jeder Ton die richtige Lautstärke haben.

Vollzeitjob in Frankreichs Nationalorchester

Mathilde Lebert hat als kleines Mädchen mit dem Violoncello angefangen, ist dann auf Klarinette und Oboe umgestiegen und spielt seither, seit sie fünf ist, nichts anderes: Im Nationalorchester Frankreichs tritt Lebert mehrmals pro Woche an Konzerten auf – ein Vollzeitjob. Experten zählen sie zu einer Gruppe von Musiktalenten, die drauf und dran sind, dereinst als die neuen Stars der Klassikszene von sich reden zu machen.

Zwei Sonaten – die eine von Gaetano Donizetti, die andere von Camille Saint-Saëns – standen im Mittelpunkt des Lilienberg Konzerts.Donizetti ist einer jener italienischen Komponisten, die sich fast ausschliesslich der Oper widmeten. All seine übrigen Werke, meist Gelegenheitskompositionen, geraten da leicht in Vergessenheit. So wurde die zweisätzige Oboensonate in F-Dur erst 1966 wiederentdeckt, über 100 Jahre nachdem Donizetti sie komponiert hatte. Seither gehört sie jedoch zum festen Repertoire für die Oboe. Die Hand des Opernkomponisten ist stilistisch deutlich spürbar, denn das Werk orientiert sich punkto Dramaturgie und Aufbau stark am Muster der Oper. Es dürfte als «klassische Unterhaltungsmusik» den Künstlern wie dem Publikum gleichermassen Vergnügen bereiten.

Oboensonate im hohen Alter geschrieben

Auch Camille Saint-Saëns, der elegante «Grand Seigneur der Romantik», wie ihn Moderator Andreas Müller-Crepon nannte, ist nicht primär für seine Holzbläser-Kompositionen bekannt. Erst 1921, im stolzen Alter von 85 Jahren, begann er damit, «seine letzte Kraft dafür zu verwenden, das Repertoire der sonst so vernachlässigten Holzblasinstrumente zu erweitern», schrieb er damals einem Freund. Von den geplanten sechs Sonaten konnte er jedoch nur noch drei vollenden: unter anderem die dreisätzige Sonate für Oboe mit Klavier. Sie bezaubert schon beim ersten Hören durch ihre gesangliche Solostimme und ihren pastoral-idyllischen Charakter. Der erste Satz erinnert an barocke Formen, während der zweite mit einem verzierten Gesang des Blasinstruments beginnt und dann zu einer Pastorale, also Instrumentalmusik überleitet. Das Finale ist spielerisch bewegt.

Moderne Werke

Zwischen den beiden Sonaten brillierte Mathilde Lebert mit der «Poème» von Marina Dranishnikova. Die Russin, die von 1938 bis 1986 lebte, war angeblich durch die unglückliche Liebe zu einem Oboisten zu ihrem «Poème» angeregt worden. Das Stück aus dem Jahr 1953 stellte vor allem wegen seiner Tonartenwechsel und seiner abwechslungsreich gestalteten Melodie mit ihren unbetonten Zwischen-  und Durchgangstönen hohe Ansprüche an die Künstlerin.

Auch die verträumte «Vocalise-Etude» des Klangmagiers Olivier Messiaen, der in Frankreich zu den führenden Komponisten der Neuzeit zählt, ist ein modernes Stück und stammt aus dem 20. Jahrhundert. Messiaen schrieb es ursprünglich für Sopran und Klavier.

Den Schlusspunkt des offiziellen Programmteils setzten Mathilde Lebert und Sylvie Barberi mit dem verspielt opernhaften Capriccio op. 80 für Oboe und Orchester von Amilcare Ponchielli. Lebert spielte die Soli fein und melodiös. Ponchielli, der Schöpfer der Oper «La Gioconda» schenkte mit diesem Werk allen Oboisten ein Paradestück, das heute in Schule und Konzert unverzichtbar geworden ist.

Das Oboenspiel von Mathilde Lebert war an diesem Abend überaus nuancenreich und der Bezug zur Oper unverkennbar – auch in der «Arie des Lensky» aus «Eugen Onegin» –  der wohl populärsten Oper Tschaikowskys – die Lebert als Zugabestück wählte. Die Künstlerin bewegte sich während gut einer Stunde zwischen lockerer Vitalität, technischer Perfektion und intensiver Formgestaltung und sorgte dabei mehrmals für Gänsehaut-Effekt.

Lilienberg Rezital vom 12. November 2019 mit Mathilde Lebert (Oboe) und Sylvie Barberi (Klavier);Gastgeber: Lilienberg Unternehmerforum, vertreten durch Susanne Rau-Reist; Moderation: Andreas Müller-Crepon.