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Ehemaliger SRF-China-Korrespondent gab vielschichtigen Einblick ins «Reich der Mitte»

Datum: 13.03.2020

(cv) Aktueller hätte das Thema nicht sein können: Steht China an sich schon seit längerem im Fokus des weltweiten Interesses, so wird dem «Reich der Mitte» seit einigen Wochen noch mehr Aufmerksamkeit zuteil. Stichwort ist hier das Coronavirus, das seinen Anfang in China hatte und sich von dort in Windeseile in weite Teile der Welt verbreitet. Der frühere SRF-Chinakorrespondent Pascal Nufer und Lilienberg-Moderator Matthias Wipf hatten sich allerdings für den Talk vom 6. März zum Ziel gesetzt, ein möglichst breites Bild von einem äusserst vielfältigen und widersprüchlichen Land zu entwerfen. In der Folge kann hier allerdings nur auf einige wichtige Aspekte des reichhaltigen Gesprächs eingegangen werden, das der gut informierte und umsichtig vorbereitete Moderator mit dem sympathischen Thurgauer Journalisten geführt hat.

Seit seinem Beginn in China vor sechs Jahren, berichtete Pascal Nufer den rund hundert faszinierten Zuhörerinnen und Zuhörern, habe sich sehr Vieles in China zum Negativen verändert: Vor allem die Arbeit für Journalisten sei schwieriger geworden, Überwachung und Einschüchterung seien stärker geworden und man müsse als Journalist immer mehr Zeit darauf verwenden, die Zensur auszutricksen und Gesprächspartner und Quellen zu schützen. Denn die Überwachung der Menschen habe in den vergangenen Jahren massiv zugenommen, nicht nur mit den viel erwähnten Gesichtserkennungssystemen, sondern – viel effektiver – über die iPhones, von denen praktisch jeder Chinese eines verfüge oder verfügen muss. Wirklich unabhängige Journalisten gebe es in China heute nur noch wenige; sie sind starken Einschränkungen unterworfen und fristen ein schwieriges Leben.

Nufer ging auch ausführlich auf das System des «Sozialkredit» ein, wonach jeder Mensch in China, aber auch ausländische Arbeitskräfte oder Unternehmen, dauernd bewertet werden gemäss dem Verhalten in der Öffentlichkeit und den Behörden gegenüber. Dieses System sei so konzipiert, dass Menschen mit «wenig Sozialkredit» bestraft würden, indem sie beispielsweise keine Flugtickets oder Eisenbahnbillette kaufen könnten oder nicht für die Gründung von Unternehmen zugelassen würden. Das besonders Stossende sei vor allem die völlige Intransparenz des Systems, das auch keine Nachfragen, geschweige denn Rekurse, zulasse. Die Menschen sind einem übermächtigen, anonymen System ausgeliefert.

Die Chinesen – so Nufer – nehmen sehr vieles in Kauf, denn der Staat habe das «Versprechen» abgegeben, dem Land Fortschritt und Wohlstand zu bringen. Und so lange dieses Versprechen eingehalten werde, akzeptiere man sehr vieles. Doch just der Ausbruch des Coronavirus – vor allem aber die grossen Fehler, die zu Beginn passiert sind – haben diesen «Pakt» zwischen Volk und Partei ins Wanken gebracht. Doch auch Nufer konnte nicht sagen, wie es damit weitergehen wird. Das Coronavirus sei jedenfalls die grösste Herausforderung für Peking seit 1989 (Tienanmen-Massaker).

Zu sprechen kam man an diesem Abend auch auf die Rolle von Xi Jingping, der tatsächlich so viel Macht vereinige wie in China seit Jahrzehnten nie mehr eine einzelne Person gehabt habe. Nufer erklärte, dass Xi nicht mit einem Diktator im Sinne eines Putin oder eines Erdogan vergleichbar sei, sondern vielmehr als eine Figur verstanden werden muss, die von der tonangebenden Gruppe innerhalb der sehr grossen und heterogenen Kommunistischen Partei als Aushängeschild installiert worden ist. Geht die Corona-Krise glimpflich aus, dann wird Xi gestärkt, passiert das Gegenteil, so ist mit seiner Demontage zu rechnen. So lange die Wirtschaft gut läuft, kümmern sich die allermeisten Chinesen nicht um Politik.

Fasziniert ist Nufer vom «Drive», den China entwickelt hat, der ansteckend wirkt und die ganze Welt einbezieht und beeinflusst. China hat sich wieder zum «Reich der Mitte» gemacht, dem quasi die Welt gehört. China ist heute ein Staat, der bis weit hinten in fast alle Winkel des Landes gut organisiert ist. Dieser Drive weckt auch – zu Recht gemäss Nufer – langsam Angst vor diesem Land, denn die Weltwirtschaft mit seinen Wertschöpfungsketten sind sehr krass von einem einzigen Land abhängig, was sich jetzt sehr deutlich zeigt. Die anderen Staaten müssen sich genau überlegen, wie sie künftig mit China umgehen wollen. Eine neue Art Kalter Krieg gegen China könne es aber nicht sein.

Zuletzt sprach Nufer auch über den grossen Hunger nach Spiritualität aller Art im Land. Religion in all ihren Facetten und Schattierungen sei wieder stark gefragt, so gehöre das Christentum in China zu den am raschesten wachsenden Glaubensgemeinschaften des Landes, aber auch der Erde. Doch auch im Bereich der Wahrsagerei sei die Nachfrage sehr gross, oft – und das gehöre auch zu China – gehen Tradition und Moderne Hand in Hand: Viele Apps ermöglichen es, den geeigneten Wahrsager oder ein gutes Medium zu finden.

Genau zu diesem Thema zeigte Pascal Nufer dann auch exklusiv für das Lilienberg Publikum einen längeren Ausschnitt aus seiner neuen, vierteiligen Dok-Serie unter dem Titel «Mein anderes China», die er für 3Sat produziert hat und die im kommenden Frühsommer ausgestrahlt werden wird. Damit will Nufer dasjenige Bild von China, das er als offizieller Korrespondent eingeprägt erhalten und den Zuschauern in der Schweiz übermittelt hatte, durch Einblicke in ganz andere Regionen und Facetten des Landes anreichern, vor allem mit Geschichten aus diesem unendlich grossen und vielfältigen Land und seinen Bewohnerinnen. Nufer gab unumwunden zu, dass diese Dok-Serie ihn persönlich auch mit China «versöhnen» soll, hat ihn doch das fünfjährige eigentliche Katz-und Maus-Spiel mit dem offiziellen und strengen China des Regimes auch zermürbt und müde gemacht.

Lilienberg-Talk vom 6. März 2020 mit Pascal Nufer, ehemaliger SRF-Korrespondent, Shanghai: «Mein unbekanntes China – persönliche Einblick ins Reich der Mitte» - Moderation: Dr. Matthias Wipf.