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«Die Schuhsohle ist das wichtigste Arbeitsinstrument des Journalisten»

Datum: 08.01.2020

173. Lilienberg Gespräch mit Hannes Britschgi, Leiter der Ringier Journalistenschule

Der frühere «Rundschau»-Moderator Hannes Britschgi brach bei seinem Besuch auf Lilienberg eine Lanze für gut recherchierten Journalismus. Für gute Geschichten, auch  solche für Printmedien, müssten die Journalisten den Schreibtisch verlassen und ins tägliche Leben eintauchen. «Kampagnen hingegen haben ihre Grenzen, sie dürfen nicht überdehnt werden», betonte er.

Von Marcel Vollenweider

Moderator Dr. Andreas Jäggi setzte die ersten Gesprächsthemen in der Biographie von Hannes Britschgi. Dieser machte einen eher ungewöhnlichen Ausbildungsweg auf seinem Weg zum vielseitigen Medienprofi. Der studierte Jurist und Inhaber des Anwaltpatents schwenkte schon früh auf eine Karriere als versierter Medienmann ein.

«Ich habe das Staatsexamen gemacht, damit ‚die Sache’ erledigt war, eben eine fundierte Ausbildung im Rucksack zu wissen», sagte er. Diese habe ihm später ganz klar Türen geöffnet. «Welcher mutmassliche Arbeitgeber hat denn schon Interesse an einem Studienabbrecher?», fragte Britschgi. Es sei für ihn bereits während des Studiums der Rechtswissenschaften klar gewesen, dass es danach in eine andere Richtung weitergehen würde.

Als Anwalt zum vielseitigen Medienprofi

Den ersten Bezug zur Medienarbeit erlebte der heute 64-Jährige, als er mit Gleichgesinnten «eine Schweizer Stadt mit einer Festzeitung fluten» wollte. «Ich musste da quasi einen Schnellkurs im Zeitungsmachen absolvieren, machte das Layout und schrieb mein erstes Editorial», erzählte Britschgi.

Der professionelle Einstieg in die Welt der Medien erfolgte für Britschgi dann beim Schweizer Fernsehen. Er fand dort eine Anstellung. «Das Sendeformat Karussell bot mir die Gelegenheit, das Journalisten- und Moderationshandwerk von Grund auf zu lernen», führte er aus. In einem nächsten Schritt habe er seriös zu recherchieren gelernt.

An die ersten Gehversuche vor der Kamera erinnert sich Britschgi mit einem leichten Schaudern. «Dies wollte ich ja nicht zwingend. Ich bin Tausend Tode gestorben, als erstmals das rote Lämpchen leuchtete», blickte er zurück. In der nachfolgenden Sendekritik sei er «scheibchenweise niedergemetzelt» worden.

In Lichtgeschwindigkeit in neue Dossiers eingearbeitet

«Meine Stärke war, mich ins Gespräch mit Leuten einzulassen und Leben in die Bude zu bringen», führte Britschgi aus. Dieses Talent, diese Gabe blieb auch den Fernsehverantwortlichen nicht verborgen. Britschgi sieht eine Schwierigkeit bei Interviews, dass man als Moderator stets mit Spezialisten konfrontiert sei. «Als ‚professionelle Dilettanten’ mussten wir stets hart arbeiten, um uns thematisch anzugleichen», meinte er. Das Einarbeiten in neue Dossiers müsse quasi in Lichtgeschwindigkeit vor sich gehen.

Knallhart, aber nie unter der Gürtellinie

Während seiner Zeit als Moderator des Polit- und Wirtschaftsmagazins Rundschau mit dem gefürchteten «heissen Stuhl» habe er viele Gesprächsgäste zum Kommen überzeugen müssen. «Frech sein darf man als Moderator nie, aber klar in der Sache», betonte Britschgi. Wenn den Gesprächsgästen bewusst sei, dass auf sachlicher Eben zwar knallhart gefragt werde, aber nie unter der Gürtellinie, dann trage dies zur Belebung einer Sendung bei.

Umgang mit latenter Aktualität

Nach 15 Jahren Fernsehtätigkeit wechselte Hannes Britschgi 2001 in den Print-Journalismus und wirkte während drei Jahren als Chefredaktor des Nachrichtenmagazins «Facts». «Das war eine super leidenschaftliche Zeit», erinnerte er sich. Er habe sich stets mit der Frage konfrontiert gesehen, wie mit der latenten Aktualität umzugehen sei. «Neben der unabdingbaren journalistischen Kreativität ermöglichte vor allem auch die menschliche Kreativität teils unglaubliche Leistungen», betonte Britschgi.

Im Austausch mit dem Publikum führte Britschgi zur Frage eines Votanten, ob heutzutage überhaupt noch verlässlicher Journalismus möglich sei, aus, dass der klassische Journalismus die fantastische Aufgabe habe, in der herrschenden Nachrichtenflut einzuordnen, zu gewichten, Quellen zu klären und den Umgang mit Fakten zu definieren. Britschgi steht vehement dafür ein, dass trotz Digitalisierung in der Medienlandschaft das «Rennen nach möglichst vielen Klicks» nicht den Inhalt des Journalismus bestimmen dürfe.

Printjournalisten müssten auch die Gabe haben, ein Thema mal weiterzuverfolgen, um nachhaltige Informationen zu liefern. «Kampagnen zu führen ist aber eine Kunst», schränkte er ein, denn solche hätten Grenzen und könnten schnell einmal überdehnt werden.

In seiner Tätigkeit als Leiter der Ringier-Journalistenschule ist es Britschgi wichtig, auch raus ins Alltagsleben zu gehen und vor Ort für Geschichten zu recherchieren. «Ständig in der virtuellen Welt zu verharren erachte ich als falsch. Die ‚Schuhsohle’ ist aus meiner Sicht für den Journalisten nach wie vor das wichtigste Arbeitsinstrument», so Britschgi.

Lilienberg Gespräch vom 29. Oktober 2019 mit Hannes Britschgi, Leiter der Ringier Journalistenschule; Moderation: Dr. Andreas Jäggi, Themenfeld Medien & Kommunikation.