• News
  • News
  • Was die Wirtschaft vom menschlichen Organismus lernen kann

Was die Wirtschaft vom menschlichen Organismus lernen kann

Datum: 19.03.2020

Der menschliche Organismus ist perfekt organisiert. Von Leber, Niere, Herz und Lunge bis zum Nervensystem über die Knochen und Gelenke - ein perfektes und aufeinander abgestimmtes Zusammenspiel mit definierten Aufgaben und klaren Verantwortlichkeiten. Dafür, dass wir nicht krank werden, sorgt unser Immunsystem. Dieses wehrt nämlich rund um die Uhr schädliche Keime wie Bakterien, Viren und Pilze ab. Und so versucht es sich aktuell gerade gegen das Coronavirus zu wehren.

Wie sieht es nun aber für den Organismus «Wirtschaft» aus? Ist dieser auch so perfekt wie der Menschliche? Wenn man ein einzelnes Unternehmen als wirtschaftlich selbständige Organisationseinheit mit einem einzelnen Organ vergleicht, vielleicht schon. Es existiert eine stimmige Organisationsstruktur, eine gefragte Produkt- oder Dienstleistungspalette, die Firma verfügt über zufriedene und gesunde Mitarbeitende etc.

Nun ist ein einzelnes Unternehmen aber Teil einer grösseren Wirtschaftseinheit. Und die internationale Verflechtung unter den Wirtschaftseinheiten führt zu gegenseitigen Abhängigkeiten. Bei einer normalen Grosswetterlage funktioniert das Zusammenspiel der Gesellschaften, Staaten, Institutionen und Unternehmen grundsätzlich gut.

In Zeiten von Corona zeigt es aber deutlich: In einer ausserordentlichen Lage verstärkt die internationale Verflechtung Probleme und Krisen. Das wirtschaftliche Immunsystem versagt, der wirtschaftliche Organismus kollabiert. Die Folgen: Liefer-Engpässe, unterbrochene Produktionsketten, höhere Preise, massive Kursverluste an den Börsen. So fehlen uns heute hunderte von Medikamenten - und dies nicht erst wegen Corona.

Die Konzentration auf kurzfristige lokale Ziele führt in vielen kritischen Bereichen weder langfristig noch global zu vorteilhaften Ergebnissen. Ein Sprichwort besagt: «Tue nie was alle machen!» Und wir tun es dennoch... Oder wie ist es zu erklären, dass sich die Produktion vieler Medikamente auf ein paar wenige Hersteller konzentriert? Diese wiederum sind teilweise auf einen einzigen Wirkstoff-Hersteller angewiesen. Und wir - die kleine Schweiz, beziehungsweise unser kleiner Markt - sind dann doppelt betroffen. Denn andere, wichtigere Staaten kommen zuerst zum Zug.

Ist das nun der ultimative Fortschritt? Dann müsste man sich ja auch die Frage stellen, ob es auch ein Fortschritt ist, wenn ein Kannibale beim Essen das Messer und die Gabel benutzt.

Die Gefahr heute besteht darin, dass möglichst rasche Antworten auf tagesaktuelle Geschehnisse immer stärker in den Fokus rücken und langfristige Folgeerscheinungen aus den Augen verloren gehen. Oft bestimmen individuelle Präferenzen unser Handeln. Meist eigennütziges, uneingeschränktes Gewinnstreben führen nicht mehr zum Optimum. Im Gegenteil.

Ein zukunftsfähiges globales Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell sollte Risiken mindern und widerstandsfähig gegenüber Krisen sein. Welchem Menschen käme es in den Sinn, freiwillig Leber, Niere oder Lunge auszulagern?

Daniel Anderes, CEO Lilienberg