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Bekämpfung des Corona-Virus: Die negativen Nebenwirkungen dürfen nicht grösser sein als die Anzahl geretteter Lebensjahre

Datum: 15.01.2021

Eine Gesundheitsökonomin, ein Bestatter und ein Pfarrer im Gespräch – eine Fiktion mit einem sehr ernsten Hintergrund

Ein Gastbeitrag von Dr. Werner Widmer, ehemaliger Direktor der Stiftung Diakoniewerk Neumünster – Schweizerische Pflegerinnenschule und weiterer namhafter Spitäler 

(cv) Seit bald einem Jahr steht die Welt, und damit auch die Schweiz, ganz im Banne des Coronavirus und seiner Bekämpfung. Nach den alarmierenden Berichten über die hohe Zahl an Todesfällen in Italien beschloss der Bundesrat im März 2020 den ersten Lockdown, ganz ähnlich wie das die allermeisten anderen Staaten auch taten. Zwischen März und Mai 2020 kamen das gesellschaftliche, wirtschaftliche, politische, kulturelle, sportliche und kirchliche Leben und der Hochschul-Unterricht nahezu zum Erliegen. All diese Massnahmen veränderten das Leben innert weniger Tage dramatisch. Nach einer deutlichen Lockerung im Sommer wurden Ende Jahr und erneut vor einigen Tagen die «Anti-Corona-Schrauben» deutlich angezogen, vor allem wegen des Auftretens des mutierten Covid-Virus. Alle diese Massnahmen dienen dazu, eine Überlastung des Gesundheitswesens, vor allem der Intensivstationen und ihres Personals zu verhindern. Die drastischen Massnahmen beeinträchtigen in einem noch nie dagewesenen Mass das Leben der Gesellschaft und haben für sehr viele Menschen gewaltige Nebenwirkungen und verursachen Kosten in schwindelerregender Höhe. 

Die Massnahmen und ihre Folgen haben aber sehr viele Reaktionen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft ausgelöst und zu vielen staatspolitischen, juristischen, pädagogischen, psychologischen, theologischen und ökonomischen Fragen geführt. Die Massnahmen haben auch Scharlatane und Verschwörungstheoretiker auf den Plan gerufen und drohen die Gesellschaft zu spalten. Daher ist es sehr wertvoll, wenn sich Bürger und Bürgerinnen zu Wort melden, welche die Situation mit hoher Sachkenntnis und mit einem interdisziplinären Ansatz betrachten und analysieren. 

Eine solche Analyse liefert das von zwei Gesundheitsökonomen herausgegebene Buch «Corona in der Schweiz – Plädoyer für eine evidenzbasierte Pandemie-Politik». Die Autoren Werner Widmer und Konstantin Beck analysieren die Situation und die Massnahmen mit einem ganzheitlichen Blick, auch auf Politik und Wirtschaft. Sie befassen sich auch mit der Frage, warum und letztlich für welche Ziele weite Teile der Politik mit der Eindämmung von Corona so weit zu gehen bereit sind, dass sie damit extreme und langfristig spürbare Nebenwirkungen mit grossen Folgen für die jungen Menschen in Kauf nehmen. Letztlich geht es hier um nichts Geringeres als um unser Verständnis von Gesundheit und um unser Verhältnis zu Sterben und Tod.

Werner Widmer hat für Lilienberg anstelle einer Zusammenfassung das nachfolgende fiktive Gespräch zwischen einer Gesundheitsökonomin, einem Bestatter und einem Pfarrer verfasst. 


Eine Gesundheitsökonomin, ein Bestatter und ein Pfarrer im Gespräch

Gesundheitsökonomin: Sie sind also der Bestatter von hier? 

Bestatter: Ja, ich habe das Bestattungsinstitut von meinem Vater selig übernommen. Wir sind zuständig für die Bestattungen in den beiden Städtchen und all den Dörfern unserer Region. Im Ganzen sind es 87'000 Einwohner. Im Jahr gibt es rund 680 Todesfälle, also 13 pro Woche. *

Gesundheitsökonomin: Sie sind aber ein Zahlenmensch! Dabei haben Sie es doch mit Schicksalsschlägen, mit Leid und Trauer zu tun.

Bestatter: Ja, ich sehe viel Leid, zwei bis drei Bestattungen pro Arbeitstag – jetzt bin ich schon wieder bei den Zahlen gelandet, entschuldigen Sie.

Gesundheitsökonomin: Kein Problem, ich bin ja Ökonomin. Ich freue mich jedenfalls, Sie zu treffen…

Bestatter: Das höre ich eigentlich selten!

Gesundheitsökonomin: Doch, doch. Es ist wichtig, sich mit den Todesfällen auseinanderzusetzen, gerade jetzt.

Bestatter: Schon mein Vater sagte: «Das Einzige sichere im Leben ist der Tod, todsicher.» Man kann ihn einmal, zweimal überwinden, besiegen. Die moderne Medizin kann viel. Wir Menschen denken dann, der nächste Tod sei der bessere, aber ist er das? **  Man kann den Tod hinausschieben, aber schliesslich holt er jeden ein.

Gesundheitsökonomin: Es gibt aber auch das Umgekehrte: Immer mehr Menschen, die unter bestimmten Umständen auf lebensverlängernde Massnahmen verzichten wollen oder sogar selber bestimmen wollen, wann sie sterben. Es gibt im Pflegeheim Bewohnerinnen, die nicht in ein Spital überwiesen werden wollen, auch bei einer schweren Erkrankung.

Bestatter: Ja, das habe ich auch bei Covid-19-Patienten im Pflegeheim gesehen. Aber warum haben Sie vorhin gesagt, es sei gerade jetzt wichtig, sich mit dem Tod zu befassen?

Gesundheitsökonomin: Mit den Todesfällen, habe ich gesagt. Eben, wegen der Pandemie, Covid-19.

Bestatter: Warten Sie mal: Im März, April des vergangenenJahres gab es plötzlich nicht nur 13 Bestattungen pro Woche, sondern 15, 16, einmal sogar 19. Zu meiner Frau habe ich gesagt: «Das könnte für uns wieder ein Rekordjahr geben.» Nur zu ihr habe ich das gesagt. Aber dann gab es vom Mai bis Ende September keine 13 Bestattungen pro Woche, immer nur 11 oder 12.

Gesundheitsökonomin: Sehen Sie, genau deshalb ist es so wichtig, dass wir uns mit den Todesfällen befassen. Was Sie da beobachtet haben, die vielen Bestattungen im Frühling und dann die längere Phase mit etwas weniger Todesfällen als üblich, ist extrem wichtig.

Bestatter: Für wen? 

Gesundheitsökonomin: Für die Schweiz, für den Bundesrat, für alle!

Bestatter: Da kommt der Pfarrer!

Pfarrer: Guten Tag, ich höre, Sie sprechen vom Tod? 

Gesundheitsökonomin: Da sind Sie ja Experte! 

Pfarrer: Ich bin hoffentlich mehr ein Experte fürs Leben. Aber das Sterben gehört auch dazu. 

Bestatter: Mein Vater sagte immer: «Der Einzelne wehrt sich gegen den Tod, aber wenn niemand sterben und alle ewig leben würden, hätte es irgendwann auf der Erde keinen Platz mehr für Kinder. Dann müsste man ja das Gebären verbieten.» 

Gesundheitsökonomin: Ja, und als Bestatter hätte er dann auch keinen Job mehr gehabt! Aber ernsthaft, das ist ein interessanter Gedanke: Wenn wir sterben, schaffen wir Platz für die nächsten Generationen. So sehr es verständlich ist, dass Einzelne sich mit allen Mitteln gegen den Tod wehren, so fragwürdig wäre es, wenn die ganze Gesellschaft alle ihre Mittel zur Verhinderung des Todes verbrauchen würde.

Pfarrer: Wir sind sterblich. Und wir müssen Wege finden, mit dieser Tatsache zu leben. Die christliche Tradition hat die Sterblichkeit nie geleugnet. Aber sie hat den Tod auch nie als endgültiges Schicksal hingenommen, sondern vom Versprechen der Auferstehung aus dem Tod geredet. Insofern sind Christen Protestleute gegen den Tod und nehmen ihn nicht ohne Einspruch hin. Sie wehren sich so gut sie können gegen ihren eigenen Tod und den der Mitmenschen. Aber er ist nicht die absolute Katastrophe. ***

Gesundheitsökonomin: Das kommt mir in der ganzen Corona-Diskussion zu kurz. In den Medienauftritten des Bundesrates oder der TaskForce und in den allermeisten Zeitungsartikeln zum Thema Corona wird der Anschein erweckt, wir müssten jeden Tod verhindern, koste es, was es wolle. 

Bestatter: Vergangene Woche habe ich eine 101-jährige Frau aus dem Pflegeheim bestattet. Ihr Sohn sagte mir, die Mutter hätte ihn schon mehrmals gefragt, wann sie denn endlich sterben dürfe. Dieser Tod war sicher keine Katastrophe, eher eine Erlösung. 

Gesundheitsökonomin: Wir kommen dem, was ich sagen will, schon näher.

Bestatter: Also, wie ist das mit dem Bundesrat?

Gesundheitsökonomin: Wenn es sich bei allen Covid-19-Opfern um 101-Jährige handeln würde, die fragten, wann sie endlich sterben dürften, müsste der Bundesrat keinen Lockdown verordnen. Und umgekehrt würde die ganze Bevölkerung einem massiven Lockdown zustimmen, wenn die Pandemie massenhaft jüngere Menschen aus der Blüte des Lebens raffte.

Pfarrer: Die Realität liegt irgendwo zwischen diesen beiden Extremen. 

Bestatter: Aber wo?

Gesundheitsökonomin: Das ist die Frage. Und darum ist es wichtig, dass wir uns mit den Todesfällen befassen, genauer hinschauen und Unterschiede erkennen. Für uns Ökonomen ist es wesentlich, wie viele Lebensjahre bei einem Tod verloren gehen. Wenn ein 60-jähriger, gesunder Mensch an Covid-19 stirbt, der sonst noch 25 Jahre gelebt hätte, gehen mehr Lebensjahre verloren, als wenn eine gesundheitlich schon stark angeschlagene 90-jährige Person an Covid-19 stirbt. Sie hätte vielleicht nur noch einige wenige Monate weitergelebt.

Pfarrer: Aber Sie wollen doch nicht sagen, das Leben des 60-jährigen Gesunden sei mehr wert als das Leben der gesundheitlich angeschlagenen Person?

Gesundheitsökonomin: Jedes Leben ist unendlich viel wert. 

Pfarrer: Also doch!

Gesundheitsökonomin: Jedes Leben ist unendlich viel wert, aber das hilft uns nicht weiter. Die Gesellschaft kann nicht all ihre Mittel einsetzen, um jeden Tod in jedem Einzelfall zu verhindern, bzw. zu verschieben. 

Pfarrer: Halt, wir leben doch in einem der reichsten Länder der Welt!

Gesundheitsökonomin: Ja, aber die Frage ist, wie wir unseren Reichtum, unsere Mittel einsetzten, wofür wir sie brauchen wollen. Es ist sinnvoll, Kosten in Kauf zu nehmen, um zu verhindern, dass gesundheitlich angeschlagene Menschen wegen Covid-19 sterben. Aber die Kosten des Lockdowns und all der Massnahmen – ich spreche nicht nur von materiellen Kosten, sondern auch von immateriellen Beeinträchtigungen – müssen in einem vernünftigen Verhältnis stehen zu den Lebensjahren, die sie retten. Neulich habe ich gelesen, wir müssten aufpassen, dass wir nicht vor lauter Angst vor dem individuellen Tod, kollektiven Suizid begehen.

Pfarrer:  Das finde ich nun aber ebenso so krass, wie die Aussage, jeder Covid-19-Tote sei einer zu viel.

Gesundheitsökonomin: Einverstanden, wir sollten den Sinn und die Wirkungen der Massnahmen differenziert besprechen. Wenn wir das Leben durch harte Massnahmen retten wollen, müssen wir die sozialen Nebenkosten berücksichtigen, die Vereinsamungseffekte, die Auswirkungen auf die Bildung, auf den Sport, auf die Kultur oder die wirtschaftlichen Folgen. ****

Pfarrer: Auch das kirchliche Leben wird stark beeinträchtigt.

Gesundheitsökonomin: Ja, natürlich, das habe ich vergessen. Am Schluss kommt es auf die Frage heraus: Wie gross dürfen all diese negativen Nebenwirkungen zusammen pro gerettetes Lebensjahr sein?

Pfarrer: Wer weiss das?

Gesundheitsökonomin: Das weiss niemand. Es gibt keine wissenschaftlich richtige Antwort. Aber gerade deshalb sollten wir uns alle mit dieser Frage befassen. Ich denke, eine grosse Mehrheit der Bevölkerung würde dem Satz zustimmen, dass die negativen Nebenwirkungen der Massnahmen nicht grösser sein sollten als ihre positiven Wirkungen, also die geretteten Lebensjahre.

Bestatter und Pfarrer: Sind sie denn das?

Gesundheitsökonomin: Ich kenne Kollegen, die das vermuten, weil viele der an Covid-19 Verstorbenen auch ohne das Virus kaum mehr zehn Jahre gelebt hätten. Wenn die Zahl der geretteten Lebensjahre nicht so gross ist, sind die Nebenkosten der Massnahmen pro gerettetes Lebensjahr umso höher.

Pfarrer: In dieser Situation möchte ich nicht Bundesrat sein!

* Die Zahlen entsprechen einem Hundertstel der Schweiz.
** Prof. Dr. med. Ludwig Theodor Heuss, mündliche Mitteilung an den Verfasser
*** Quelle: Pfarrer Dr. teol. Ulrich Knellwolf, privates Schreiben an den Verfasser
**** Wolfgang Schäuble, Präsident des Deutschen Bundestages, in: NZZ 9.1.2021

Das Buch und seine Autoren

 

Die Stiftung Lilienberg Unternehmerforum dankt Werner Widmer herzlich für diesen Text, der sehr wichtige Erkenntnisse aus seinem Buch «Corona in der Schweiz – Plädoyer für eine evidenzbasierte Pandemie-Politik» wiedergibt. Er hat diesen Text in Form eines fiktiven Dialoges eigens für Lilienberg verfasst. Das von ihm und Konstantin Beck geschriebene Buch befasst sich mit sehr vielen Aspekten  der Pandemie und analysiert gründlich die Massnahmen der Behörden. Es ist im Dezember 2020 erschienen und steht unter www.corona-in-der-Schweiz.ch als PDF oder E-Book zur Verfügung (ISBN 978-3-033-08275-5).

Die beiden Autoren sind ausgewiesene Kenner des Schweizerischen Gesundheitswesens:

Werner Widmer, 1953, Dr. rer pol., war bis zu seiner Pensionierung Direktor der Stiftung Diakoniewerk Neumünster – Schweizerische Pflegerinnenschule. Er gehörte jahrelang dem Stiftungsrat der Schweizerischen Patientenorganisation, dem Verwaltungsrat des See-Spitals (Horgen) sowie dem Vorstand von Curaviva Schweiz an und war Präsident des Verwaltungsrates des Kantonsspitals Baselland. Werner Widmer war Direktor in vier Spitälern, darunter im Universitätsspital Zürich. Heute ist er Präsident der Krebsliga Zürich, gehört dem Verwaltungsrat des Careum Bildungszentrum an und hat einen Lehrauftrag (Spitalmanagement) an der Universität Luzern. Werner Widmer war am 30. Oktober 2018 Gast eines Lilienberg Gesprächs.

Konstantin Beck, 1962, Prof. Dr. oec. publ., habilitierte an der Universität Zürich, betätigte sich 20 Jahre lang als Versicherungsmathematiker und verantwortlicher Aktuar  und leitete von 2007 bis 2020 das CSS-Institut für empirische Gesundheitsökonomie in Luzern. Seine Forschung löste mehrere Reformen in der Sozialen Krankenversicherung der Schweiz aus. Sein Lehrbuch zur Sozialversicherung und seine politisch-satirische Schrift «Sackgasse Einheitskasse» erreichte hohe Auflagen. In der Lehre tätig ist er an den Universitäten Luzern, Basel, Lugano und Lausanne sowie an diversen Fachhochschulen.