Die unvorhergesehene Herausforderung mit Bravour gemeistert!

Die unvorhergesehene Herausforderung mit Bravour gemeistert!

Datum: 20.01.2020 18.15 - 20.00 Uhr

«Von Lateinamerika nach Paris»: Das war das Motto des Lilienberg Rezitals Ende August. Der Cellist Lionel Cottet präsentierte, am Klavier begleitet von Silvia Fraser, Kammermusik aus Lateinamerika und Frankreich. Dieser Brückenschlag ist den beiden Künstlern perfekt gelungen – obwohl die Voraussetzungen dafür nicht die besten waren.

Von Stefan Bachofen

10‘000 Kilometer Luftlinie liegen zwischen ihren Geburtsorten, musikalisch sind die beiden aber ganz auf einer Wellenlänge: der Westschweizer Cellist Lionel Cottet und der mexikanische Pianist Jorge Viladoms. Am Rezital vom 27. August hätten zwei echte Weltstars der klassischen Musik im Lilienberg Zentrum gemeinsam auftreten sollen. Weil Viladoms aus persönlichen Gründen jedoch unerwartet nach Mexiko reisen musste, übernahm die Kanadierin Silvia Fraser, die selbst ebenfalls mexikanische Wurzeln hat, kurzfristig den Part am Klavier. Und sie meisterte diese unvorhergesehene Herausforderung mit Bravour!

Am Programm änderte sich nichts: Mit Kammermusik des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts wagten die beiden Musiker einen Brückenschlag zwischen Frankreich und Mittel- beziehungsweise Südamerika.

Zweimal der «Schwan»

So fein und so schlicht wie an diesem Spätsommerabend hat man den populären «weissen Schwan» aus dem «Karneval der Tiere» von Camille Saint-Saëns wohl selten erlebt. Mit seinem schlanken, edlen Ton verlieh Lionel Cottet dem Stück eine ganz besondere Eleganz. Mancher Zuhörer sah dabei wohl, in träumerische Gedanken versunken, vor seinem geistigen Auge den Schwan anmutig und voller Grazie über das glitzernde Wasser gleiten.

Zuvor hatte Cottet der Komposition von Saint-Saëns deren südamerikanisches Pendant gegenüber gestellt – den «Gesang des schwarzen Schwans» des Brasilianers Heitor Villa-Lobos. Dieser «Schwarze Schwan» hat ein ganz anderes Temperament, ist unverkennbar impressionistisch gefärbt, jedoch weniger bekannt als das Werk von Saint-Saëns.

Kompositionen aus Frankreich und Lateinamerika, die auf der einen Seite gewisse Ähnlichkeiten haben, andererseits aber dennoch ganz unterschiedlich sind, prägten auch den weiteren Verlauf des Rezitals. Da stiess die melancholische «Elegie» von Gabriel Fauré auf einen Klagegesang von Alberto Ginastera oder die «Habanera», ein ursprünglich für Gesang komponierter sinnlicher Tanz aus Kuba von Maurice Ravel auf den emotionalen Tango «Oblivion», der sich zum klassischen Konzertstück gewandelt hat, von Astor Piazzolla. Kurzum: Frankreich begegnete Lateinamerika. Als Hauptwerke präsentierten Cottet und Fraser am Rezital je eine Sonate von Claude Debussy und Manuel Maria Ponce. In Debussys später Cellosonate mit spanischem Kolorit trafen die Künstler den lakonischen, kapriziösen und ironischen Tonfall haargenau.

Und mit der innovativen Cellosonate des mexikanischen Nationalkomponisten Manuel María Ponce – sie stammt aus der gleichen Zeit wie jene von Debussy – gelang den beiden eine echte Entdeckung. Ponce vereint in seiner Sonate südamerikanische Folklore und impressionistisches Flair. Cottet und Fraser können beides: das Feuer der Leidenschaft entfachen und erlesene Klangwirkungen zaubern. Weshalb sich andere Cellisten nicht stärker auf die Sonate von Ponce stürzen, bleibt in Anbetracht dieser hinreissenden Interpretation ein Rätsel.

Faszination Live

Lionel Cottet und Silvia Fraser zeigten im Lilienberg Zentrum im Dialog ausgefeiltes Zusammenspiel: hochinspiriert und klanglich perfekt ausbalanciert. Dass sich die beiden nach der kurzfristigen Abreise von Jorge Viladoms erst wenige Stunden vor dem Rezital begegneten und somit kaum Gelegenheit hatten, sich im Detail aufeinander abzustimmen, merkte man als Zuhörer höchstens vor dem Ponce-Zugabe-Stück, als Silvia Fraser im Proberaum zuerst das richtige Notenblatt suchen musste, Cottet die Zeit aber mit spannenden Informationen aus seinem musikalischen Wirken überbrückte. «Genau das macht eben die Faszination des Live-Erlebnisses aus», formulierte es Gastgeber Daniel Anderes in seiner Verabschiedung treffend.

Lilienberg Rezital vom 27. August 2019 mit Lionel Cottet (Violoncello) und Silvia Fraser (Klavier); Gastgeber: Lilienberg Unternehmerforum, vertreten durch Daniel Anderes, Leiter Unternehmerforum; Moderation: Eva Oertle Zippelius.