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«Was über mich steht, ist nicht so interessant!»

29.03.2019

169. Lilienberg Gespräch mit Dr. Arthur Rutishauser, Chefredaktor Tamedia und Sonntagszeitung

Dr. Arthur Rutishauser prägt die Medienszene in der Schweiz so nachhaltig wie nur wenige andere Journalisten. Im Gespräch mit Moderator Dr. Andreas Jäggi ging er auf das Grounding der Swissair ein und sagte, warum die Verlagshäuser mit den Internet-Giganten Google und Facebook im Dauerkampf sind. Nur über sich selbst wollte der Chefredaktor zuerst keine grossen Worte verlieren. 

«Was über mich steht, ist nicht so interessant!»
Moderator Dr. Andreas Jäggi (links) entlockte Tamedia-Chefredaktor Dr. Arthur Rutishauser im Laufe des Gesprächs auch viel Persönliches.

Dr. Arthur Rutishauser, Chefredaktor Tamedia und Sonntagszeitung, ist in der Schweiz einer der einflussreichsten Meinungsmacher und besten Investigativ-Journalisten. 2002 gewann er für seine Berichterstattung zum Niedergang der Swissair den Zürcher Journalistenpreis. Doch bei all dieser Bekanntheit sucht man über ihn vergebens einen Wikipedia-Eintrag. «Ist das Kalkül?», fragte Dr. Andreas Jäggi seinen Gast. «Was über mich steht, ist nicht so interessant», antwortete er kurz und knapp.

Im Laufe des Gesprächs gab Arthur Rutishauser dann aber mehr und mehr über sich preis. Er war zu einer Zeit in Zürich-Schwamendingen aufgewachsen, als sich viele Immigranten aus Italien in der Schweiz niederliessen. Mitte der achtziger Jahre machte er die Wirtschaftsmatura und sagte über diese Zeit: «Ich hatte eine spannende Jugend. Viele Fragen wurden damals kontrovers diskutiert und ich stellte mir viele kritische Fragen.» Man habe sich auch über vieles aufgeregt, und als 15-Jähriger habe man Dinge gemacht, die man heute in dieser Form nicht mehr tun würde, umschrieb er seine Jugendzeit.

Später studierte Rutishauser Wirtschaftswissenschaft in Lausanne und Zürich und befasste sich mit dem volkswirtschaftlichen Nutzen des Verkehrs. Wenn er die damalige Zeit mit heute vergleicht, stellt er eines fest: «Die Schweizer Wirtschaft hat sich in den Managerlöhnen stark verändert. Früher erhielt ein CEO 1 bis 2 Millionen Franken – heute 10 bis 20 Millionen.» Zudem würden sich Arbeitnehmer weniger mit ihrer Firma identifizieren, und in den meisten Haushalten lebten heute Doppelverdiener.

Man hätte die Swissair retten können

1995 arbeitete Rutishauser bei der Handelszeitung und wechselte fünf Jahre später zur Sonntagszeitung. Ab dieser Zeit beschäftigte er sich mit dem Grounding der Swissair. Verschiedene Unternehmer hätten gedacht, es laufe gut mit der Swissair und da könne man immer noch mehr Geld herausholen. Er habe sich gewundert, wie lange man zugeschaut und nichts unternommen habe, um die Swissair zu erhalten. «Ich bin erstaunt, wie wenig für die Rettung der Swissair gemacht wurde. Ich bin überzeugt, man hätte dem Unternehmen helfen können», so Rutishauser rückblickend.

Bei all der Brisanz und Emotionalität der Themen wie dem Fall Swissair blieb Rutishauser stets sachlich und freundlich. Dies ist übrigens auch der allgemeine Tenor von Leuten aus der PR-Branche, wenn man sie über den Chefredaktor erkundigt. «Wie schaffen Sie das?», wollte Andreas Jäggi wissen. In vielen Fällen habe er mit den gleichen Leuten wieder zu tun, und da ginge es darum, dass man sich respektiere und wertneutral bleibe. Diese Haltung lebt er auch in der Redaktion.

«Wir diskutieren in der Tamedia-Redaktion viele Themen sachlich, aber auch kontrovers», erzählte Rutishauser aus dem Innenleben des Medienhauses. Er habe nach der Wahl von Donald Trump einen Leitartikel verfasst und sich nachher von den eigenen Leuten einiges anhören müssen. Als Chefredaktor könne er zwar Anweisungen geben, aber niemals jemanden dazu veranlassen, eine bestimmte Meinung in einem Kommentar zu vertreten, sagte er.

Google und Facebook

Aus Kostengründen werden Medienhäuser zusammengelegt und Zeitungstitel verschwinden von der Bildfläche. Wenige grosse Medienhäuser geben in der Schweiz den Ton an und fördern Onlineportale. Doch laut Rutishauser ist es nicht so einfach, Onlinewerbung zu schalten, weil Google und Facebook satte Einnahmen im Werbemarkt machen. «Der Bedarf am Online steigt stetig. Bisher haben wir den grossen Fehler gemacht, dass im Online vieles gratis zu haben war», sagte er kritisch zu den finanziellen Überlegungen der Medienhäuser.

Gerade als Chefredaktor ist Arthur Rutishauser stark mit wirtschaftlichen Fragen des Unternehmens beschäftigt. Ein Besucher des Anlasses wollte wissen, wie er mit den beiden Jobs als Journalist und Unternehmensleiter umgehe. «Ich musste mich als Chefredaktor zuerst daran gewöhnen, unangenehme Dinge zu machen wie Kündigungen aussprechen», sagte er mit einer verblüffenden Ehrlichkeit. Trotz allem sei er Journalist geblieben.

Wikipedia schuldet Angaben zu Dr. Arthur Rutishauser. Das Lilienberg Gespräch gab einen guten Eindruck über den bedeutenden Meinungsmacher der Schweiz, - mehr noch: Der Anlass zeigte den Chefredaktor von seiner persönlichen Seite.

Lilienberg Gespräch vom 21. März 2019 mit Dr. Arthur Rutishauser, Chefredaktor Tamedia und Sonntagszeitung; Moderation: Dr. Andreas Jäggi, Aktionsfeld Medien & Kommunikation.

Zur Person Arthur Rutishauser

Arthur Rutishauser ist seit 2013 Chefredaktor der Sonntagszeitung und seit 2018 an der Spitze der deutschsprachigen Redaktion der Schweizer Mediengruppe Tamedia. Rutishauser studierte in Lausanne und Zürich Wirtschaftswissenschaften und schrieb 2002 eine Dissertation zum Thema «Der volkswirtschaftliche Nutzen des Verkehrs». Heute denkt er, dass die Preise für die Mobilität noch mehr steigen sollten. Dem Rahmenabkommen mit der EU kann er nicht viel Positives abgewinnen, es sei einer Demokratie «unwürdig», meinte er.

Von 2003 bis 2007 leitete er bei der Sonntagszeitung die Wirtschaftsredaktion, ehe er stellvertretender Chefredaktor der Zeitung «Sonntag» wurde, die der AZ-Verlag herausgibt. 2010 wurde Rutishauser in die Chefredaktion des Tages-Anzeigers berufen.

Arthur Rutishauser ist seit 1995 verheiratet und Vater zweier Söhne im Alter von 17 und 21 Jahren.

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