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«Medien kämpfen um Aufmerksamkeit»

12.12.2018

167. Lilienberg-Gespräch mit
Gilles Marchand, Generaldirektor 
der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft SRG SSR

SRG-Generaldirektor Gilles Marchand konstatierte bei seinem Besuch auf Lilienberg, dass die Nutzer von Medien nicht nur über mehr Zeit für den Konsum von Medienprodukten verfügen, sondern auch auf eine grössere Vielfalt an Medien zurückgreifen können. «Die grosse Herausforderung des SRF, dies gerade auch nach der Billag-Abstimmung, bleibt der Kampf um die Aufmerksamkeit», betonte er. Die Qualität müsse in der Aufbereitung von Information und Unterhaltung aber stets an erster Stelle stehen.

«Medien kämpfen um Aufmerksamkeit»
Gilles Marchand ist überzeugt, dass SRF gegen die grosse Konkurrenz bestehen kann.

Seit gut einem Jahr steht Gilles Marchand an der Spitze der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft SRG SSR. Dr. Andreas Jäggi, Verantwortlicher für das Aktionsfeld Medien & Kommunikation beim Lilienberg Unternehmerforum, führte das Gespräch mit dem Medienexperten. Nach seinem Bezug zur Bodensee-Region befragt, meinte er, «dass es nicht nur den Genfersee gibt ...»

«Reformprozess läuft»

Vom Moderator auf die Auswirkungen der No-Billag-Abstimmung angesprochen, meinte Marchand, dass die SRG bereit gewesen sei, «das Unternehmen zu stoppen», falls die Initiative angenommen worden wäre. «Einen Plan B gab es nicht, nur einen Plan Reform», betonte er. «Doch wie hätten wir, bei Annahme der Initiative, 6000 Mitarbeitende entlassen sollen?», gab er Einblick in sein Seelenleben im vergangenen Frühjahr.

Als SRG habe man vor der No-Billag-Abstimmung keine Gegenkampagne lancieren können. «Man hätte es zu Recht nicht gutgeheissen, wenn wir hierfür öffentlich generierte Gelder eingesetzt hätten», führte er aus. Man habe nur erklären können. Letztlich sei das Resultat der Abstimmung für die SRG positiv ausgefallen, «aber es war klar, dass wir eine Strategie entwickeln und vorantreiben mussten», betonte Marchand. Die SRG und inbesondere SRF befänden sich im Reformprozess. Es gelte, rund 100 Millionen Franken einzusparen. Marchand: «Trotz dieser Sparbemühungen müssen wir uns für die Zukunft rüsten. Audiobeiträge werden einen immer höheren Stellenwert erhalten», verriet Marchand. «Das Publikum», so hofft der SRG-Generaldirektor, «soll den Sparprozess aber möglichst wenig zu spüren bekommen.»

Wichtige Verknüpfung von Inhalt und Technologie

Gilles Marchand ist sich bewusst, dass in der Medienlandschaft weitere Veränderungen anstehen. «Bisher haben wir mit der Maus am Computer kommuniziert, bald wird es unsere Stimme sein. Etwa, wenn es darum geht, Sendungen oder Beiträge zu bestimmten Themen herunterzuladen», sagte Marchand. Das Buhlen um die Aufmerksamkeit der Medienkonsumierenden werde sich weiter verschärfen.

Marchand ist überzeugt, dass SRF gegen die grosse Konkurrenz werde bestehen können. «Wir müssen agil bleiben und uns rasch bewegen», sagte er. Es gelte, Inhalt und Technologie zu verlinken. Ebenso bedeutend sei die Fähigkeit seines Unternehmens, Kooperationen einzugehen, allenfalls auch mit Privaten. «Wieso sollen die von uns aufbereiteten Inhalte nicht auch von anderen Medienunternehmen genutzt werden?», fragte er. Klar sei, dass die SRG künftig noch effizienter arbeiten müsse, denn es stünden weniger finanzielle Mittel zur Verfügung. Marchand schweben auch neue Distributionsformen vor.

Man könne nicht darüber hinwegsehen, dass die Menschen heute mehr Zeit für den Konsum von Medienprodukten hätten. Da das Angebot an Medienprodukten gross sei, gelte es auch um die Aufmerksamkeit der Nutzer zu buhlen. «Die Qualität darf dabei aber nie auf der Strecke bleiben», betonte Marchand.

Das «Wir»-Gefühl bewahren

Gilles Marchand wünscht sich, in der zunehmend digitalisierten (Medien-)Welt das «Wir»-Gefühl zu bewahren. Dabei sei es auch wichtig, die regionale Vielfalt im Fokus zu halten. «Ich wünsche mir, bei aller Konkurrenz und wegbrechenden Werbeeinnahmen, die Schweizer Werte bewahren zu können», betonte er. Die Schweiz stehe für Vielfalt, «und die gemeinsame Idee ist nicht nur ein Slogan, sondern wichtig.»

Das drohende Auseinanderdriften der Gesellschaft wertet Marchand als «globales Risiko». Die Digitalisierung der Gesellschaft sei nicht nur eine Technologiefrage, sondern auch eine soziologische, führte er aus. «Auch die SRG und das SRF tragen hier eine Verantwortung», unterstrich er. Beim Aufbereiten von Informationen und Unterhaltung sei der Fokus aufs Lokale auch künftig bedeutend.

Aus dem Publikum kam die Frage, wie denn das «Wir»-Gefühl in der Schweizer Medienlandschaft gepflegt werden könne. Marchand schwebt vor, dass eine Art Reportagenbörse für alle Sprachregionen der Schweiz aufbereitet werden müsse. «Wir sollten auch regelmässig Sendungen über die anderen Sprachregionen produzieren», sagte er. An dieser Plattform-Idee werde bereits intensiv gearbeitet.

167. Lilienberg Gespräch vom 28. November 2018 mit Gilles Marchand, Generaldirektor der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG SSR); Moderation: Dr. Andreas Jäggi, Aktionsfeld Medien & Kommunikation.

Zur Person Gilles Marchand

Gilles Marchand wuchs als Sohn eines französischen Vaters und einer waadtländischen Mutter in Paris und später in Trélex nahe von Nyon am Genfersee auf. Der heute 56-Jährige besuchte die Schulen im schweizerisch-französischen Grenzgebiet, wo er auch die Matura ablegte. Danach studierte Marchand an der Universität Genf Soziologie und schloss mit einem Master ab. Auf Lilienberg meinte er, dass er das, was er einst während des Studiums gelernt habe, auch heute noch nutzen könne.

Von 1988 bis 1990 war Marchand für die «Tribune de Genève“»in der Leserforschung und im Marketing tätig. Später wechselte er zu Ringier Romandie, wo er die Forschungs-, Marketing- und Kommunikationsabteilung leitete und 1998 die Direktion übernahm.

2001 wurde Marchand zum Direktor der Télévision Suisse Romande (TSR) gewählt. 2010, nach der Zusammenlegung von Radio, Fernsehen und Online zu Radio Télévision Suisse (RTS), wurde er zu deren Direktor ernannt sowie zum Mitglied der Generaldirektion der SSR SRG. In diesem Gremium war Marchand bis 2017 Stellvertreter von Generaldirektor Roger de Weck, dessen Nachfolge er vor gut einem Jahr antrat. Als Direktor der SRG SSR ist Marchand ebenso Mitglied ad personam der vom Bundesrat eingesetzten Eidgenössischen Medienkommission.

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