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«Ihr seid die Experten – ihr müsst sagen, was fehlt!»

20.05.2019

Lokale und kantonale Bildungspolitiker hätten manchmal gerne, wenn sich der Bund vermehrt um ihre Belange kümmern würde. Die Thurgauer Ständerätin Brigitte Häberli-Koller hörte ihnen auf Lilienberg gut zu, doch sie meinte: «Die Politiker und Behörden in den Gemeinden sind näher am Geschehen und wissen besser, wo man den Hebel ansetzen muss.»

«Ihr seid die Experten – ihr müsst sagen, was fehlt!»
Bildungsexperten unter sich: Moderator Dr. Heinz Bachmann und Referentin Brigitte Häberli-Koller.

Dr. Heinz Bachmann nahm seine Aufgabe als Moderator genau und hatte sich über die Schule Informationen aus erster Hand beschafft. Vor dem Gespräch mit Ständerätin Brigitte Häberli-Koller (CVP) besuchte er eine Oberstufe und eine Primarschule und staunte, was er in den Lektionen erlebte.  Ein Drittklässler war ein Kopf grösser als all seine Mitschüler, weil er das Schuljahr mehrmals repetiert hatte. Er hatte Mühe, inhaltlich den Ausführungen der Lehrkräfte zu folgen und störte den Unterricht. Mit seinem Verhalten sei er kaum in die Klasse integrierbar gewesen, obwohl der Lehrplan 21 keine speziellen Klassen mehr für schwierige Schüler vorsieht.

Nun ist Heinz Bachmann, beim Lilienberg Unternehmerforum verantwortlich für das Aktionsfeld Bildung & Sport, alles andere als ein Laie in Bildungsfragen und hat schon viel gesehen und erlebt. Der ehemalige Sekundarlehrer und heutige Dozent an der Pädagogischen Hochschule Zürich sagte: «Die Bildung hat sich gegenüber früher sehr stark gewandelt. Grosse Herausforderungen kommen auf die Schule zu. Was machen die Politiker in Bern, damit wir für die Zukunft gewappnet sind?»

Brigitte Häberli-Koller ist Mitglied der ständerätlichen Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur (siehe Textbox) und befasst sich unter anderem mit bildungspolitischen Themen auf nationaler Ebene. Für sie ist der rasche Wandel in der Gesellschaft auch ein Thema. Sie fügte als Beispiel Berufsbilder an, die heute noch aktuell sind, morgen aber verschwunden sein werden. Sie sagte: «Wir stecken mitten in der Digitalisierung und unterstützen Projekte, die uns Antworten über die künftige Bildung geben werden.» In diesem Zusammenhang spielt das duale Bildungssystem und die Weiterbildung für Erwachsene eine wichtige Rolle, damit Berufstätige rasch auf die veränderten Berufswelten reagieren können.

Damit Familien ein optimales Bildungsumfeld antreffen, sind sie auf ideale familienergänzende Angebote wie Krippen, Horte und Tagesschulen angewiesen. «Eltern prüfen bei einem neuen Wohnort genau, welche Betreuungsangebote ihre künftige Wohngemeinde anbieten wird», sagte Häberli-Koller. Der Bund leiste bei Kinderkrippen eine Anschubfinanzierung, doch Gemeinden und Kantone müssten auch einen wesentlichen Teil der Kosten übernehmen, meinte sie. Nicht alle Eltern können sich kostspielige familienergänzende Angebote leisten und verzichten auf eine professionelle Tagesbetreuung.

Druck im Gymnasium und in der Berufslehre

Sind die Kinder später in einem Gymnasium, stellen sich ganz andere Fragen als die Betreuung. Oft kämpfen die Jugendlichen mit einem enormen Leistungsdruck, unter dem eine ganze Familie leiden kann. Gymnasien würden langsam ihre Erfolgsquoten veröffentlichen und mitteilen, welche Studienrichtung ihre Absolventen wählen würden, sagte die Ständerätin. Doch sie fragte sich, wie weit sich die Gymnasien ähnlich wie in den USA einem Ranking stellen sollten.

Brigitte Häberli-Koller ist eines bewusst: Kinder an Gymnasien können für Familien eine Belastung sein, das höre sie immer wieder – auch in ihrem privaten Umfeld. Sie unterstrich wie wichtig Berufslehren sind und meinte: «Mit einer Lehre sind junge Leute später viel rascher auf dem Arbeitsmarkt als Gymnasiasten.» Es käme auch vor, dass Gymischüler die Schule abbrechen und eine Berufslehre absolvieren würden, weil sie merkten, dass sie im Gymi am falschen Ort seien.

Auch mit einem Lehrabschluss ist es möglich, zu studieren und eine Fachhochschule zu besuchen. Danach sind Tür und Tor für eine Vielzahl von Berufen offen. Doch Brigitte Häberli-Koller gab zu bedenken: «Fachhochschulen tun gut daran, einen starken Bezug zur Berufswelt zu leisten.» Fachhochschulen würden sich leider immer mehr den Universitäten anpassen, beobachtet die Politikerin.

Kritik aus dem Publikum

In der Diskussion musste sich Brigitte Häberli-Koller auch kritischen Fragen stellen. Ein Teilnehmer meinte, ihm mache Sorge, dass gewisse Lehrlinge keine Fremdsprache in der Ausbildung mehr hätten. Zudem fehle es immer mehr an Fachkräften. Ein anderer Teilnehmer dachte an Leute, die zwischen 45 und 60 Jahren sind und den Anschluss an die Modernisierung verlieren könnten. Beide Votanten richteten einen Appell an den Bund. Doch die Politikerin konterte: «Ihr seid die Experten. Die Leute an der Berufsfront müssen sagen, was ihnen fehlt. Wir von der Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur wissen nicht, wo Unterstützung nötig ist.»

Damit war eine Teilnehmerin gar nicht einverstanden. Sie sagte: «Die Bundespolitiker verstecken sich gerne hinter dem Föderalismus und sagen, es sei Sache der Kantone und Gemeinden.» Sie dachte an Tagesschulen, die bei der Einführung nur schleppend vorankommen. Die Ständerätin fragte zurück: «Wie soll der Bund konkret Tagesschulen fördern. Die Politiker und Behörden in den Gemeinden sind nah am Geschehen und wissen besser, wo man den Hebel ansetzen muss.»

Unternehmerisches Gespräch vom 8. Mai 2019 «Informationen aus erster Hand – aktuelle Themen, die in der nationalen Bildungskommission auf der Traktandenliste stehen» mit Ständerätin Brigitte Häberli-Koller (CVP), Bichelsee TG; Moderation: Dr. Heinz Bachmann, Aktionsfeld Bildung & Sport. 

Umfassende Kommission

Brigitte Häberli-Koller ist Mitglied der Kommissionen für Wissenschaft, Bildung und Kultur (WBK). Nebst den grossen Themen wie Wissenschaft und Bildung gehört eine Reihe von weiteren Sachbereichen zur WBK. So zum Beispiel Tierschutz und Tiergesundheit. Sport ist ein weiterer Bereich, doch dieser geht laut Häberli-Koller manchmal auch etwas vergessen.

«Ihr seid die Experten – ihr müsst sagen, was fehlt!»
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