see_1920x370-(1).jpg

«Ich erkläre gerne Zusammenhänge!»

25.06.2019

Lilienberg-Talk mit Henriette Engbersen, SRF-Korrespondentin in London

Henriette Engbersen ist das Gesicht von Fernsehen SRF für Berichterstattungen aus Grossbritannien und Irland. Am Lilienberg Talk sprach die gebürtige Holländerin wach und humorvoll über das Dauerthema Brexit. Sie sucht aber gerne auch alternative Geschichten - in einem Land, in dem sie eine gewisse Politik-Verdrossenheit wahrnimmt.

«Ich erkläre gerne Zusammenhänge!»
Henriette Engbersen fand auf jede Frage von Moderator Matthias Wipf die passende Antwort.

Es war ein erfrischender Auftritt, den Schnelldenkerin Henriette Engbersen hatte. Im ausgezeichnet besuchten Lilienberg Talk fand die 36-Jährige auf jede Frage von Moderator Dr. Matthias Wipf eine Antwort. Der Talk wollte thematisch vor allem den Brexit und seine Auswirkungen auf die Schweizer Unternehmungen beleuchten. Es taten sich im Verlauf des Gesprächs aber viele weitere spannende Gesprächsfelder auf.

Zuvor gab Engbersen Einblick in ihren Werdegang. Die ausgebildete Lehrerin verdiente sich ihre Sporen als Journalistin zuerst im Lokal- und später im Regionaljournalismus ab. Als sie zu SRF wechselte, wurde sie in einer ersten Phase vor allem als Sonderkorrespondentin eingesetzt. Sie berichtete zum Beispiel über den durch einen Raketenbeschuss ausgelösten Flugzeugabsturz in der Ukraine. Wie sie damit umgeht? «Ich verdränge nicht. Ich bin dann einfach auf die Sache fokussiert und fest in meiner Berufsrolle», erklärt sie.

«Ich habe keinen Schweizer Pass»

SRF-Auslandkorrespondentin in London wurde die Ostschweizerin im Frühjahr 2017. Nach dem für sie ebenfalls überraschenden Brexit-Entscheid ein Jahr zuvor wartete für sie, die Neugierige, eine spannende Aufgabe. Der Posten in London fiel ihr aber keinesfalls einfach zu. «Der Job war ausgeschrieben, und ich habe mich beworben.» Diese Stelle habe sie schon immer fasziniert. Beim Schweizer Fernsehen sei sie im Bewerbungsprozess nie danach gefragt worden, ob sie einen Schweizer Pass habe. Sie hat keinen solchen, dafür spricht sie den Thurgauer Dialekt – unverkennbar….

Henriette Engbersen verhehlt nicht, dass sie aufgrund ihres Arbeitsortes bisweilen auch Familie und Freunde vermisst. «Solche Kontakte sind derzeit aber leider nur in der Sommerzeit oder über Weihnachten realistisch», sagt sie. Seit sie in Grossbritannien unterwegs sei, habe sie festgestellt, dass sie zunehmend patriotische Gefühle entwickle.

Vom Moderator darauf angesprochen, was die Schweizer von den Briten und umgekehrt die Briten von den Schweizer lernen könnten, ist Engbersen überzeugt, dass es den Schweizern gut anstünde, etwas vom Humor der Briten ins Leben zu tragen. Andererseits glaubt sie, dass die Briten vom dualen Bildungssystem der Schweiz viel profitieren könnten.

Kein Sinn für Kompromisse

Die TV-Frau stellt während ihrer Tätigkeit auf den Inseln fest, dass die Briten bei journalistischen Gesprächen «knallhart und direkt» kommunizieren. «Wenn ich jemanden um ein Statement frage, bedanken sich viele höflich für die Anfrage, wollen oft aber keine Auskunft geben. Aber wenn jemand etwas mitzuteilen hat, kommt dies sehr direkt rüber.»Gerade in der Brexit-Frage werde offensichtlich, dass in Grossbritanniens Politiklandschaft keine Kompromisskultur gelebt werde. Auch deshalb drifte das Land immer mehr auseinander.

Henriette Engbersen betrachtet ihr journalistisches Wirken in Grossbritannien als überaus spannend. «Kein Tag verläuft gleich wie der andere», zeigt sie sich begeistert. Wenn sich eine spannende Geschichte auftue – und dies brauche aufgrund der feststellbaren Politik-Verdrossenheit nicht immer ein Thema zu sein, das sich am Brexit orientiere – steige sie auf ihr Velo, radle zu einem Einsatzort, nehme Recherchen vor, spreche sich mit SRF ab und lanciere allenfalls eine Live-Schaltung. Dann ist wieder der Zeitpunkt gekommen, wo das «SRF-Gesicht aus London» in die Schweizer Stuben flimmert.

Auf der Suche nach Geschichten arbeitet sie intensiv mit dem ORF sowie dem holländischen TV zusammen. «Im starken Verbund, kommen wir eher an die wichtigen Leute heran», erklärt sie.

Auch mal ein Erklär-Video produzieren

Die Ostschweizerin pflegt auch alternative Formen, um einen Sachverhalt zu erklären. Sie produziert schon mal mit einfachen Mitteln ein Video und stellt dieses Online. «Ich erkläre gerne Zusammenhänge, und dort, wo es manchmal zu kompliziert wird, kann ich auch visuell vereinfachen.» Um einen solchen Clip zu realisieren, reicht ihr eine App auf ihrem iPhone. «Die ganze Brexit-Geschichte ist so zäh, dass eine Berichterstattung auch mal etwas unterhaltend daherkommen kann.»

Journalistin zu werden sei im Übrigen nicht ihr Kindheitstraum gewesen. «Ich war ziemlich schlecht im Aufsatzschreiben», outet sie sich. Aber irgendwann habe sie ihre Stärke im Argumentieren entdeckt. «Dies hat mein Feuer für den Journalismus dann endgültig entfacht.»

Faszination an Polit-Wetten

Engbersen glaubt, dass der Brexit-Deal nicht nur an der einstigen Premierministerin Theresa May gescheitert ist. «Sie war von Anfang an auf verlorenem Posten.» Da Engbersen in England ihre Faszination für Polit-Wetten entdeckt habe, habe sie auf Boris Johnson als May-Nachfolger gewettet.

«Ich erkläre gerne Zusammenhänge!»
Sidela Leon, Mitinhaberin der Austausch-Plattform Swiss Qualitiy UK in London, erweiterte den Talk kurzzeitig. Sie glaubt, dass Grossbritannien für Schweizer Unternehmen auch künftig ein gutes Pflaster sei.

Sie ist davon überzeugt, dass Schweizer Unternehmen vom Ausgang der Brexit-Verhandlungen kaum ernsthaft betroffen sein werden. «Die Schweiz hat mit Grossbritannien längst in bilateralen Abkommen vieles geregelt. Panik ist also kaum angebracht», findet sie. Schweizer Qualität sei nämlich ein Wert, der in Grossbritannien geschätzt werde.

Sidela Leon, Mitinhaberin der Austausch-Plattform Swiss Qualitiy UK in London, erweiterte den Talk kurzzeitig. Sie glaubt, dass Grossbritannien für Schweizer Unternehmen auch künftig ein gutes Pflaster sei. Auf einem dynamischen Markt seien Schweizer Werte, je nach Branche, durchaus gefragt.

Lilienberg Talk vom 12. Juni 2019 mit Henriette Engbersen, SRF-Auslandkorrespondentin in London; Moderation: Dr. Matthias Wipf, stellvertretender Leiter Programm und Publikationen.

Zur Person Henriette Engbersen

Henriette Engbersen ist seit Frühling 2017 Auslandkorrespondentin von Schweizer Fernsehen SRF für Grossbritannien und Irland. Nach dem Lehrerseminar in Kreuzlingen, einem Praktikum beim «St. Galler Tagblatt» sowie einem Bachelor in Journalismus und Kommunikation (ZHAW), startete die Thurgauerin 2006 ihre Karriere als Fernsehjournalistin bei Tele Ostschweiz. 2008 folgte der Wechsel zu SRF, zuerst als Ostschweiz-Korrespondentin, ab 2014 als Redaktorin für die «Tagesschau» und seit 2015 zusätzlich als Sonderkorrespondentin mit Auslandeinsätzen, bevor sie ihre aktuelle Stelle in London antrat. Von ihrem Berufsalltag erholt sich Engbersen am liebsten beim Wandern oder Tanzen.

«Ich erkläre gerne Zusammenhänge!»
«Ich erkläre gerne Zusammenhänge!»
«Ich erkläre gerne Zusammenhänge!»
«Ich erkläre gerne Zusammenhänge!»
«Ich erkläre gerne Zusammenhänge!»
«Ich erkläre gerne Zusammenhänge!»
«Ich erkläre gerne Zusammenhänge!»
«Ich erkläre gerne Zusammenhänge!»
«Ich erkläre gerne Zusammenhänge!»
< Zurück
facebook LinkedIn