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Grenz-Tun statt bloss Grenz-Denken

13.05.2019

Ende April fand zum vierten Mal die «Grenzdenken»-Konferenz im Lilienberg Unternehmerforum statt. Nach zwei Jahren Pause überzeugte der Anlass mit überarbeitetem Konzept.

Grenz-Tun statt bloss Grenz-Denken
Fast 120 Querdenker lauschten den renommierten Referenten, die Tipps und Erfahrungen teilten, wie man gewisse Dinge auf eine andere Weise betrachten kann.

Die Pause hat dem «Grenzdenken» gut getan, waren sich alle Anwesenden nach zwei intensiven Konferenztagen einig. Die gut 130 Gäste und zehn Referenten konnten auf viele Eindrücke, Erlebnisse und interessante Gespräche zurückblicken. «Es ist manchmal schwer, aus der Komfortzone auszubrechen», hatte Christoph Lanter am Freitag die Konferenz eröffnet. Er habe sich nach den drei erfolgreichen Veranstaltungen der Vorjahre gefragt, wie das Grenzdenken noch wirkungsvoller sein könnte. «Denken ist schön, zum Ausbrechen braucht es aber mehr.» Also liess der Thurgauer Unternehmer die beliebte Konferenz 2018 ausfallen, um das Konzept zu erweitern.

Das diesjährige Ergebnis war die Ergänzung der gewohnten Vorträge mit Workshops: Die Gäste sollten nicht nur Informationen sammeln, sondern auch gleich in die Tat umsetzen. Das Lilienberg Unternehmerforum bot mit seinen verschiedenen Räumlichkeiten, dem weitläufigen Gelände und gut gewahrter Privatsphäre die perfekte Bühne. So führten Gerald Weber und Emilia Meincke einen Crash-Kurs in Improvisation durch, was auch die scheueren Konferenzteilnehmer aus der Reserve lockte. Der Illustrator Roland Siegenthaler, der auch dieses Jahr das «Grenzdenken» mit Witz und Stift dokumentierte, bot eine Einführung in seine Schnellzeichenmethode an, der Buchautor Rolf Bänziger gab einen Retorik-Kurs, während Sarah und Tom Klein die Kreativität der Workshopteilnehmer wecken wollten. «Es soll mehr ein Grenz-Tun werden statt nur ein Grenzdenken», erklärte Lanter den neuen Ansatz. Das Publikum zeigte sich überzeugt.

Raus aus der Komforrtzone

Wie die letzten Male glänzte das «Grenzdenken» auch 2019 mit einem wilden Themenmix. Der Wasserbotschafter Ernst Bromeis erzählte von seiner Liebe zum feuchten Element und weibelte für besseren Gewässerschutz. Michel Fornasier stellte seine Handprothese und sein Alter Ego «Bionicman» vor, der HSG-Professor Sigmar Willi berichtete aus der aktuellen Glücksforschung. Eröffnet wurde das «Grenzdenken» aber mit einem unerwartet heiteren Podiumsgespräch: Wolfgang und Helene Beltracchi erzählten ohne Scheu und mit viel Witz aus ihrer Vergangenheit als Kunstfälscher und brachten damit geharnischte Kritik am Kunstmarkt vor. «Kunst ist Glaubenssache», sagte Wolfgang Beltracchi. Sammler und Experten wollten gar nicht wissen, ob ein Werk gefälscht ist oder nicht. «Man sieht, was man sich zu sehen wünscht, und nicht, was da ist», ergänzte Helene. Und Wolfgang lachte: «Eigentlich haben wir nur die Unterschriften gefälscht.»

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Das Kunstf├Ąlscher-Paar Wolfgang und Helen Beltracchi im Interview mit Christoph Lanter (links): ┬źEigentlich haben wir nur Unterschriften gef├Ąlscht!┬╗

Besonders zu reden gab die Einladung des Ex-Politikers Oskar Freysinger. Dabei sollte sich Freysingers Vortrag zum Thema des Scheiterns als eines der Highlights der Konferenz erweisen. Direkt und ehrlich schilderte der Walliser, wie seine politische Karriere ihr Ende fand und unter welchem Druck er und seine Familie standen. Er erzählte von den Abgründen seiner depressiven Verstimmung, aber auch von der Wut auf den kantonalen Polit-Filz. Angriffig wie so oft bekamen auch die Medien ihr Fett weg – nicht aber, ohne dass Freysinger gehörig Selbstkritik einbrachte. Sein Vortrag hallte noch lange nach; Deshalb entschloss er sich spontan dazu, am Folgetag ebenfalls einen Workshop anzubieten, was vom Publikum mit Applaus quittiert wurde.

Grenz-Tun statt bloss Grenz-Denken
Der Vortrag des ehemaligen Walliser Politikers Oskar Freysinger zum Thema des Scheiterns erwies sich als einer der H├Âhepunkte der Konferenz.

Mehr Empathie im Internet

Am Samstag waren nicht nur die internetaffineren Teilnehmer gespannt auf Richard Gutjahrs Vortrag zum Thema «Hass im Netz». Der deutsche Journalist hatte gleich zwei Terroranschläge hautnah miterlebt. «Und wie es halt mein Job ist, berichtete ich davon.» Mit den Reaktionen im Internet hätte er aber nicht gerechnet: Verschwörungstheoretiker und Antisemiten schossen sich auf Gutjahr ein, eine beispiellose Lawine des Hasses rollte über ihn und seine Familie – zuerst nur im Netz, später auch im analogen Leben. Gutjahr erzählte, wie er versuchte, gegen die Lügen und Verleumdungen vorzugehen. Ignorieren, bei Google und Facebook melden, der Gang zu den Behörden – alles war erfolglos. Erst, als er zivilrechtlich gegen die Rädelsführer vorging, verbesserte sich die Situation. Von der Internetgemeinschaft wünschte er sich mehr Empathie und vor allem auch, nicht zu schweigen, wenn man ein Unrecht im digitalen Raum wahrnimmt. «Wir dürfen den 10 Prozent Idioten im Netz nicht die Meinungshoheit überlassen», forderte Richard Gutjahr.

Den Abschluss der Konferenz stellte ein Interview. Moderator und Buchautor Matthias Wipf sprach mit gleich zwei starken Frauen: Jessica Altenburger und Nicola Roten sind Unternehmerinnen und im sogenannten Empowerment tätig. «Das Wort Entwicklungshilfe ist kontraproduktiv, zu passiv», waren sich beide Frauen einig. Wipf brachte mit klugen Fragen zum Vorschein, weshalb jemand ein angestammtes und lukratives Berufsfeld verlassen könnte, um sich wie Altenburger in Lima um sanitäre Grundversorgung zu bemühen oder in Guatemala Frauen zu fördern, wie es Nicola Roten tut. «Man sollte nicht die ganze Welt retten wollen, anderen nicht sein Ding aufzwingen. Man muss im Kleinen anfangen», sagte Roten. Und Jessica Altenburger animierte die Konferenzteilnehmer dazu, auch mal etwas zu wagen, selbst wenn man dafür Job und Heimat zurücklassen muss. «Du wirst nicht das Machen bereuen. Du wirst das Nicht-Machen bereuen», meinte sie. Ein Motto, ganz im Sinne des diesjährigen «Grenzdenkens».

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Mit pers├Ânlichem Engagement die Welt ver├Ąndern: Zwei starke Frauen, Jessica Altenburger (links) und Nicola Roten, befragt von Dr. Matthias Wipf, stellvertretender Programmleiter des Lilienberg Unternehmerforums.

Es fotografierten Sascha Erni und das Redaktionsteam des Unternehmermagazins LEADER.

Weitere Bildimpressionen finden Sie auf der Website des Veranstalters.

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