see_1920x370-(1).jpg

Fragen an sich herankommen lassen

19.11.2019

«Wenn es einen Gott gibt, dann möchte ich mein Leben nach ihm ausrichten.» Was sich Franz-Xaver Hiestand als Student gesagt hat, hat seinem Leben im wahrsten Sinn eine neue Richtung gegeben. Wer aber denkt, dass ein Gläubiger, Katholik und Jesuit nicht offen und weltoffen argumentieren und diskutieren könne, wurde am Gespräch auf Lilienberg eines Besseren belehrt.

Fragen an sich herankommen lassen
Nachdenkend, ehrlich und sorgfältig formuliert stellte sich Franz-Xaver Hiestand (links) dem Gespräch mit Christoph Vollenweider.

Dem vorsichtigen Fragen von Moderator Christoph Vollenweider hätte man entnehmen können, es gäbe Tabus, wenn ein Jesuit auf Lilienberg geladen wird. Dem ist nicht so. Nachdenkend, ehrlich und sorgfältig formuliert stellte sich Franz-Xaver Hiestand dem Gespräch und den Fragen der gut einem Dutzend Zuhörenden.

Jesuiten waren während Jahrhunderten ein Reizthema – in der Schweiz waren sie bis 1973 sogar verboten. Das könnte daherkommen, so Hiestand, dass Jesuiten wie Juden gezeichnet waren. Gegen Ende des 15. Jahrhundert seien in Spanien zwangskonvertierte Juden Jesuiten geworden. Das habe zu einem langwierigen Streit geführt, und zu den dunklen Kapiteln der Geschichte gehöre, dass in der Folge der Stammbaum vorgewiesen werden musste, wollte man in den Orden eintreten.

Es gibt keine Jesuitinnen

Ein Orden, dem übrigens bis heute keine Frauen angehören. Das sei in der Art und Weise begründet, wie die Jesuiten leben: nicht in geschlossenen Klöstern oder Institutionen, sondern in den unterschiedlichsten Berufen mitten in der Gesellschaft. Dieses freie Leben sei für Frauen im Mittelalter – also zur Zeit der Ordensgründung – einfach nicht denkbar gewesen. Hiestand betonte seine Hoffnung, dass man an die Frauenfrage im Orden wieder herangehen könne. So, wie es Hiestand während des Kaminfeuergesprächs immer wieder tat: Er liess alle Fragen an sich heran, so wie er auch im Leben die drängenden Fragen an sich herankommen lässt.

Das Jesuitenverbot – eigentlich ein unpräziser Begriff – bezog sich nie auf den einzelnen Menschen als Jesuit, sondern auf das Recht, Schulen zu unterhalten. Hiestand vermutet, dass die Liberalen im jungen Bundesstaat einfach Respekt davor hatten, dass durch Jesuiten geschulte Innerschweizer dem Staat gegenüber weniger loyal sein würden. Die Akademikerhäuser, die in Bern und Zürich nicht wegzudenken sind, wurden so von gläubigen Katholiken gegründet und getragen; heute werden sie von der katholischen Landeskirche getragen.

Kein einfaches Verhältnis zum Papst

Die Jesuiten legen neben den üblichen Ordensgelübden von Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam auch das Versprechen ab, dem Papst gegenüber gehorsam zu sein. In der Schweiz herrsche Konsens darüber, dass sich dieses Gehorsamsgelübde auf die Mission beziehe. Das bedeute also, dass man als Jesuit dem Ruf in die Mission folgen müsse – aber nicht mit den Haltungen des Papstes zu theologischen Themen einverstanden sein müsse. Speziell ist, dass der heutige Papst ein Jesuit ist – mit nicht unproblematischer Vergangenheit in einer Militärdiktatur. Ein Grund, dass ihm gerade die Jesuiten kritisch gegenüberstehen.

Offenheit den Fragen der Menschen gegenüber

«Wir diskutieren ordensintern darüber», erklärte Hiestand mehrmals. Gerade diese Wendung zeigt klar, dass es nicht etwa verkrustete Dogmen sind, welche das Leben des Jesuiten prägen.

Diese Offenheit zeigt sich auch in seiner Arbeit im Akademikerhaus aki in Zürich, welches Hiestand seit bald zehn Jahren leitet. Neben den Veranstaltungen, die im stattlichen Haus in Hochschulnähe stattfinden, spielt die Studienberatung eine grosse Rolle im Berufsalltag von Hiestand. Die Beratung im aki sei für viele junge Menschen gerade deshalb wichtig, weil sie ein niederschwelliges Angebot sei.

Für das freiwillige Zölibat

Das Gespräch mit einem Ordensmann ist undenkbar ohne das Thema Zölibat anzuschneiden. In eine katholische Familie im reformierten Zürcher Oberland hineingeboren, besuchte Hiestand eine Klosterschule und studierte, bevor er sich nach einer längeren Reise nach Südamerika entschloss, Jesuit zu werden. Befreiungstheologen unter den Jesuiten haben ihn fasziniert. Die Frage, warum er nicht mit einer Frau zusammenlebte – nachdem er im Gymnasium schwer verliebt war und um Haaresbreite von der Klosterschule flog – könne er heute nicht in allen Motivationen bewusst beantworten. Er sehe heute einen Vorteil darin, dass er ohne Rücksicht auf eine Partnerin oder eine Familie seiner Tätigkeit nachgehen könne. Allerdings finde er, dass das Zölibat künftig freiwillig sein sollte.

Kaminfeuergespräch vom 5. November  2019 mit Franz-Xaver Hiestand SJ, Hochschulseelsorger, Leiter des aki, der katholischen Hochschulgemeinde, Zürich; Moderation: Christoph Vollenweider, Leiter Programm und Publikationen.

Zur Person von Franz-Xaver Hiestand

Pater Franz-Xaver Hiestand SJ (Ordenskürzel für Societas Jesu) ist seit 2010 Leiter des Katholischen Akademikerhauses Zürich (aki) am Hirschengraben in Zürich. Dieses steht im Dienste aller Studierenden und Dozierenden der ETH, der Universität und der Fachhochschulen in Zürich und wird von der Katholischen Kirche im Kanton Zürich finanziell unterstützt und vom Jesuitenorden getragen.

Franz-Xaver Hiestand hat Jahrgang 1962. Er hat an der Universität Zürich Germanistik, Altphilologie und Geschichte der Neuzeit studiert sowie an der Hochschule in München Philosophie. Er hat ausserdem ein Studium der Theologie am Centre Sèvres in Paris abgeschlossen.

Seit 1988 ist Franz-Xaver Hiestand Jesuit und leitet und begleitet seit 1998 verschiedene Formen von Exerzitien, also geistliche Übungen, die zu einer intensiven Besinnung und Begegnung mit Gott führen sollen. Von 1998 bis 2006 leitete er die Katholische Hochschulseelsorge Bern. Von 2006 bis 2010 baute er die Hochschulseelsorge an der Universität Luzern auf und leitete diese auch. 2011 und 2013 begleitete er die Grossen Exerzitien im Lassalle-Haus Bad Schönbrunn im Kanton Zug, dem Bildungszentrum der Schweizer Jesuiten.

Franz-Xaver Hiestand hat ausserdem Berufserfahrung als Filmkritiker. So war er 2015 Mitglied der ökumenischen Jury am Filmfestival Locarno.

Fragen an sich herankommen lassen
Fragen an sich herankommen lassen
Fragen an sich herankommen lassen
Fragen an sich herankommen lassen
Fragen an sich herankommen lassen
Fragen an sich herankommen lassen
Fragen an sich herankommen lassen
Fragen an sich herankommen lassen
Fragen an sich herankommen lassen
Fragen an sich herankommen lassen
Fragen an sich herankommen lassen
< Zurück
facebook LinkedIn