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Fortschritt, Freiheit und philosophische Überlegungen

22.11.2018

166. Lilienberg Gespräch mit Dr. Eduard Kaeser, Physiker, promovierter Philosoph, Lehrer, Publizist und Jazzmusiker

In einem Hin und Her näherten sich Moderator Christoph Vollenweider und Philosoph Dr. Eduard Kaeser der Frage: Was ist eigentlich Fortschritt? Bei der Beantwortung dieser Frage beleuchtete der Gast Aspekte wie Freiheit und Rückschritt. Kaeser machte Philosophie fassbar. Er regte in den Köpfen der Besucher vieles an.

Fortschritt, Freiheit und philosophische Überlegungen
Auf die Frage des Moderators, wie man der technischen Entwicklung begegnen soll, antwortete Dr. Eduard Kaeser: «Seid wachsam. Seid kritisch. Computer raus!»

Schülerinnen und Schüler des Ellenrieder Gymnasiums in Konstanz sowie der Kantonsschule Frauenfeld und viele weitere Besucher erlebten mit Dr. Eduard Kaeser quasi eine Philosophiestunde auf hohem und persönlichem Niveau. Wann ist Fortschritt wirklich ein Fortschritt? Und was haben Fortschritt und Freiheit miteinander zu tun? Mit Kaeser hatte der Moderator Christoph Vollenweider einen klassischen und hoch gebildeten Philosophen neben sich. Dieser studierte unter anderem Physik und Philosophie und hatte diesen Herbst von der Universität Zürich den cogito-Preis für seine Analyse zum Umgang der Menschen mit der Technik erhalten. «Wenn man von der Naturphilosophie ausgeht, haben Philosophie und Physik viel miteinander zu tun. Woraus Materie besteht, ist nicht nur eine Frage der Physik, sondern auch der Philosophie», meinte der Lilienberg Gast.

«Was ist Fortschritt?», stellte Vollenweider seinem Gesprächspartner kurz und bündig die Frage, die eine komplexe Antwort fordert. «Als Philosoph müsste ich Ihnen diese Frage zurückweisen», antwortete Eduard Kaeser erst ausweichend. Es gebe in der Philosophie keine universelle Formulierung für Fortschritt, meinte er dann. Deshalb könne er die Frage nicht umfassend beantworten. Auf gewissen Gebieten wie der Technik könne man Markstein für Markstein definieren. Sei einer dieser Marksteine erreicht, sei der Fortschritt ersichtlich. Fortschritt sei sehr oft auch individuell, sagte er.

Genau prüfen, was Fortschritt ist

Der Berner Philosoph und Publizist plädierte dafür, genau hinzuschauen, was Fortschritt ist. Bei den neuen Medien brauche es eine exakte Analyse, ob das jeweilige neue Medium tatsächlich einen Fortschritt darstellt. Technologiefirmen und Vertreter von Fachinteressen werben für einen sogenannten Fortschritt, um ihre Eigeninteressen zu wahren. Kaeser riet den Schülern, auch gedruckte Bücher in die Hand zu nehmen.

Christoph Vollenweider erwähnte den Trend der Betriebsökonomisierung der ganzen Welt und wollte wissen, ob das Fortschritt ist. «Ich erlebte diese Ökonomisierung, als ich Lehrer war», sagte Eduard Kaeser. «Plötzlich sprachen wir über Kreuze und ob diese am richtigen Ort stehen, statt über Schule.» Die Frage der Objektivität der Bewertungsbögen sei gar nie gestellt worden. Laut dem Referenten kann man die Schule auch nicht mit einem Wirtschaftsbetrieb vergleichen.

Annäherung an den Begriff Freiheit

Die Frage des Moderators, ob Fortschritt mit Freiheit zu tun habe, beantwortete der Gast mit «sollte». Damit kam Eduard Kaeser dem Thema «Wann ist Fortschritt wirklich ein Fortschritt?» näher. Gemäss Kaeser wäre die Freiheit die gute Seite des Fortschritts. Freiheit heisse, eine Wahl haben, sagte er. Deshalb bezeichnete er das Handy nicht wirklich als Fortschritt, weil der Benutzer eine erdrückend grosse Wahl bei der Bedienung hat, ebenso beim Fernseher, der rund 250 TV-Kanäle bietet.

Ein Besucher machte die Umkehrung und meinte, Fortschritt könne auch Rückschritt sein. Er dachte an Produkte, die zulasten der Umwelt produziert werden. Er ging in seinen Gedanken gar soweit, dass manchmal der Rückschritt grösser sei als der Fortschritt. Der Mensch verliere das Denken, warf ein weiterer Besucher in die Runde. Dem konnte der Referent zustimmen, und er sagte: «Denken beginnt damit, dass man sich wundern kann.» Heute wundere man sich nicht mehr, und Fragen werden nicht beantwortet, sondern delegiert.

Zum Schluss rang der Moderator dem Gast noch einen Ratschlag ab. «Wie soll man der technischen Entwicklung begegnen?» Der Denker der 68er Generation antwortete: «Seid wachsam. Seid kritisch. Computer raus!»

166. Lilienberg Gespräch vom 16. November 2018 Dr. Eduard Kaeser, Physiker, promovierter Philosoph, Lehrer, Publizist und Jazzmusiker; Moderation: Christoph Vollenweider, Leiter Programm und Publikationen.

Fortschritt und Individualität

Dr. Raban Daniel Fuhrmann, Beauftragter für das Lilienberg Aktionsfeld Unternehmenskultur & -ethik machte am Anlass mit Eduard Kaeser zwischendurch eine Zusammenfassung der Gedanken des Philosophen und spann diese noch weiter. Er knüpfte bei der Idee an, dass Fortschritt etwas Individuelles sei und meinte augenzwinkernd: «Eine Alarmanlage in einem Haus ist ein Fortschritt für den Hausbesitzer und ein Rückschritt für den Einbrecher.» Fuhrmann fügte weitere Beispiele an, die in der Geschichte als Fortschritt bezeichnet werden – hinterfragte diese jedoch. «Was hat uns die Mondlandung gebracht? Ist die Digitalisierung, die zugleich eine Monopolisierung ist, ein Fortschritt?»

Laut Fuhrmann sagte und bestimmte früher die Kirche, was Fortschritt ist. Für ihn hat Fortschritt einen direkten Zusammenhang mit dem eigenen Leben. Fuhrmanns Gradmesser für Fortschritt ist: Habe ich ein besseres Leben? Hilft es mir, eine bessere Beziehung zu haben, und hilft es der Gesellschaft, erwachsen zu werden?

Fortschritt, Freiheit und philosophische Überlegungen
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