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«Es gibt keinen neuen Kalten Krieg»

01.07.2019

Der Konflikt zwischen den USA und China spitzt sich zu, und die EU wartet auf den Brexit. Doch was bedeuten diese geopolitischen Entwicklungen für die Finanzmärkte? Antworten gaben Politikberater Remo Reginold und David Kohl, der Chefvolkswirt Deutschland der Bank Julius Bär. Fazit: Wir erleben eine Zeitenwende. So brisant die Lage ist, auf die Finanzmärkte ist die Wirkung begrenzt.

«Es gibt keinen neuen Kalten Krieg»
Bei schönstem Wetter diskutierten der Politikberater Remo Reginold (links) und David Kohl, Chefvolkswirt Deutschland bei der Bank Julius Bär (rechts) mit Moderator Christoph Vollenweider.

Das Weltbild, das Moderator Christoph Vollenweider entwirft, ist düster: An vielen Orten herrschen Konflikte und toben Kriege. Alte Bündnisse zerbrechen, die Welt rüstet auf. Der promovierte Politikberater Remo Reginold spricht gar von einer Zeitenwende: «Wegen den Ungleichheiten zwischen den Nationen hat der Mauerfall nicht den erhofften Wohlstand gebracht. » Der Mittelstand erodiert, nichts ist wie vor 30, 40 Jahren. Ein idealer Nährboden für Nationalismus. Das Vertrauen in Institutionen und Verträge hat massiv abgenommen. «Vermutlich ist die Globalisierung verantwortlich dafür», sagt der Politikberater. Hinzu kommt noch der Klimawandel, durch den ganze Inseln verschwinden.

Neue Akteure

Solche geopolitischen Ereignisse beschäftigen auch den Finanzplatz Schweiz. Die Lage ist kompliziert, denn mittlerweile verteidigen Staaten nicht mehr nur ihre Länder. Auch über Handel und Infrastruktur wird heute Geopolitik betrieben. Neue Akteure sind mächtige Technologieunternehmen. «Wenn Amazon ein Problem hat, haben wir auch ein Problem», sagt Reginold.

Ein weiterer Akteur ist China. Bis 2050 sollen über die Seidenstrasse 68 Länder und 75 Prozent der Naturressourcen miteinander verbunden werden. «Europa und Asien sollen zusammengeführt werden», erklärt Reginold. Dahinter stehen nicht nur ökonomische Interessen, sondern auch strategische. «Die Amerikaner haben dagegen keine Strategie. Amerikaner kennen nur 'Amerika first'.» Und auch Europa fehlt bislang ein Plan, wenn die Chinesen Schlüsselindustrien aufkaufen.

Von einem neuen Kalten Krieg, wie man immer wieder hört, will Reginold aber nichts wissen. «Es gibt keinen neuen Kalten Krieg. Beide Nationen sind die grössten Handelspartner.» Es gibt zu viele Abhängigkeiten für einen Kalten Krieg. Im Machtgefüge zwischen den USA und China wirke Europa wie ein Flickenteppich. Mittelfristig werde Europa vermutlich aufgerieben zwischen China, den Vereinigten Staaten, die nicht mehr viel mit Europa zu tun haben wollen und osteuropäischen Ländern, die den Chinesen sehr zugewandt sind», sagt Reginold.

Gewinne wichtiger als Politik

Doch welche Auswirkungen hat das auf die Märkte? Um dies zu beantworten, war David Kohl, der Chefvolkswirt von Julius Bär Deutschland aus Frankfurt auf Lilienberg gereist. Seine Einschätzung ist vergleichsweise beruhigend: Für die Finanzmärkte sei China zwar nach wie vor ein globaler Unruheherd. Die Seidenstrasse sieht Kohl aber auch als Chance für das globale Wachstum.

Zudem hätten geopolitische Ereignisse nur eine sehr unscharfe Auswirkung auf die Märkte. «Unternehmensgewinne bestimmen den Kurs.» Ein Zusammenhang zwischen sicheren Anlagen und politischer Unsicherheit sei nicht erkennbar. Seit 1970 seien die Dividenden mit wenigen Ausnahmen fast immer nur gestiegen. Der Erste Golfkrieg habe in den 1970er-Jahren zwar auch eine Wirtschaftskrise ausgelöst, aber später habe der Zusammenbruch der Internetblase die Finanzmärkte stärker beeinflusst als die Terroranschläge vom 11. September 2001. Politische Unsicherheit würde zwar die Bewertung von Aktien dämpfen. Eine gute Gewinnentwicklung habe dies aber zumindest in den USA kompensiert. Mitunter seien die Kurse sogar gestiegen.

Sanktionen schlimmer als Zölle

Eine neue Dimension sei Donald Trumps Handelsstreit mit China. Bislang seien die Märkte damit eher entspannt umgegangen. Im Unterschied zu Sanktionen könnten Unternehmen mit Zöllen recht gut umgehen. Diese seien im Grunde nichts anderes als Preisschwankungen. «25 Prozent sind zwar nicht schön, aber handelbar», sagt der Volkswirt.

«Bei den Sanktionen waren wir selbst überrascht, wie anfällig die Lieferketten sind. Und Sanktionen bedrohen globale Lieferketten.» Wenn die Lieferkette fürs iPhone abgebrochen wird, dann haben wir grössere Verluste. Wie enorm die sein können, zeigte er in einem Schaubild mit Samsung, Foxconn, Intel oder Google.

Trotz allem sei Trumps Wirtschaftspolitik ein fiskalpolitisches Risiko, sagt Kohl. «Der Handelskrieg wird uns weiter beschäftigen.» Und wie geht es weiter mit Europa? Wirtschaftliche Fliehkräfte durch den Brexit sieht Kohl nicht. Der Brexit habe zwar Auswirkungen auf Lieferketten, aber bei vielen Auswirkungen würde übertrieben.

Die Entwicklung der EU hängt nach Einschätzung des Finanzexperten von ihrem wirtschaftlichen Erfolg ab. Der ökonomische Erfolg bestimmt die Stabilität der EU und bringt auch die Populisten auf Kurs, glaubt Kohl. Wichtig sei, dass das Wachstum über den Zinsen liegt. «Liegen die Schulden unter dem Wachstum, ist eine Stabilisierung möglich.» Ähnliches habe sich bereits in Japan gezeigt.

«Es gibt keinen neuen Kalten Krieg»
Nach dem Gespräch genossen die Teilnehmer beim Apéro den herrlichen Sommerabend.

Unternehmerisches Gespräch vom 19. Juni 2019 «Die Auswirkungen der geopolitischen Entwicklungen auf die Finanzmärkte» mit David Kohl, Chefvolkswirt Deutschland, Bank Julius Bär Europe AG, und Dr. Remo Reginold, Mitinitiant des Swiss Institute for Global Affairs und Lehrbeauftragter an der Universität Basel, Moderation: Christoph Vollenweider, Leiter Programm und Publikationen.

Politikberater und Chefvolkswirt

Dr. Remo Reginold ist Politberater und Partner bei der Firma Politikwissenschaftliche Beratung Schweiz. Er berät Regierungen und öffentlich exponierte Unternehmen. Reginold ist Mitbegründer des Think Tank Swiss Institute for Global Affairs und Lehrbeauftragter für Politische Ökonomie an der Uni Basel. Er forschte an der Universität Cambridge und war Visting Fellow an der Columbia University und an der UC Berkeley.

David Kohl ist Chefvolkswirt Deutschland der Bank Julius Bär und Leiter des Währungsresearch. Der Ökonom stiess Mitte 1997 zu Julius Bär und war zunächst neben der volkswirtschaftlichen Analyse auch für die deutsche Aktienmarktstrategie verantwortlich. Seit 2007 verantwortet er das globale Währungsresearch der Bank und übernahm in 2010 zusätzlich den Posten des Chefvolkswirtes Deutschland.

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