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Eine Digitalisierung mit Herz braucht menschliche Kopfarbeit

30.01.2019

Der Januar-Anlass der Veranstaltungsreihe «Schweiz 4.0 plus» befasste sich mit den sozialen Aspekten, mit denen unsere Gesellschaft durch die Digitalisierung konfrontiert ist. Dazu gehört zu einen die Frage nach den zukünftigen Anforderungen an unsere Bildungssysteme, zum anderen auch die Frage, was die Digitalisierung für Auswirkungen auf unsere Sozialsysteme haben wird: Wie müssen wir diese reformieren – oder müssen wir sie gar vollständig umkrempeln und umdenken?

Eine Digitalisierung mit Herz braucht menschliche Kopfarbeit
Die Digitalisierung wird die Wirtschaft so verändern, dass es kein Produktionsproblem mehr gibt, stattdessen aber ein Nachfrageproblem.

Die Digitalisierung stellt eine Reihe von Fragen an das Bildungswesen. Dabei geht es aber nicht nur darum, wie der Umgang mit digitalen Medien vermittelt werden kann. Mindestens so wichtig sind auch weiterreichende und grundsätzlichere Fragen: Was sind überhaupt die Kompetenzen, welche das Bildungssystem in Zukunft vermitteln muss? Und wie gelingt soziale Inklusion, sprich wie können auch bildungsschwache Teile der Gesellschaft weiterhin in die Volkswirtschaft integriert werden, wenn zumindest das «einfache Denken» einst von Computern erledigt wird?

Urs Prantl empfahl in seinem Inputreferat davon auszugehen, dass das, was digitalisiert werden kann, auch digitalisiert wird. Er zeigte sich überzeugt, dass Kreativität, Querschnittsdenken und soziales Denken jene Kompetenzen sein werden, in die es sich zu investieren lohnt. Sie können schlecht von Computern übernommen werden, bleiben aber weiterhin wichtig oder werden gerade deshalb noch wichtiger. Es sei auch ein Irrtum, die Anforderungen an die Bildung einseitig aus dem Blickwinkel zweckorientierter Wirtschaftstauglichkeit zu sehen. Digitalisierung heisse nicht einfach, dass es jetzt nur noch Informatiker braucht. Man müsse weiter und ganzheitlicher denken.

Auch der zweite Referent, Daniel Häni, schlägt in diese Kerbe. Er stellte die spannende Frage, wie sich denn die Tugenden in einer digitalisierten Gesellschaft und Wirtschaft verändern werden. Braucht es noch Fleiss und Gehorsam – und nicht vielmehr Kreativität und Empathie? Tugenden haben sich schliesslich immer als Reaktion auf das Umfeld herausgebildet, welches eine Gesellschaft vorfindet.

Während die Industrialisierung den Menschen von vielen körperlichen Arbeiten befreit hat, wird ihn die Digitalisierung von repetitiver geistiger Arbeit entbinden. In Anspielung auf Pestalozzis Konzept der Elementarbildung fasste Dr. Beat Sieber vom Schul- und Sportdepartement der Stadt Zürich in der Schlussrunde zum Thema daher pointiert zusammen: Was von Pestalozzis pädagogischem Ideal des gesamtheitlichen Lernens mit Kopf, Herz und Hand in Zeiten der Digitalisierung immer wichtiger wird, ist das Herz.

Das Grundeinkommen: Herz der Digitalisierung oder Utopie?

Was aber, wenn die Digitalisierung das Herz unserer Sozialsysteme grundsätzlich trifft? In diese Richtung denkt, «sehr radikal», wie er zugibt, Referent Daniel Häni. Häni war Mitinitiant der Volksinitiative für ein Bedingungsloses Grundeinkommen (BGI), welche das Schweizer Volk im Jahr 2016 mit 77 Prozent Nein-Stimmen deutlich verworfen hatte. Häni ist trotzdem zufrieden, jene Debatte lanciert zu haben – und überzeugt, dass wir nicht das letzte Mal über diese Idee debattiert haben.

Doch wie kommt man überhaupt auf die Idee des Grundeinkommens? Häni sieht darin die humanistische Antwort auf die Digitalisierung. Diese werde die Wirtschaft so verändern, dass es kein Produktionsproblem mehr gibt, stattdessen aber ein Nachfrageproblem. Es brauche zwar weiterhin Konsumenten, aber nicht mehr alle von ihnen, um die Güter und Dienstleistungen herzustellen, da dies zunehmend von Computern und Robotern erledigt wird. Der heutige, auf Bismarck zurückgehende Sozialstaat gehe stets vom Bild des Selbstversorgers aus, der sich dann solidarisch um die Jungen, Alten und Schwachen kümmert. Aber wird es diesen Selbstversorger überhaupt noch geben? Und könnte nicht ein gesichertes Grundeinkommen jenes Potenzial an Kreativität und Empathie freisetzen, das selbst wieder neue Technologie, Unternehmertum, oder soziales Engagement ermöglicht? Ganz im Sinne von Gottlieb Duttweiler sei eben die Freiwilligkeit der Arbeit der Preis für echte Freiheit.

Häni vermochte die Einwände zum Thema Bedingungsloses Grundeinkommen am Ende zwar nicht auszuräumen. Etwa den Einwand, wie Sozialausgaben in der Höhe von 40 Prozent des BIP finanziert werden sollen, oder den Einwand, was im Kontext von Arbeitnehmerfreizügigkeit passieren würde, wenn ein Land wie die Schweiz bedingungslos Geld in der Höhe eines Durchschnittslohns der Nachbarländer verteilt. Trotzdem vermitteln Hänis Ansichten die Überzeugung, dass die Digitalisierung eine Chance ist, die mit ihrer Produktivitätssteigerung am Ende allen mehr Freiheit bringen kann und soll. Das BGI mag vorerst eine Utopie bleiben, aber eine herzlose Dystopie ist es sicherlich nicht.

Auf einem höheren Niveau verwirrt

Die eher abstrakten Diskussionen liessen die Teilnehmer der Veranstaltung scheinbar mit leeren Händen dastehen. Die praktischen Auswirkungen der Digitalisierung zeichnen sich nur langsam ab und mit konkreten, alltagstauglichen Anweisungen haben die Referenten das Publikum kaum beglückt. Vielleicht war das aber auch gar nicht ihre Absicht. Denn wenn die Digitalisierung eine Arbeitswelt bringt, in welcher mehr möglich als vorgegeben ist, werden Diskussionen ohne unmittelbare Lösungen dazugehören. Am Ende des Anlasses waren alle, um die Worte eines Teilnehmers zu verwenden, «zwar weiterhin verwirrt» – aber zumindest auf einem höheren Niveau. Eine Gewissheit zumindest bleibt: Eine Digitalisierung mit Herz braucht weiterhin menschliche Kopfarbeit, wenn sie gelingen soll.

Zyklus «Schweiz 4.0 plus: Welche Perspektiven und Folgerungen stellen sich für die Schweiz aus der Digitalisierung?»; Kolloquium vom 9. Januar 2019 «Sozialsystem 4.0 plus: Welches sind die sozialen Folgen der Digitalisierung?» mit Daniel Häni, Mitbegründer und Mitglied der Geschäftsleitung Unternehmen mitte, Basel, und Urs Prantl, Zukunftsarchitekt und Strategieberater für KMU, Inhaber der KMU Mentor GmbH, Fislisbach/Baden; Moderation: Dr. Raban Daniel Fuhrmann, (Aktionsfeld Unternehmenskultur &-ethik).

Brisante Zitate

«Von Pestalozzis Lernen mit Kopf, Herz und Hand wird das Herz in Zeiten der Digitalisierung immer wichtiger.» (Dr. Beat Sieber)

«Wir sind nach dem heutigen Tag auf höherem Niveau verwirrt.» (Teilnehmer)

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