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Diskriminierung ist ein Integrationshindernis

23.01.2019

Integration ist keine Einbahnstrasse und gute Bildung ist zwar ein Schlüssel, schützt aber vor Radikalisierung nicht. Das sind nur zwei Erkenntnisse aus der hochkarätig besetzten Kooperationsveranstaltung des Lilienberg Unternehmerforums und des Internationalen Bodenseerates. Doch auch Nicht-Muslime und Imame spielen eine zentrale Rolle. Bei der Imam-Ausbildung müsste sich jedoch einiges ändern.  

Diskriminierung ist ein Integrationshindernis
Beatrice Gregus (links), Rektorin des Bildungszentrums für Gesundheit und Soziales in Weinfelden, im Gespräch mit der Studentin Zulkjeflije Nuredini. Bildung und die Sprache sind für beide ein Schlüssel zur Integration. (Bilder: Kerstin Conz)

Wie der Alltag einer Muslima in der Schweiz aussieht? Für Zulkjeflije Nuredini zurzeit auf jeden Fall sehr stressig, erzählt sie Moderator Christoph Vollenweider. Die Studentin der Sozialarbeit an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) hat gerade ihre Prüfungen hinter sich. Ausserdem hat sie noch zwei Schulkinder im Alter von acht und elf Jahren. Und dann leitet sie auch noch das Frauenforum der albanisch-islamischen Gemeinschaft Kreuzlingen. Etwas Besonders ist das für sie nicht. Viele muslimische Frauen würden heutzutage arbeiten, eine Ausbildung machen oder studieren. «Ich bin froh, dass unsere neue Generation immer weiterkommt. Das macht mich auch stolz.»

Einfach war der Weg nicht. Die Kreuzlingerin stammt aus einer albanisch-islamischen Familie aus Mazedonien. «Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie schwierig es war, als meine Eltern mit fünf Kindern in die Schweiz gekommen sind. Aber ich war wissbegierig und wollte diese Kinder und dieses Land kennenlernen.»

Vor allem die Eltern hätten sie stets motiviert. Hilfe gab es auch. Das Haus, in dem sich die Kinder gut entfalten und entwickeln konnten, habe der Chef des Vaters besorgt. Für ihn selbst war es schwer, eine Wohnung zu finden.

Vorbild für andere Migrantinnen

Mit ihrer Ausbildung zur Pflegefachfrau habe sich viel gebessert. Heute fühle sie sich mehrheitlich in der Schweiz zu Hause. Ihr Herkunftsland Mazedonien kenne sie nur aus den Ferien. Die lebhafte Frau sieht sich als Vorbild für andere Migrantinnen. «Ich lebe hier wie eine Schweizerin. Meine Kinder spielen beide Fussball und haben Schweizer Kollegen, aber sie besuchen auch den islamischen Religionsunterricht. Ich bin froh, dass es diesen Religionsunterricht in Kreuzlingen gibt.»

Diskriminierung ist ein Integrationshindernis
Muslime wollen nicht nur auf ihre Religion reduziert werden, sagte der Kreuzlingen Imam Rehan Neziri (links), hier im Gespräch mit Moderator Christoph Vollenweider.

Rehan Neziri, der Imam der albanisch-islamischen Gemeinschaft Kreuzlingen, hat den muslimischen Religionsunterricht vor ein paar Jahren eingeführt. Für die Kinder ist das wichtig, sagt eine Mutter in der Pause. Ihre Kinder hätten sich zuvor immer ausgeschlossen gefühlt, weil ihre Kollegen den Religionsunterricht besuchen durften, sie selbst aber nicht.

Imam muss im Land leben

Als Bindeglied zwischen Schule und Elternhaus spielt der Imam eine wichtige Rolle. Immer wieder kommt es vor, dass Eltern ihn um Rat fragen. Dann sagt er ihnen, dass die Mädchen zum Schwimmen gehen müssen, weil es Teil des Unterrichts ist. Als ein Vater sein Kind nicht zum Fasnachtsumzug schicken wollte, weil es glaubte, dass es ein heidnischer Brauch sei, stellte Neziri klar, dass Fasnacht eine Tradition sei und das Kind mitmachen muss.

Um solche Gepflogenheiten zu kennen, müsse ein Imam dauerhaft im Land leben, findet Rehan Neziri. «Ich sehe es daher als Notwendigkeit, dass jedes Land seine Theologen selbst ausbildet.» Ein in der Schweiz ausgebildeter Imam sei hier viel effektiver als ein Imam aus Saudiarabien, wo eine völlig andere Ideologie herrscht.

Diskriminierung ist ein Integrationshindernis
Der Konstanzer Sozialbürgermeister Andreas Osner (rechts) gratulierte Christoph Vollenwei-der zur hochkarätig besetzten Veranstaltung. Seine Schlussfolgerung: «Wir müssen den muslimischen Glauben stärken, um uns stark zu machen gegen Radikalisierung.» Zudem müsse auch die Gesellschaft aufnahmefähig sein.

338‘000 Muslime leben heute in der Schweiz, mit nur fünf Prozent der Gesamtbevölkerung deutlich weniger, als viele Leute meinen, sagte der Journalist und Theologe Norbert Kössmeier. Die Verbundenheit mit dem Land sei in der Schweiz enorm hoch und der Erwerbsstatus in etwa gleich wie bei der restlichen Bevölkerung. In Österreich sei das anders. Dort sind etwa drei Mal so viele Muslime arbeitslos als Nicht-Muslime. Dennoch hätten auch hier etwa ein Drittel Diskriminierungserfahrungen gemacht. Vor allem auf dem Wohnungsmarkt stehen die Chancen schlecht. Für die Integration ein echtes Hindernis.

Ehrgeizige Lernende mit Migrationshintergrund

Dabei sind Migranten extrem wichtig. «Ohne diese Menschen könnten wir hier die Pflege in der Schweiz gar nicht mehr aufrechterhalten», sagt die Rektorin des Bildungszentrums für Gesundheit und Soziales in Weinfelden, Beatrice Gregus. Etwa ein Drittel ihrer Schüler und Studierenden habe einen Migrationshintergrund. «Das ist bei uns etwas völlig Normales. Diversität wird respektiert.»  Auch ein Kopftuch. Am Schwimmunterricht müssen dennoch alle teilnehmen, auf Wusch auch mit spezieller Kleidung. Die Kommunikationssprache ist Deutsch. Das gilt auch für den Pausenhof.

Trotzdem gibt es hin und wieder Schwierigkeiten mit Grüppchenbildung. Immer wieder seien junge Frauen unfreiwillig in den Sommerferien verheiratet worden. Einmal habe sie eine gute Schülerin verloren, die nach der Hochzeit bei den Schwiegereltern so viel Hausarbeit erledigen musste, dass sie ihre Ausbildung aufgeben musste. «Das darf nicht sein», sagte der Kreuzlinger Imam kopfschüttelnd.

Doch die positiven Erfahrungen überwiegen, betont die Rektorin. «Lernende mit Migrationshintergrund sind oft sehr ehrgeizig und fleissig. Viele wissen, dass es nicht selbstverständlich ist, dass sie ihre Ausbildung in einem schönen Schulhaus geniessen können. Das unterscheidet sie von Schweizer Kindern.» Zudem sei kulturelle Vielfalt gerade in der Pflege mit vielen ausländischen Patienten eine Ressource.

Die Gefahr der Radikalisierung

Gute Bildung und Wertschätzung sind für die Integration wichtig. Umso irritierender, dass sich auch aus der Schweiz immer wieder gut integrierte und ausgebildete Muslime in den Dschihad, also den sogenannten Heiligen Krieg, aufmachen. Wie so eine Radikalisierung verhindert werden kann, wollte Moderator Christoph Vollenweider von der Extremismus-Forscherin Myriam Eser Davolio (ZHAW) wissen. Die Wissenschaftlerin aktualisiert derzeit eine Studie von 2015. Demnach sind besonders Menschen mit wenig religiösem Wissen gefährdet. «Diese Leute erkennen nicht, wenn Ideologien aufgebaut werden, die nicht dem Koran entsprechen.» Auch Konvertiten könnten entsprechende Angebote nicht richtig einordnen.

Diskriminierung ist ein Integrationshindernis
Diskriminierung verhindert eine gute Integration, sagte der Theologe Norbert Kössmeier aus Freiburg im Breisgau (links), hier zusammen mit Pfarrer Christoph Stucki, Leiter der Lilienberg Regionalgruppe Zürichberg.

Mangelnde Integration sieht sie nur zum Teil als Risikofaktor für eine Radikalisierung, da von der Radikalisierung vor allem Secondos betroffen seien, welche die Sprache lernten und auch Ausbildungsmöglichkeiten hatten. Gefährlich sind extremistische Prediger, die mit allen Tricks arbeiten. «Wir haben es mit einem brutalen Phänomen zu tun», sagt Myriam Eser Davolio. Es sei nicht immer zu erkennen, dass es sich um ein extremistisches Angebot handle. Einstiegsthemen seien mitunter nicht-religiöse Verschwörungstheorien, etwa, dass der Rinderwahnsinn gar nicht existiere, sondern eine Erfindung des Westens sei.

Auch bei Rückkehrern stehen die Sozialarbeiter vor riesigen Herausforderungen. Ein interessantes Ausstiegsprogramm gebe es bereits in Strassburg. Wenn Leute kooperativ mitarbeiten, wird die Strafe ausgesetzt. In der Schweiz fehlen bislang solche Programme noch. Zudem brauche es Zeit, bis sich bei den Teilnehmern aber etwas ins Rollen komme. «Wir haben schon beim Rechtsextremismus gesehen, dass die Persönlichkeitsveränderungen doch recht tiefgehen.»

Unternehmerisches Gespräch vom 21. Januar 2019 «Wie kann die Integration der muslimischen Bevölkerung gut gelingen?» mit Norbert Kössmeier, Theologe, Journalist, Interkulturelles Consulting und Coaching, Zulkjeflije Nuredini, Studentin der Sozialarbeit, Leiterin Frauenforum der albanisch-islamischen Gemeinschaft Kreuzlingen, Beatrice Gregus, Rektorin des Bildungszentrums für Gesundheit und Soziales, Weinfelden, Rahan Neziri, Imam und Religionslehrer, albanisch-islamische Gemeinschaft Kreuzlingen, und Myriam Eser Davolio, Erziehungswissenschaftlerin und Dozentin ZHAW, Extremismusforscherin; Moderation: Christoph Vollenweider, Leiter Programm und Publikationen.

Brisante Zitate

«Mir ist wichtig, dass man den Menschen sieht und nicht die Frau mit Kopftuch.» (Zulkjeflije Nuredini)

«Es braucht die Verantwortung der Gesellschaft, damit Integration gelingen kann.» (Norbert Kössmeier)

«Ich bin froh, dass man nicht über Muslime sondern mit Muslimen redet.» (Rehan Neziri)

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