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Diplomatie in Krisengebieten – erst integrieren, dann beraten

19.04.2018

160. Lilienberg Gespräch mit Dr. Daniel Levin, Rechtsanwalt, international tätiger Berater für Regierungen und Institutionen

«Die Diplomatie ist in einer Krise»,  sagt Dr. Daniel Levin. Laut dem international tätigen Berater könne man in anderen Kulturen nicht einfach ein Modell überstülpen. Der Vermittler braucht genaue Kenntnisse und muss erst einmal zuhören können. Über seine Erfahrungen hat er das Buch «Alles nur ein Zirkus – Fehltritte unter Mächtigen» geschrieben.

Diplomatie in Krisengebieten – erst integrieren, dann beraten
Gesprächsgast Dr. Daniel Levin (links) und Moderator Christoph Vollenweider

Daniel Levin ist derzeit eine gefragte Person in der Öffentlichkeit: Nationale Zeitungen interviewen ihn und im April las er im Zürcher Kaufleuten-Saal aus seinem Buch. Soeben ist «Alles nur ein Zirkus – Fehltritte unter Mächtigen» auf Deutsch erschienen, in dem er von Begegnungen mit Protagonisten der diplomatisch-politischen Bühne schildert (siehe Kasten). Christoph Vollenweider wollte diesen Frühling im Rahmen eines Lilienberg Gesprächs von Levin wissen, was genau seine Tätigkeit ist.

Daniel Levin arbeitet für die Liechtenstein Foundation for State Governance, die Krisenländern hilft, eine gesunde Staatsführung aufzubauen. In Angola, Namibia, Sambia und vielen anderen afrikanischen Staaten war er über die Jahre tätig. Aktuell richtet sich das Augenmerk der Liechtenstein Foundation for State Governance auf Krisenregionen wie Syrien, Jemen oder Libyen. «Wir investieren vor allem in die nächste Generation, mit denen man die Zukunft des Landes gestalten kann», sagte Levin im bis auf den letzten Platz gefüllten Gesprächsraum. In den Neunziger Jahren war in Afrika etwa der Aufbau von neuen Finanzsystemen ein Thema.

Diplomatie ist in der Krise

In der Arbeit von Daniel Levin spielt Diplomatie eine wichtige Rolle, doch der Rechtsanwalt sagte unmissverständlich: «Die Diplomatie ist in einer Krise.» Die wirkliche Diplomatie findet auf einer politischen, militärischen, wirtschaftlichen und technologischen Ebene statt. Doch oft sässen die falschen Leute an einem Tisch. Die USA würden gerne irgendwo «einfahren», obwohl sie nicht immer gefragt sind. In Krisengebieten könne die Diplomatie erst etwas bewirken, wenn sie sich dort integriert habe und der Vermittler das System verstehe. In der Diplomatie müsse man erst einmal zuhören und nicht gleich dominieren, führte er aus. Laut Levin gehe es nicht, zum Beispiel Kongo ein westliches Verfassungsverständnis oder Finanzsystem überzustülpen, ohne zuerst die sinnvollen und empfänglichen Konditionen vor Ort zu schaffen.

Levin ging auf den Konflikt in Nordkorea ein, den die Grossmächte USA und China gerne entschärfen würden. Gerade China habe ein grosses Interesse, damit die Probleme mit Nordkorea gelöst werden können. China drohen sonst über 20 Millionen verhungerte Flüchtlinge aus Nordkorea. Der Konflikt kann jedoch nicht isoliert gelöst werden, weil viele unterschiedliche Interessen im Spiel sind. Eine Lösung braucht viel Arbeit, Diskretion und Vertrauen, was oft viele Jahre dauern wird.

Die Diplomatie wird durch die Inkompetenz und Korruption vieler beteiligter Parteien erschwert. Den Grund für die Korruption sieht Levin unter anderem in der zunehmenden Machtkonzentration und der fehlenden Amtszeitbegrenzung vieler politischen Spieler. Hier kann die Schweiz mit ihrem eigenen Verfassungsverständnis, einschliesslich der «Zauberformel» des Bundesrats, eine gewisse Vorbildfunktion für ein funktionierendes Politsystem ausüben. Er begrüsste es, dass die Bundesräte in ihren Ämtern rotieren und sich so in neue Dossiers einarbeiten müssen. Das verhindere eine politische Stagnation und Machtakkumulierung. Doch man könne dieses System nur teilweise und sinnvoll angepasst in andere Länder exportieren, pauschal als Ganzes funktioniere das nicht.

Konfliktherde Syrien und Türkei

Die Besucher interessierten sich für Levins politische Einschätzung in Ländern wie Syrien, Russland und Türkei. Levin schickte eines voraus: «Warum interessieren wir uns mehr für Syrien als den Kongo? Weil Syrien uns geografisch näher liegt und sich Europa der Herausforderung dieser Einwanderung stellen muss.» Putin werde in Syrien als starker Mann wahrgenommen. Er würde sich gerne aus Syrien zurückziehen, doch die beiden Grossmächte und der Iran seien sich in der Lösungsfindung nicht einig, so Levin.

Aufhorchen liess der Giftanschlag in Grossbritannien gegen zwei russische Exilanten. «Wie gefährlich ist Russland wirklich?», wollte der Moderator wissen. «Putin macht kein Geheimnis daraus, was er von Verrätern hält», antwortete Levin. Doch die Nato-Erweiterung nach Russland sei ein Fehler gewesen und die Haltung des Westens «wir müssen Osteuropa befreien», komme bei Putin gar nicht gut an.

Daniel Levin war offen, direkt und gab unumwunden zu: «Einen Punkt habe ich falsch eingeschätzt: Ich dachte nicht, dass sich Erdogan in der Türkei solange halten kann.» Laut Levin hat der Präsident der Türkei politisch starken Rückhalt. Der Westen habe ihn lange unterschätzt, ist sich Levin gewiss. 

160. Lilienberg Gespräch vom 10. April 2018 mit Dr. Daniel Levin, Rechtsanwalt, international tätiger Berater für Regierungen und Institutionen; Moderation: Christoph Vollenweider, Leiter Programm und Publikationen.

Zur Person Daniel Levin

Dr. Daniel Levin, wohnhaft in New York, Rechtsanwalt und international tätiger Berater ist ein Kenner des internationalen Parketts und kennt viele Brennpunkte dieser Welt. Der schweizerisch-amerikanische Doppelbürger arbeitet zur Hauptsache für die Liechtenstein Foundation for State Governance, die vom Fürstenhaus getragen wird.

Levin verbrachte seine Kindheit als Sohn eines Diplomaten im Mittleren Osten und Afrika. Als seine Familie in die Schweiz umzog, besuchte er in Zürich das Gymnasium und absolvierte ein Jus-Studium in Zürich und New York. Später erhielt er mehrere Auszeichnungen für seine akademische und beratende Tätigkeit. Als Angestellter einer New Yorker Kanzlei beriet er die südafrikanische Regierung, lernte Nelson Mandela und andere Grössen des ANC kennen und entdeckte so eine Tätigkeit, die ihn bis heute beschäftigt.

Mitte März stellte Levin sein Buch «Alles nur ein Zirkus – Fehltritte unter Mächtigen» (Elster Verlag) erstmals an der Leipziger Buchmesse in deutscher Sprache vor. Das Buch basiert auf persönlichen Erfahrungen, die der Autor während zwei Jahrzehnten gesammelt hat. Er führt den Leser an Schauplätze von Peking über Moskau nach Washington und vermittelt einen Blick hinter die Kulissen. Starke Reaktionen über das Buch blieben nicht aus.

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