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Die Zeit für Tagesschulen ist längst reif, aber...

01.06.2015

Mit einer Tagung über Tagesschulen gab Lilienberg im Mai Bildungspolitikern, Wirtschaftsleuten und Pädagogen wichtige Anstösse für die Schule von morgen. Fakt ist: Tagesschulen wären ein Gewinn für alle. Denn die Wirtschaft hätte mehr weibliches Fachpersonal, die Schulen zusätzliche Möglichkeiten, um Bildung zu vermitteln, und die Eltern wären in der Kinderbetreuung entlastet. Dennoch will den Tagesschulen der Durchbruch nicht richtig gelingen.

Die Zeit für Tagesschulen ist längst reif, aber...
Christoph Vollenweider diskutiert im Lilienberg Zentrum vor einem interessierten Fachpublikum mit (von links) Franziska Frey-Wettstein, Susanne Hardmeier, Nationalrätin Rosmarie Quadranti und Barbara Custer.

Das Ziel der Tagung, welche Lilienberg zusammen mit der IG Pro-Tagesschulen durchführte, war, die Thematik einem breiten und einflussreichen Publikum bekannt zu machen und wichtige Fragen rund um die Tagesschulen mit Fachleuten zu diskutieren. Dieses Ziel erreichten die Organisatoren: Zahlreiche Gäste aus Bildung, lokaler, kantonaler und nationaler Politik sowie aus der Wirtschaft formulierten Wünsche und Postulate und überlegten sich, wie sie allgemein Tagesschulen vorantreiben könnten.

Den Initiantinnen Barbara Custer, Franziska Frey-Wettstein und Ursula Rellstab geht es nicht um irgendeine Tagesstruktur, sondern ganz konkret um Tagesschulen, die mit der Schule in ein pädagogisches Gesamtkonzept eingebettet sind und meist von Lehr- und Betreuungspersonen selber betrieben werden. Die Teilnahme der Kinder soll freiwillig sein, und die Eltern haben die Auswahl zwischen Kern- und Auffangzeit.

Tagesschulen entsprechen einem Wunsch vieler Eltern, damit Familie und Beruf besser vereinbar sind. Ein Interesse an Tageschulen hat auch die Wirtschaft, weil sie dadurch vermehrt an qualifizierte weibliche Arbeitskräfte kommt. Man geht davon aus, dass im Jahr 2030 in der Schweiz rund 400'000 Mitarbeitende fehlen werden. Die Hälfte davon könnte dank Tagesschulen mit Frauen besetzt werden.

Vieles spricht für Tagesschulen, trotzdem fehlt der Durchbruch

Obwohl die Fakten von der pädagogischen, wirtschaftlichen und politischen Seite her klar für die Tagesschulen sprechen, kommt die IG mit ihrem Anliegen nicht richtig vom Fleck. Am Podiumsgespräch wollte Moderator Christoph Vollenweider von seinen Gästen wissen: Weshalb läuft die Diskussion über Tagesschulen so harzig? Franziska Frey-Wettstein sieht im Föderalismus eine Schwierigkeit, weil sich die Kantone nur langsam bewegen und sagte: «Die Finanzen sind ein Problem, weil diese nicht klar geregelt sind.» Laut der Politikerin kann die IG nicht auf Erfahrungen zurückgreifen, aus denen ersichtlich ist, welche Leistungen Tagesschulen erbringen werden. Das Argument «gute Mütter kann man nicht vertreten» habe bei den Gegnern seine Wirkung und könne nicht einfach vom Tisch gewischt werden.

Susanne Hardmeier, stellvertretende Generalsekretärin der EDK, der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren, vertrat die Auffassung, dass die Schweiz gerade wegen des Föderalismus ein gutes Schulsystem habe. Die EDK könne bezüglich Tagesschulen nicht viel unternehmen, weil diese Sache der Kantone und Gemeinden seien. Man müsse auch berücksichtigen, dass es Gemeinden gibt, die gar kein Bedürfnis haben, Tagesschulen einzurichten.

Rosmarie Quadranti ist Schulpräsidentin von Volketswil und BDP-Nationalrätin. Sie vertrat auf dem Podium die Meinung, dass der Bund finanzielle Anreize für die Kantone schaffen könnte, schliesslich profitiere auch er davon, wenn die Gemeinden Tagesschulen einrichten. Laut Quadranti könnten Gemeinden Geld sparen, wenn sie nicht mehr Schulen bauen, sondern Universalräume, die auf unkomplizierte Weise umgebaut werden können, wenn sie Jahre später nicht mehr gebraucht werden.  

Man war sich einig: Die Wirtschaft und ihre Verbände unternehmen wenig, um Tagesschulen aufzubauen. Vielleicht mag es damit zusammenhängen, dass – so Pädagogin Barbara Custer – noch keine Qualitätsmerkmale für Tagesschulen gültig sind. 

Kompetenzcenter ist ein erster Schritt

Um Qualitätsmerkmale festzulegen und die IG Pro-Tagesschule zu unterstützen, wäre ein Kompetenzcenter eine grosse Hilfe. Die Pädagogische Hochschule Zürich (PHZH) hat bereits erste Dienstleistungsaufträge übernommen und könnte einmal zu einem Kompetenzcenter wachsen. Laut Prof. Dr. Patricia Schuler von der PHZH müssten aber andere Pädagogische Hochschulen und Sozialpädagogen einbezogen werden.

Fazit des Podiumgesprächs: Die Zeit für Tagesschulen ist reif, denn die Wirtschaft braucht je länger je mehr die Frauen in den Betrieben. Geduld sei eine schöne Tugend, doch man erreiche damit nicht viel, meinte ein Teilnehmer aus dem Publikum. Barbara Custer mag auch nicht mehr Jahre warten und  sagte: «Seit 40 Jahren arbeite ich auf Tagesschulen hin. Seit heute bin ich optimistischer.»  


Flexibles Zusammenleben und keine starren Vorgaben für die Wirtschaft

An der Tagung auf Lilienberg warnte Regierungsrat Christian Amsler, Vorsteher des Erziehungsdepartements des Kantons Schaffhausen, in der Bildung gleichzeitig zu viel zu wollen. Als Präsident der Deutschschweizer Erziehungsdirektorenkonferenz sehe er, was alles in der Bildung sonst noch bearbeitet wird. Er denke etwa an die Dauerthemen Lehrplan 21, Standards in der Bildung und Fremdsprachen. Trotz allem liegen ihm die Tagesschulen am Herzen. «Ich denke an jene Kinder, für die eine Tagesschule eine feste Struktur bildet und somit von Vorteil wäre.»  Noch häufig werde in Schemen gedacht, dass nur eine Form des Zusammenlebens für Familien richtig sei, meinte er.

Hans-Ulrich Bigler, Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbandes, wies darauf hin, dass die Diskussion über die Positionierung der Frauen in der Wirtschaft – und damit indirekt auch der Tagesschulen – angekommen sei. «Bei der Integration der Frauen ins Berufsleben darf es keine starren Vorgaben und Überreglementierungen geben», sagte er in seinem Referat. Würden Kosten der Tagesschulen auf die Betriebe abgewälzt, hätte das Konsequenzen auf den Lohn der Arbeitnehmer, meinte Bigler.   

Lilienberg Tagung vom 20. Mai 2015 «Tagesschulen in der Schweiz – Wo stehen wir heute? Wie soll es weitergehen?»: Inputreferate von Regierungsrat Christian Amsler, Vorsteher Erziehungsdepartement Kanton Schaffhausen, und Hans-Ulrich Bigler, Direktor Schweizerischer Gewerbeverband; Podiumsgespräch mit Franziska Frey-Wettstein, Politikerin, Barbara Custer, Pädagogin, Susanne Hardmeier, Stellvertretende Generalsekretärin der EDK, und BDP-Nationalrätin Rosmarie Quadranti; Moderation: Christoph Vollenweider, Leiter Unternehmertum; Zusammenfassung: Bruno Fuchs.

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