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Die Symbolpolitik von Nordkoreas Machthaber

19.07.2019

Kim Jong-un und Donald Trump trafen sich 2018 und 2019 dreimal zu Gipfelgesprächen. Das letzte Treffen fand an der Demarkationslinie zwischen Nord- und Südkorea statt. Das ist bemerkenswert für zwei Nationen, die sich auf der Weltbühne mit harschen Tönen anfeinden. Obwohl keine politischen Abmachungen getroffen wurden, sind diese diplomatischen Manöver äusserst symbolträchtig. Wie schafft es Nordkorea, trotz bescheidenen wirtschaftlichen und militärischen Mitteln, auf der Weltbühne eine solche Präsenz und Anerkennung zu erhalten? Dieser Frage ging anfangs Juli ein Lilienberg Anlass nach.

Die Symbolpolitik von Nordkoreas Machthaber
Dr. Remo Reginold (Mitte) mit Moderator Christoph Vollenweider und dem Visualisierungskünstler Patrick Stahel, der die Symbolpolitik des Kim Jong-un und die Erläuterungen des Referenten grafisch darstellte.

Für viele Analysten und politische Kommentatoren ist klar: Der noch relativ junge Führer Kim Jong-un hat mit seinem nuklearen Programm ein Machtmittel geschaffen, das es ihm erlaubt, Grossmächte wie die USA, aber auch China herauszufordern. Gegenläufig zu dieser These stellte Dr. Remo Reginold auf Lilienberg eine Gegenthese auf, bei der die Nuklearstrategie Nordkoreas nur eine untergeordnete Rolle spielt. Das entscheidende Momentum besteht vielmehr darin, dass die nordkoreanische Führung mittels symbolischen Projektionen von ihren eigentlichen Zielen ablenkt. Wenn man die letzten Neujahrsansprachen Kim-Jong uns aufmerksam liest und die Implikationen seines Reformprogrammes strategisch deutet, weist vieles darauf hin, dass die wahren Absichten Kims vielmehr die koreanische Wiedervereinigung und die damit einhergehende Stärkung der Kim-Dynastie sind. Die aussenpolitischen Machtspiele sind dabei nur Begleiterscheinungen. Wie kommt Reginold zu dieser These?

Nordkorea nutzt geopolitische Unsicherheiten

Erstens gibt es ein geopolitisches Vakuum in Ostasien. Mit Trumps Infragestellung multilateraler Verträge werden Staaten wie Südkorea und Japan zunehmend auf sich gestellt sein respektive neue Bündnisse suchen müssen. Diese geopolitische Unsicherheit kann strategisch von Nordkorea genutzt werden. Zudem sieht China eine Chance, via Nordkorea mehr Einfluss auf die koreanische Halbinsel und damit auch geopolitisch auf das Ostchinesische Meer sowie auf das Japanische Meer zu erlangen.

Ähnliche Optionen malt sich Russland aus, das ebenfalls an Nordkorea grenzt und Pjöngjang gerne als Puffer gegenüber den USA und ihren Alliierten braucht. In dieser Gemengelage kann sich Nordkorea als Sparring-Partner Chinas und Russlands einbringen und sich durch geschickte Machtdemonstrationen und dem Aufbauen eines äusseren Feindes als Regionalmacht aufspielen.

Eine wirtschaftliche Alternative zum Westen

Zweitens erfahren viele Länder im globalen Süden, dass die Globalisierung und die freien Märkte nicht den erhofften Wohlstand und die politische Stabilität mit sich brachten. Mit den Modernisierungsbemühungen in Nordkorea will Kim eine wirtschaftspolitische Alternative zum westlichen Modell anbieten. Eine Nation kommunistischer Prägung, die stark auf Wissenschaft und Forschung setzt und so zu politischer, wirtschaftlicher und politischer Stärke findet. Diese Strategie einer nordkoreanischen Moderne ist beste Symbolpolitik und eine gute Projektionsfläche für Südkorea, ein Land, das lange von der Globalisierung profitieren konnte und nun durch Handelskriege deren Kehrseite zu spüren bekommt.

Die Symbolpolitik von Nordkoreas Machthaber
Referent Dr. Remo Reginold (rechts) mit Moderator Christoph Vollenweider, Programmleiter des Lilienberg Unternehmerforums.

Zudem hat Südkorea mit einer demographischen Hypothek zu kämpfen. Südkorea gehört weltweit zu den Ländern mit den tiefsten Geburtenraten. Dieses Problem kann Nordkorea, das eine viel höhere Geburtenrate aufweist, mittel- bis langfristig geschickt ausspielen. Das nordkoreanische Modell sollte keine Kopie des südkoreanischen Wirtschaftswunders sein, sondern eine effektive Alternative.  Eine Alternative, die mit historischen Referenzen noch attraktiver gemacht wird: Korea war eigentlich immer vereinigt gewesen, nur haben fremde Mächte die koreanischen Brüder und Schwestern entzweit.

Drittens können Kim Jong-un und seine Diktatur nur überleben, wenn er innen- wie aussenpolitische Zeichen setzt. Darum muss er entsprechende Stärke demonstrieren. Die Byungjin-Strategie ist die politische Antwort und das strategische Kommunikationsmittel, um seine Macht aufrechterhalten zu können. Mit Byungjin verfolgt Kim gleichzeitig militärische und wirtschaftliche Ziele: Einerseits soll Nordkorea konsequent sein Atomprogramm voranbringen, und andererseits soll die Wirtschaft zielstrebig modernisiert werden. Am Ende wird Nordkorea eine grosse politische, militärische und sozialistische Wirtschaftsmacht sein, die sich auf eine hochzivilisierte und vereinigte koreanische Gesellschaft stützen wird.

Das starke und das schwache Nordkorea

Damit diese Strategie effektiv umgesetzt werden kann, setzt Kim auf symbolische Mittel, die ihn und Nordkorea unterschiedlich porträtieren: Erstens, das starke Nordkorea, das mit Atombomben und Technologie die Weltpolitik in Atem halten kann. Zweitens, das schwache Nordkorea, das auf Zusammenarbeit mit China und Russland setzt und dankend Hilfeleistungen und materielle Unterstützung empfängt. Und drittens, Crazy Kim. [1] Ein Enfant terrible der Weltpolitik, der geschickt diese Portraits einzusetzen weiss. Es ist doch augenfällig, dass diese drei Charakterzüge Kims realpolitischer Agenda entsprechen: Erstens, der Staatsmann auf Augenhöhe (vgl. starkes Nordkorea); zweitens, die Aufhebung der internationalen Sanktionen (vgl. schwaches Nordkorea) und drittens, die Aufrechterhaltung der Kim-Dynastie (vgl. Crazy Kim).

Dieses Spiel mit unterschiedlichen Charakterzügen erlaubt es Kim opportunistische Spins zu drehen und damit von eigentlichen strategischen Zielsetzungen abzulenken. Eine Fähigkeit, die Nordkorea widerstandsfähig macht und Grundlage bietet für unterschiedlichste wirtschaftliche, politische und militärische Schachzüge. Dies alles ermöglicht es Kim, dass man Nordkorea auch künftig international als wirkungsmächtige Nation wahrnehmen wird.   

Die Symbolpolitik von Nordkoreas Machthaber

Unternehmerisches Gespräch vom 5. Juli 2019 «Die Symbolpolitik des Kim Jong-un» mit Dr. Remo Reginold, Mitinitiant des Swiss Institute for Global Affairs und Lehrbeauftragter an der Universität Basel; Moderation: Christoph Vollenweider, Leiter Programm und Publikationen.

[1] Siehe auch George Friedman: Ferocious, Weak and Crazy: The North Korean Strategy. Geopolitical Weekly. Dezember 2013. Weitere Informationen.

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