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Die klassische Führungskraft hat ausgedient

05.11.2018

Die Digitalisierung fordert auch Chefs heraus. Welche Führungsqualitäten bleiben, wenn Produkte immer schneller entwickelt und viele junge Mitarbeitende nicht geführt, sondern gecoacht werden wollen? Twittern reicht nicht, findet der Unternehmensberater Martin Zenhäusern. Es braucht echte Kommunikation und integre Persönlichkeiten, so der Autor des Buchs «Red’ mit mir».

Die klassische Führungskraft hat ausgedient
Welche Führungsqualitäten sind im digitalen Zeitalter gefragt? Darüber diskutierten (von links) der Unternehmer Ruedi Heim (Kifa), der Autor Martin Zenhäusern, Moderator Christoph Vollenweider und der Geschäftsführer der Vosch Electronic AG, Uwe Frech. (Bild: Kerstin Conz)

Schulhäuser, Seniorenanlagen aber auch schmucke Wohnhäuser – mit den Holzkisten der vor 100 Jahren gegründeten Kifa AG haben die Produkte heute nicht mehr viel zu tun. Kisten werden im thurgauerischen Aadorf zwar immer noch produziert. Doch aus dem Holzbauer von einst ist ein echter Systembauer geworden. Die Digitalisierung macht’s möglich.

«Heute machen wir alles von der Planung bis zur Übergabe – inklusive Haustechnik», sagt Ruedi Heim, der das Unternehmen zusammen mit seinem Bruder führt. Alles wird am Computer vorgeplant und vormoniert. Die bis zu 90 Quadratmeter grossen Module werden mit Sicherheitstransportern zur Baustelle gefahren und in kürzester Zeit zusammengebaut.

Mitarbeiter müssen mehr entscheiden

«Für den Kunden ist es eine tolle Sache, wenn alles so schnell fertig ist», sagt Heim. Kamen die Anfragen früher nur per Post und per Telefon, so kommen sie heute von allen Seiten – über Mail, WhatsApp und den Online-Shop. «Die Mitarbeiter müssen jetzt selbst priorisieren», sagt Heim. Auch die Vermischung von Freizeit und Arbeitszeit ist ein Problem. «Ein Abteilungsleiter ist heute 24 Stunden mit dem System verbunden. Wer nicht abschalten kann, riskiert ein Burnout.»

Auch bei der Vosch Elektronic AG hat sich viel verändert. Der Hidden Champion aus Goldach SG entwickelt Elektronik individuell nach Kundenwunsch. Sie steckt in Zufahrtskontrollen für Skifahrer, Flughafentechnik, aber auch Radartechnologie und Alarmanlagen. «Dafür brauche ich Mitarbeitende, die projekt- und prozessorientiert denken», sagt der CEO des Unternehmens, Uwe Frech. Um neue Anwendungsbereiche zu entdecken, müsse man den Kunden wieder mehr zuhören. «Das haben viele Techniker verlernt. Ich auch.»

Heute bleibt für eine neue Entwicklung nur wenig Zeit, sagte der Kommunikations- und Führungsexperte Martin Zenhäusern in seinem Input-Vortrag. «Das fordert uns enorm.» Doch viele Unternehmen würden zu lange in der Analysephase steckenbleiben. Sein Tipp kommt aus der Startup-Szene: Einfach mal machen.

Neue Kommunikationsmittel und schnellere Produktzyklen stellen auch neue Anforderungen an die Chefs. Mitarbeiter sind unverbindlicher und wollen nicht mehr geführt, sondern gecoacht werden. «Welche Grundsätze von guter Führung bleiben, welche werden sich verändern?», wollte Moderator Christoph Vollenweider daher von Zenhäusern wissen.

Der Journalist und Unternehmensberater  hat sich intensiv mit Führung im digitalen Wandel auseinandergesetzt. «Red mit mir», heisst sein Buch, das die Bedeutung der Kommunikation von Führungskräften beschreibt. Viele bewährte Führungsqualitäten bleiben: Passion, Intelligenz oder die Fähigkeit, auf die Menschen zuzugehen. Weiter wichtig sind nachhaltige Ergebnisse, die Konzentration aufs Wesentliche oder vorhandene Stärken von Mitarbeitern zu nutzen. «Arbeiten sie an den Stärken der Menschen, dann fallen seine Schwächen weniger ins Gewicht», riet Zenhäusern den gut 30 Gästen aus Unternehmen und Hochschulen. Integrität ist zentral. «Wir brauchen Vorbilder. Leben Sie Integrität vor. Auch in Zukunft wird vor allem der Mensch wichtig sein.»

Dieser Meinung waren auch viele Diskussionsteilnehmer. «Digitale Führung ist Quatsch», sagte ein Gast. Man könne nicht digital führen. Führung geht immer vom Menschen aus. Dass die klassische Führungskraft im digitalen Umfeld ausgedient hat, wurde dennoch deutlich. Denn wenn Mitarbeiter mehr selbst entscheiden sollen, muss der Chef Mitarbeiter hier bei Bedarf unterstützen anstatt ihnen wieder alles vorzugeben. Dazu müsse man die Mitarbeiter auch mal machen lassen. «Nicht gleich bewerten, lieber aktiv nachfragen», so Zenhäuserns Rat.

Kreativität braucht Werte

Auch Kreativität ist zunehmend wichtig, wenn neue Produkte schneller auf den Markt kommen sollen. Doch die Kreativität muss man entwickeln. Bei Vosch hat sich die Kombination aus erfahrenen und neuen Mitarbeitern bewährt. «Wir haben einen sehr jungen Entwickler und einen alten Hasen, der förmlich explodiert ist, seit der Junge im Team ist. Das ist eine neue Kreativität», sagt CEO Frech.

Für Diskussion sorgte die Frage, wie weit Unternehmen technische Kontrollmöglichkeiten nutzen sollen. Ein Teilnehmer verzichtet bewusst darauf, die Lieferfahrzeuge zu tracken. «Alles genau zu kontrollieren ist gegenüber den Mitarbeitern ein ganz schlechtes Zeichen», meint er. Ein anderer findet es hingegen sehr hilfreich.

Führung bleibt also nicht nur eine Frage der Technik, sondern der Unternehmenskultur und der Persönlichkeit. Hier gilt es authentisch zu sein, findet Zenhäusern. «Respekt und Vertrauen geht immer nur gegenseitig.» Werte müssten gemeinsam mit jüngeren Mitarbeitern festgelegt werden. «Dann kommt auch die Kreativität schnell.» Trotz der zahlreichen Kommunikationskanäle wird seiner Meinung nach eher zu wenig kommuniziert. «Menschen brauchen Nähe. Seien Sie da Vorbild. Mit Twitter und anderen Social Media kann man heute vielleicht eine Nation führen, aber kein Unternehmen…»

Kolloquium vom 24. Oktober 2018 «Analoger Mensch – digitale Führung? Was sich ändert und was bleibt» mit Martin Zenhäusern, Gründer und Inhaber der Agentur Zenhäusern und Partner AG, Zürich, Ruedi Heim, CEO und Verwaltungsratspräsident Kifa AG, Aadorf, und Uwe Frech, Geschäftsführer Vosch Electronic AG, Goldach; Moderation: Christoph Vollenweider, Leiter Programm und Publikationen.

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