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Die Kirche braucht eine Strategie im Umgang mit dem digitalen Wandel

Quirin Herwarth Fuhrmann 13.03.2019

Die Referenten des Februar-Anlasses in der Veranstaltungsreihe «Schweiz 4.0 plus» befassten sich intensiv mit dem Thema, was Kirche in digitalen Zeiten bedeutet und welche Auswirkungen das Digitale auf das Erleben von Glauben und Religion hat. Es ging jedoch im Wesentlichen auch um die Frage, wie die fortschreitende Digitalisierung von der Kirche bewältigt werden muss.

Die Kirche braucht eine Strategie im Umgang mit dem digitalen Wandel
Von links: Dr. Rainer Behrens, Dr. Jeannette Behringer, Dr. Sabrina Müller, Martin Iten und Moderator Dr. Raban Fuhrmann.

Einführend fasste der Verantwortliche für das Themenfeld Unternehmenskultur &-ethik, Dr. Raban Fuhrmann, die wichtigsten Aspekte des digitalen Zeitalters zusammen und gab einen Überblick über die Funktion von Religion in digitalen Zeiten. Er betonte die Seelenlosigkeit von Maschinen und sagte, dass wir reinen Rechenoperationen Gefühle zuschreiben. In diesem Kontext leitete er zur Religion über und betonte insbesondere die Herausforderung, die von uns Menschen selbst gestaltete «sekundäre Schöpfung» der Digitalisierung und deren Folgen selbst dem Menschen untertan zu machen und nicht zuzulassen, dass diese religionsgleich gesehen wird.

Totale Vernetzung fördert Vereinsamung

Martin Iten, Gründer der katholischen Medienagentur Fisherman und jüngstes Mitglied der Kommission für Kommunikation und Öffentlichkeit der katholischen Schweizer Bischofskonferenz, vermittelte einen Einblick in den digitalen Wandel aus katholischer Perspektive. Er zeigte dabei allerhand Chancen des digitalen Wandels für das Teilen und Weitergeben von Glauben an ein breiteres, insbesondere jüngeres Publikum auf. Gleichzeitig wies er auf die Gefahr hin, dass die Inkarnation Gottes in unserer digitalen Zeit nicht mehr so gut gelänge, wenn ein Grossteil der Menschen Welt und Glaube nur noch durch elektronische Medien wahrnehmen und damit der Kirche und Gott fernbleiben würde. Die totale Vernetzung würde zugleich auch die Vereinsamung fördern. Es sei darum wichtig, dass die Digitalisierung echte Beziehungen und Bindungen nicht aushöhle und durch virtuelle ersetze.

Andachten auf Twitter und betende App

Dr. Sabrina Müller, theologische Geschäftsleiterin am Zentrum für Kirchenentwicklung an der Universität Zürich wurde von Dr. Jeannette Behringer vom Fachbereich Gesellschaft und Ethik der evangelisch-reformierten Landeskirche des Kantons Zürich interviewt. Im Zentrum stand die Frage, was aus reformierter Forschungssicht zur Wechselwirkung von Kirche und Gesellschaft in digitalen Zeiten wesentlich sei. Müller berichtete aus ihrer Forschung zu «digital religion» und dem Entstehen von digitalen Religionsgemeinschaften. Sie erklärte, wie sich digitale Technologien bereits in der Kirche bemerkbar machen. Dies verdeutlichte sie anhand konkreter Beispiele: So wurden in einer Kathedrale Handys in eine Säule eingemeisselt oder in einer deutschen Kirche ein Segensroboter aufgestellt.

Auch sie wies darauf hin, dass diese neuen technischen Möglichkeiten eine Chance für die Kirche darstellen könnten. So könne man auf Twitter Andachten abhalten oder sich eine App herunterladen, die für einen betet. Sie machte damit auch klar, dass sich die Theologie nicht aus der Digitalisierung raushalten sollte, da auch neue Kirchengemeinschaften entstünden und die Kirche so wieder eine grössere Reichweite bekommen könnte. Allerdings könne eine im Netz gelebte Theologie aber auch in eine problematische «home brewed christianity» münden, die sich vereinzelne und kontextuell abschotte.

Maschinen nicht vermenschlichen

Dr. Rainer Behrens, evangelischer Theologe und Pastor der evangelischen Freikirche Chrischona in Kreuzlingen, gab eine grundsätzliche theologische Reflexion der Digitalisierung der Kirche aus der christlichen Reich-Gottes-Perspektive – dies anhand von sieben Thesen. Er betonte, dass man Maschinen nicht vermenschlichen dürfe, da dies ein reduktionistisches, seelenloses Weltbild fördere. Ab dem Kindheitsalter müssten wir darum Medien-Kompetenzen entwickeln, um verantwortungsvoll und nüchtern mit Technik und unseren Rechten umzugehen (Gefahr des gläsernen Menschen).

Grundsätzlich sollten wir theologisch reflektieren, welche der vielen Apps und Gadgets das Menschsein fördern und welche nicht. Weil Maschinen, gesteuert durch künstliche Intelligenz und global vernetzt, in Zukunft immer mehr Tätigkeiten übernehmen werden, verändert sich die Selbstwahrnehmung des Menschen (Werde ich ersetzt?). So würden die digitalen Welten wie Computerspiele dazu führen, dass das, was im Digitalen geschieht, oft spannender wirkt als die wirkliche Welt. Die Gefahr bestehe, dass kirchliche Aktionen immer unattraktiver werden, da beispielsweise Gebetsabende dann eher als langweilig kommentiert würden.

Mit seiner siebten These nahm Behrens zur aktuellen Bildung Stellung. So würden immer mehr kreative Tätigkeiten wie Kunst und Musik an Bedeutung verlieren, die wir jedoch benötigten, um uns in der digitalen Zukunft profilieren zu können und dem Hang zu einem «Dataismus und Technohumanismus» zu widerstehen.

In der Podiumsdiskussion wurde unter anderem nach der digitalen Vision der Kirche gefragt und festgestellt, dass es bislang in den Volkskirchen noch keine Strategie im Umgang mit der Digitalisierung und deren Folgen für den Menschen gebe. Die Risiken einer solch reaktiven Haltung gegenüber dem digitalen Wandel seien gross, dürfe man doch die zwischenmenschliche Prägekraft der Digitalisierung nicht unterschätzen.

Gut, dass im nächsten Anlass der Gesprächsreihe diese Sorge, wie sich das zwischenmenschliche Selbstbild am Verändern ist, im Zentrum stehen wird. Denn am 1. April 2019 geht es um die Frage nach «Identität 4.0 plus».

Zyklus «Schweiz 4.0 plus: Welche Perspektiven und Folgerungen stellen sich für die Schweiz aus der Digitalisierung?»; Kolloquium vom 27. Februar 2019 «Kirche 4.0 plus: Wie die Digitalisierung die Kirche nachhaltig verändern wird» mit Martin Iten, Grafiker und Medienmacher, Mitglied der Kommission für Kommunikation und Öffentlichkeit der katholischen Schweizer Bischofskonferenz, Dr. Jeannette Behringer, Fachbereich Gesellschaft und Ethik der evangelisch-reformierten Landeskirche des Kantons Zürich, Dr. Sabrina Müller, theologische Geschäftsleiterin am Zentrum für Kirchenentwicklung Universität Zürich, und Dr. Rainer Behrens, evangelischer Theologe (Neutestamentler – Reich-Gottes-Lehre) und Pastor der evangelischen Freikirche Chrischona Kreuzlingen; Moderation: Dr. Raban Fuhrmann, (Aktionsfeld Unternehmenskultur &-ethik).

Die Kirche braucht eine Strategie im Umgang mit dem digitalen Wandel
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mime file icon Präsentation von Dr. Rainer Behrens (541 KB)

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