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Die Algorithmen der Demokratie

07.12.2018

Die mehrteilige Veranstaltungsreihe «Schweiz 4.0 plus» widmet sich dem Thema, ob und wie Digitalisierung und Demokratie zusammenpassen. Am Kolloquium von Ende November skizzierte Moderator Dr. Raban Fuhrmann einleitend die zentralen Fragestellungen des Anlasses: Welche Auswirkung wird die Digitalisierung auf die Institutionen der Demokratie und ihre wichtigen Schnittstellen haben? Wird sie diese öffnen und den Meinungsbildungsprozess erleichtern, oder wird sie sich kontraproduktiv auswirken? 

Die Algorithmen der Demokratie
Über 30 Schülerinnen und Schüler der Kantonsschule Frauenfeld nahmen zusammen mit ihrem Lehrer Urban Schertenleib an der Veranstaltung teil. Im Bild Moderator Dr. Raban Fuhrmann bei der Begrüssung.

Demokratie bewegt sich stets an den Schnittstellen des Dreiecks Politik, Zivilgesellschaft, Wirtschaft. Eine funktionierende Demokratie schafft eine Agora, die diese drei Akteure zusammenbringt und in einen gemeinsamen, stets am Gemeinwohl orientierten Dialog treten lässt. Entscheidend wird also sein, wie sich die Digitalisierung mit ihren Schlüsseltechnologien (Internet der Dinge, Blockchain und Künstliche Intelligenz) auf die Schnittstellen dieses Dialogs auswirkt.

Globale Trends und Demokratie als Prozess

Bruno Kaufmann, der weltweit als Demokratie-Botschafter tätig ist, gab einen Überblick der globalen Entwicklungen in Sachen Demokratie. Er identifizierte diverse Trends: einerseits hin zu mehr Demokratie auf lokaler, aber auch auf transnationaler Ebene, beispielsweise in Europa. Andererseits hin zu einer digitalen und zu mehr direkter Demokratie. Taiwan beispielsweise verfügt über einen eigenen Minister für digitale Demokratie.

Entscheidend in einer Demokratie sei aber, dass es sich um einen Prozess, nicht um eine Ideologie handle. Demokratie als Einzelevent funktioniere nicht, wie das Beispiel Brexit zeige. Ausserdem ist das Vertrauen in diese Prozesse zentral. Genau dies gilt es auch bei der Digitalisierung der Demokratie zu bedenken: Sie muss die Prozesse und das in sie gesetzte Vertrauen stärken. Die Frage laute aber nicht ob Demokratie und Digitalisierung zusammengehören, sondern wie.

Wie Algorithmen mitreden – aber nicht mitdenken

Wie sich die Digitalisierung auf den Meinungsbildungsprozess in einer Demokratie auswirkt, zeigte Social-Media-Expertin Adrienne Fichter am Beispiel Facebook und den US-Wahlen 2016 auf. Während den sozialen Medien im arabischen Frühling noch eine positive Rolle zugestanden wurde, steht seit 2016 die Sorge um Manipulation im Vordergrund.

Wer einen Artikel publiziert, der sich auf Facebook rasant verbreitet, kann viel Geld verdienen. Das machten sich auch Leute im US-Wahlkampf zu nutze, indem sie sich als Medienunternehmer ausgaben und reisserische, aber erfundene Stories ins Netz stellten, die sie dann künstlich hochpushten, um möglichst viele Leute zu erreichen. Schnell fanden sie heraus: Was sich am besten verkauft, sind Negativschlagzeilen über Hillary Clinton. Je grotesker desto besser. Nur wahr müssen sie nicht sein.

Das Problem: Der Algorithmus von Facebook fördert dieses Vorgehen, ist aber selbst dumm, denn er kann Fake news nicht als solche erkennen. Es gewinnt am Ende, wer Lärm macht. Auf Kosten der Wahrheit und der Qualität. Fichter fordert daher von Facebook & Co. Transparenz über die verwendeten Algorithmen und Kampagnendaten. Nur so können klassische Medien ihre Kontrollfunktion wahrnehmen und die Wissenschaft Erkenntnisse gewinnen, die uns mittelfristig ermöglichen, demokratiefreundlichere Plattformen zu bauen.

Vertrauen am Beispiel E-Voting

Der Informatiker Volker Birk vom «Chaos Computer Club» erklärte, weshalb seine Organisation ein Verbot von E-Voting fordert. Seine Ausführungen bewegten sich in einem mitunter diffusen Feld vermeintlicher Fähigkeiten und manipulativer Absichten von Geheimdiensten und Hackern. Sein Argument lautet: Kein System ist 100 Prozent sicher, aber bei der Demokratie dürfen wir nichts riskieren. Auch E-Banking-Systeme seien nie 100 Prozent sicher, der entstandene Schaden werde aber ersetzt und nicht öffentlich gemacht, um das Vertrauen nicht zu gefährden.

Eigentlich, so Birk, müsste er als Mitglied der Piratenpartei ja ein Befürworter sein, denn so könne diese einfach zur stärksten Partei werden. Dass dieses Resultat natürlich keiner Wahlauswertung standhalten würde, weil es selbst für den Laien völlig unplausibel wäre, provozierte Heiterkeit im Publikum. Ironischerweise könnten Risiken im Bereich E-Voting durch statistische Plausibilitätskontrollen der Resultate minimiert werden.

Digitale Rechte des Menschen

Dr. Ernst von Kimakowitz fasste die Herausforderungen zusammen. Grundsätzlich gelte: wenn Plattformen gratis sind, dann deshalb, weil wir mit unseren Daten nicht der Kunde, sondern das Produkt sind. Da ein Geschäftsmodel wie jenes von Facebook einer betriebswirtschaftlichen Logik folgt, entstehen auch Konflikte mit dem Allgemeingut der Demokratie. Insbesondere die Entstehung von Filterblasen, in denen jeder nur noch das zu lesen bekommt, was seiner Meinung bereits entspricht, ist gefährlich. Demokratie lebt ja gerade von der Auseinandersetzung mit anderen Meinungen! Er forderte deshalb eine Charta der digitalen Menschenrechte, welche das Primat der Politik in diesem sensiblen Bereich garantiert.

Zyklus «Schweiz 4.0 plus: Welche Perspektiven und Folgerungen stellen sich für die Schweiz aus der Digitalisierung?»; Kolloquium vom 22. November 2018 «Demokratie 4.0 plus: Was macht die Digitalisierung aus unserem politischen Selbstverständnis» mit Bruno Kaufmann, Schweizer Journalist und Demokratieberater weltweit, Schweizer Demokratiestiftung, Volker Birk, Informatiker, «Initiative E-Voting? Nein danke!», Adrienne Fichter, Autorin und Social-Media-Expertin, Digital-Redakteurin bei der «Republik», und Dr. Ernst von Kimakowitz, Humanistic Management Center und EthicsFirst; Moderation: Dr. Raban Daniel Fuhrmann, (Aktionsfeld Unternehmenskultur &-ethik).

Brisante Zitate und ein Buchtipp

«Die Frage ist nicht ob, sondern wie Demokratie und Digitalisierung zusammengehören.» (Bruno Kaufmann)

«Das Problem an Algorithmen ist, dass sie dumm sind. Sie können richtig nicht von falsch unterscheiden.» (Adrienne Fichter)

«Wir sind als User nicht Kunde von Facebook. Wir sind das Produkt.» (Ernst von Kimakowitz)

Adrienne Fichter (Hrsg.): «Smartphone-Demokratie». Erschienen bei NZZ Libero (2017)

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