see_1920x370-(1).jpg

Bei der Finanzierung der Tagesschulen sind sich Politik und Wirtschaft (noch) nicht einig

22.03.2018

An einer Veranstaltung über Tagesschulen in Zürich waren sich Politiker, Pädagogen und der Schweizerische Arbeitgeberverband einig: Es braucht Tagesschulen, damit Frauen vermehrt arbeiten können. Über die Finanzierung herrscht allerdings Uneinigkeit. Es sei Sache des Staates, für Tagesschulen zu sorgen, sagt der Arbeitgeberverband – es seien flexible Arbeitsmodelle gefragt, kontert der Zürcher Stadtrat Gerold Lauber.

Bei der Finanzierung der Tagesschulen sind sich Politik und Wirtschaft (noch) nicht einig
Der Vorsteher des Schul- und Sportdepartements in Zürich, Stadtrat Gerold Lauber, und FDP-Nationalrätin Doris Fiala: zwei Verfechter des Modells Tagesschule.

Vermutlich waren die Publizistin Ursula Rellstab und die FDP-Politikerin Franziska Frey-Wettstein sowie sechs weitere Personen der Zeit weit voraus, als sie sich im Mai 1972 am Küchentisch über Tagesschulen unterhielten. In monatlichen Sitzungen traf sich diese Gruppe fortan und entwickelte ein Modell einer Tagesschule für die Schweiz.

Es gab damals eine Reihe von Tagesschulvereinen – doch viele lösten sich wieder auf. Ursula Rellstab und Franziska Frey-Wettstein gingen jedoch beharrlich ihren Weg und stehen heute – 46 Jahre später – mit der Frage der Tagesschule kurz vor dem Durchbruch. «Der Druck der Wirtschaft nach neuen Mitarbeiterinnen wird zunehmen, denn Unternehmer können nicht beliebig Ausländer rekrutieren. Sie benötigen Frauen als Arbeitskräfte», sagte Rellstab an der Kooperationsveranstaltung des Lilienberg Unternehmerforums, der IG Pro-Tagesschulen und der F-info.ch.

Doris Fiala, Nationalrätin, Präsidentin der FDP Frauen Schweiz und Mutter von drei erwachsenen Kindern, gab sich in ihrer Rede kämpferisch und monierte: «Wir sind in der Gender-Frage im internationalen Vergleich nur wenig weiter gekommen.» Die Zahl der weiblichen Verwaltungsräte nehme zwar leicht zu, doch in den Chefetagen habe es heute weniger Frauen als noch in früheren Jahren. Laut Fiala ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie in der Schweiz gegenüber anderen OECD-Staaten schwierig und teuer. Viele Frauen seien meist nur mit einem Teilzeitpensum beruflich tätig, weil das Thema Kinderbetreuung stiefmütterlich behandelt werde, führte sie aus.

«Der Wettbewerb um qualifizierte Arbeitskräfte intensiviert sich», sagte Simon Wey vom Schweizerischen Arbeitgeberverband. Die Schweizer Wirtschaft wachse und profitiere in den nächsten Jahren von einer zunehmend besseren Konjunktur, meinte er. Die Unternehmer sind dringend auf Fachkräfte angewiesen, doch sie tun sich schwer damit, den Aufbau von Kindertagesstätten und Tagesschulen zu unterstützen. Wey: «Der Aufbau von Kitas und Tagesschulen ist in den Augen der Wirtschaft eine typische Staatsaufgabe, genauso wie das Angebot von Schulen.» Der Zürcher Stadtrat Gerold Lauber konterte in der Diskussion: «Die Wirtschaft will nur profitieren. Sie zahlt aber nichts an Tagesschulen. Es sind flexiblere Arbeitsmodelle gefragt.»

Tagesschulen bieten Kindern bessere Strukturen

Heidi Simoni vom Marie Meierhofer Institut für das Kind stellte eines ins Zentrum: Bildung, Betreuung und Erziehung. Simoni plädiert für Tagesschulen, weil diese im Schulbetrieb integriert sind. «Kinder lernen nicht nur während der Schule, sondern auch davor und danach», sagte die Institutsleiterin. Tagesschulen fördern Kindergemeinschaften, die wichtig bei der Entwicklung des Kindes sind. Die Gesellschaft mutet Kindern ohne Tagesschule ein Kommen und Gehen zu, das nicht lernförderlich sei, meinte sie. Kindern werde es mit den herkömmlichen Strukturen erschwert, sich auf eine Sache einzulassen und sich dort zu vertiefen.

Dass sich der Tagesablauf der Kinder beruhigt, bestätigten auch zwei Schulleiterinnen und ein Schulleiter, die in ihrer Schule Tagesschulen aufbauen. In motivierten Lehrpersonen für Tagesschulen und einer engen Zusammenarbeit sehen sie das A und O, damit diese Schulform Erfolg haben kann. Die Zürcher Tagesschule Blumenfeld hat beispielsweise 450 Kinder, und dort sind 90 Mitarbeitende in Unterricht und Betreuung beschäftigt.

Bis jedoch flächendeckend Tagesschulen eingerichtet sind, ist noch ein weiter Weg. Ursula Rellstab sieht die beiden grössten Herausforderungen in der Weiterentwicklung der Tagesstrukturen hin zu den Tagesschulen. Und: Im Neubau von Schulen als Tagesschulen. Rellstab erweitert den Auftrag der Schulen und meinte: «Wissen zu vermitteln ist nicht mehr das einzige Ziel unserer Schulen.»

Tagung vom 9. März 2018 «Die Bedeutung der Tagesschule für die Gesellschaft für heute» mit Doris Fiala, FDP-Nationalrätin, Zürich, Simon Wey, Schweizerischer Arbeitgeberverband, Heidi Simoni, Institutsleiterin Marie Meierhofer Institut für das Kind, Zürich, Stadtrat Gerold Lauber, CVP, Vorsteher des Schul- und Sportdepartements, Zürich, und Jacqueline Peter, SP-Kantonsrätin, Präsidentin der Kommission für Bildung und Kultur, Zürich; Moderation: Christoph Vollenweider, Leiter Programm und Publikationen.

Stadt Zürich geht mit gutem Beispiel voran

Gleich zu Beginn der Veranstaltung über die Tagesschule applaudierten die Besucher Stadtrat Gerold Lauber. Dieser konnte mit den Tageschulen im Zürcher Gemeinderat einen Vollerfolg verbuchen. Die Gemeinderäte stimmten zwei Tage vor der Tagesschul-Veranstaltung einem 75-Millionen-Franken-Kredit für Tagesschulen zu. Dieser Betrag ist für die 6 bestehenden Tagesschulen und 24 weitere, die bis zum Jahr 2022 entstehen sollen. In einer zweiten Phase soll bis 2025 das Modell auf alle 100 Schulen der Stadt ausgeweitet werden. 

Ob bis 2022 mit weiteren Tageschulen definitiv gestartet werden kann, entscheidet am 10. Juni 2018 das Stimmvolk. Doch Politiker klopfen Lauber bereits jetzt auf die Schultern, gehen von einem Erfolg für die Tagesschulen an der Urne aus und sprechen von einer «Jahrhundertreform». Dass die Stadt Zürich die Tagesschulen vorantreibt, hat seinen Grund. «Die Bevölkerung wird laufend mit Veränderungen in Gesellschaft, Privatleben und Arbeit konfrontiert», sagte Lauber in seinem Referat. Gemäss dem Zürcher Stadtrat müssen Schulen in urbanen Räumen neue Entwicklungen schneller erfassen als Schulen in ländlichen Gebieten. «Ein professionelles Betreuungsangebot ist ein Standortvorteil und ein wichtiger Faktor für prosperierende Wirtschaftsräume», führte er aus.

Bei der Finanzierung der Tagesschulen sind sich Politik und Wirtschaft (noch) nicht einig
Bei der Finanzierung der Tagesschulen sind sich Politik und Wirtschaft (noch) nicht einig
Bei der Finanzierung der Tagesschulen sind sich Politik und Wirtschaft (noch) nicht einig
Bei der Finanzierung der Tagesschulen sind sich Politik und Wirtschaft (noch) nicht einig

mime file icon Präsentation Doris Fiala (50 KB)

mime file icon Präsentation Stadtrat Gerold Lauber (509 KB)

mime file icon Präsentation Heidi Simoni (231 KB)

mime file icon Präsentation Simon Wey (1 MB)

< Zurück
facebook LinkedIn