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Afrika – die Hoffnung auf «systemische Veränderungen»

19.06.2019

Das starke Bevölkerungswachstum in Afrika, die damit verbundenen Herausforderungen – und auch die «Verantwortung der Schweiz» – waren Thema einer hoch spannenden Veranstaltung im Lilienberg Unternehmerforum. Experten wie Botschafter Manuel Sager (DEZA), Hans Groth (WDA) und seine Studenten Matthias Paulus und Yaw Addai-Brenyah beleuchteten den Kontinent, der «noch für viele ein schwarzer Fleck» ist.

Afrika – die Hoffnung auf «systemische Veränderungen»
«Die Wirkung unserer Projekte kann sich sehen lassen», zeigte sich Botschafter Manuel Sager bei seinem Auftritt im Lilienberg Unternehmerforum stolz.

«Solidarität und Eigeninteresse müssen absolut kein Widerspruch sein», hielt Botschafter Manuel Sager, Chef der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA), unmissverständlich fest. Er reagierte damit auch auf die aktuelle, zuweilen ziemlich scharf geführte politische Debatte. Gleichzeitig erläuterte er die künftige Ausrichtung der Entwicklungszusammenarbeit des Bundes, die – entgegen der zuweilen kolportierten Wahrnehmung – keinesfalls ein «Strategiewechsel» sei. «Wir werden allerdings in Zukunft noch zielgerichteter auftreten

Organisiert wurde diese Afrika-Veranstaltung gemeinsam mit Hans Groth, dem Präsidenten des World Demographic & Ageing Forum (WDA) in St. Gallen. Als prominenter Gesprächsgast wurde eigentlich Bundesrat und Aussenminister Ignazio Cassis erwartet, der erst kürzlich eine Afrika-Reise durch verschiedene Staaten unternommen hatte. Weil die Landesregierung sich aber gleichzeitig dringend mit dem EU-Rahmenabkommen zu befassen hatte, musste Cassis seinen Besuch auf Lilienberg kurzfristig absagen – und liess sich durch Botschafter Sager vertreten.

Demographic dividend als Herausforderung

Eröffnet wurde der Anlass durch Pianistin Margareth Schicker, welche gefühlvoll «Malaika» und «Pata, Pata», die beiden Klassiker der afrikanischen Musik-Legende Miriam Makeba, zum Besten gab. Anschliessend führte Gesprächsleiter Christoph Vollenweider mit einigen Fakten und grundsätzlichen Gedanken gut in die Thematik ein. Falls die Bevölkerung auf dem afrikanischen Kontinent weiterhin jährlich mit 2.6 Prozent wachse, mahnte er, werde diese Region bis zum Jahr 2100 mit rund 4 Milliarden Menschen (heute 1,3 Mia.) bevölkert sein. Dabei würde heute bereits fast die Hälfte aller jungen Afrikaner an Emigration denken – was wiederum auch Folgen für Europa zeitige. «Es ist wichtig», so appellierte Vollenweider an die gut 80 Zuhörerinnen und Zuhörer im Auditorium, «das Bewusstsein dafür auch in der Schweiz zu schärfen. Alle diese jungen Leuten in Afrika müssen in Zukunft essen und wollen arbeiten.»

Afrika – die Hoffnung auf «systemische Veränderungen»
Von links: Die beiden Studenten Yaw Addai-Brenyah und Matthias Paulus, Botschafter Manuel Sager, Hans Groth, Präsident des World Demographic & Ageing Forum (WDA), und Moderator Christoph Vollenweider.

Auch Hans Groth, Präsident des WDA, erläuterte, dass Afrika «für viele ein schwarzer Fleck» sei, obschon der Kontinent mehr als ein Fünftel der Erdoberfläche ausmache. Seit etwa 50 Jahren könne man diese Wachstumsdynamik beobachten, die fast exponentiell zunehme, während etwa die viel genannten Länder wie Indien und China demographisch stagnierten. Damit einher gehe die sogenannte Demographic dividend, das heisst ein Übermass an Menschen im arbeitsfähigen Alter. Deshalb sei – nebst verlässlichen Institutionen und einer funktionierenden Infrastruktur – auch eine verbesserte Bildung und Ausbildung und die Etablierung eines Unternehmertums, das so bisher noch kaum bekannt sei, zentral wichtig.

Ergänzt wurden die Ausführungen Groths durch die beiden Studenten Matthias Paulus und Yaw Addai-Brenyah, welche beide die «Hilfe zur Selbsthilfe» als zentral wichtig bezeichneten. Während Paulus durch die notwendigen finanziellen Ressourcen, eine verbesserte Ausbildung und ein funktionierendes Netzwerk eine «Magnetwirkung» für Entrepreneurship erzielen will, betonte Addai-Brenyah die Wichtigkeit einer guten Berufsbildung, gerade auch in seinem Heimatland Ghana, das er als «Vorzeigeland bezüglich Demokratie und Stabilität» bezeichnete. 75 Prouent der jungen Ghanaer, so Addai-Brenyah, würden das Land sofort verlassen, wenn sie könnten.

Fokussierung und die Messung von Erfolgsquoten

Für Botschafter Manuel Sager sind «Infrastruktur, Gesundheit und Bildung in einem Land zentral wichtig». Man versuche diesbezüglich «systemische Veränderungen» zu erzielen, aber die Länder müssten «diese Entwicklungen auch wollen». Ganz grundsätzlich, so führte Sager im Gespräch mit Moderator Christoph Vollenweider aus, würden die Themen Entwicklungszusammenarbeit und Migration immer mehr ineinander greifen: «In diesem Sinne eben kann Solidarität und Mitverantwortung durchaus auch im Eigeninteresse der Schweiz liegen.»

Drei Kriterien, genau genommen, sind es, welche die DEZA in der Überprüfung seiner Projekte in den einzelnen Partnerländern anwendet: Die Bedürfnisse der betroffenen Bevölkerung, die Interessen der Schweiz und der erwartete Mehrwert der Schweizer Hilfe im internationalen Vergleich. Bei einer Abwägung dieser genannten Parameter wurden die Staaten, in denen die DEZA Projekte direkt unterstützt, zuletzt auf 34 (bisher 46) fokussiert – und gleichzeitig entstand eine signifikante Verschiebung weg von Lateinamerika in Richtung Afrika und Asien. Insgesamt rund 1000 Projekte fördert die DEZA momentan. «Die Wirkung unserer Projekte kann sich sehen lassen», zeigt sich Botschafter Sager stolz: «Wir haben eine Erfolgsquote von 84 Prozent.» Jedes Jahr würde ein Teil der Projekte von externen Evaluatoren untersucht, da «auch wir immer stärker unter dem Mikroskop der Politiker sind», so Sager. «Die Fragen ‹Was bewirkt Ihr in der Entwicklungszusammenarbeit?› und ‹Wieso ist dies überhaupt in der Verantwortung der Schweiz?› müssen heute klipp und klar beantwortet werden können, am besten mit eindeutig messbaren Indikatoren, sonst sind die finanziellen Mittel schnell einmal gefährdet.»

Unternehmertum zu oft «fast ein Schimpfwort»

Moderator Christoph Vollenweider, selbst erst seit einigen Tagen von einer ausgedehnten Studienreise nach Äthiopien zurück, war es wichtig, auch das Thema Good Governance nochmals gezielt anzusprechen, das für eine prosperierende Wirtschaft unabdingbar sei: «Ansonsten wird die ganze Entwicklung der Wirtschaft, des Unternehmertums und damit der Schaffung von Arbeitsplätzen blockiert.» Gemäss Botschafter Sager seien der DEZA diesbezüglich aber «weitgehend die Hände gebunden» und man könne lediglich «gewisse Risiken minimieren und neue Anreize schaffen». Es gebe sogenannte «Donor darlings» wie Ghana oder früher Tansania, die diesbezüglich vieles richtig machten – aber die DEZA konzentriere sich viel mehr auf die übrigen Länder, die noch reformbedürftiger seien. Diese Probleme mit dem Rechtsstaat und der Korruption seien eben «oft auch ein kulturelles Problem» und zudem «der Begriff Unternehmer vielerorts fast ein Schimpfwort». Alle wollten stattdessen Beamte werden, und diese Mentalität gelte es nach Kräften zu ändern.

Damit war auch der Bogen zum Entrepreneurship, welche die Vertreter des World Demographic & Ageing Forum (WDA) gefordert hatten, wieder geschlagen. «Eine solche Art von Reformpartnerschaft», so Botschafter Sager abschliessend, «stelle ich mir vor.»

Unternehmerisches Gespräch vom 4. Juni 2019 «Afrika – die Verantwortung der Schweiz» mit Botschafter Manuel Sager, Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA); Moderation: Christoph Vollenweider, Leiter Programm und Publikationen.

Afrika – die Hoffnung auf «systemische Veränderungen»
Nach der Veranstaltung genossen Referenten und Teilnehmer ein gemeinsames Nachtessen auf der neu gestalteten Sonnenterrasse mit Blick auf den Untersee, vertieften das Thema aus den Referaten und tauschten sich rege aus.

Zur Person Manuel Sager

Botschafter Manuel Sager (*1955) ist seit 2014 Chef der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA). Nach Studien in Rechtswissenschaften an der Universität Zürich (Dr. iur.) und an der Duke University Law School (USA) arbeitete er zuerst zwei Jahre als Rechtsanwalt in einer Kanzlei in Phoenix, Arizona. 1988 trat Sager dann in den diplomatischen Dienst des EDA ein.

In seiner diplomatischen Karriere wirkte Manuel Sager unter anderem als stellvertretender Generalkonsul in New York, als Exekutivdirektor bei der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung in London, als Leiter der Koordinationsstelle für humanitäres Völkerrecht sowie als Leiter der Politischen Abteilung für sektorielle Aussenpolitiken des EDA. Von 2010-2014 amtete Sager schliesslich als Schweizer Botschafter in den USA, bevor er zum Direktor der DEZA ernannt wurde.

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mime file icon Afrika und seine Demografie: Präsentation von Hans Groth (2 MB)

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