umgebung_1920x370-(1).jpg

Was soll diese Aufregung? Wer hat Angst vor der Klimadiskussion?

Publiziert am 27.3.2019
Was soll diese Aufregung? Wer hat Angst vor der Klimadiskussion?

Erderwärmung mit Folgen: Die Gletscher in der Schweiz (hier der Findelgletschter im Monte-Rosa-Massiv bei Zermatt) schmelzen rasch ab. 

Wie bei allen kontrovers diskutierten Themen finden sich auch hier positive und kritische Stimmen. Auffallend aber ist bei dieser Leserdebatte die vergleichsweise grosse Zahl von Beiträgen, welche diese jungen Menschen mit unverhältnismässiger Gehässigkeit angreifen und in Bausch und Bogen verdammen. Mit Griesgrämigkeit und einem belehrenden Ton wird diesen Jugendlichen (unter die sich mittlerweile auch etliche ältere und grauere Semester mischen) vorgeworfen, keine Ahnung von der Materie zu haben und sich von (politischen) Hintermännern manipulieren, ja gar missbrauchen zu lassen.

Zu guter Letzt – wenn die so genannten Argumente verschossen sind - wirft man ihnen widersprüchliches Verhalten vor, zum Beispiel, dass sie mit dem Flugzeug in die Ferien oder gar ins Wochenende fliegen. Und vor allem, dass sie die Ungehörigkeit begehen, für ihre Protestaktionen den Schulunterricht zu schwänzen. Kurz: Man spricht den jungen Menschen Glaubwürdigkeit und Ernsthaftigkeit ab.

Diese bösen und abschätzigen Meinungen über diese Klimabewegung sind mehr als nur befremdend – und auf den ersten Blick auch völlig unverständlich: Was soll diese Aufregung? Was sollen diese böse Kritik und das besserwisserische Getue eigentlich? Blicken wir nur kurze Zeit zurück: Wie lange haben just die jetzt Nörgelnden der «heutigen Jugend» vorgeworfen, sie sei politisch nicht interessiert und ruhe sich nur auf den Geldpolstern ihrer Eltern aus? Wie oft wird den Schulen vorgeworfen, sie würden die Jugend nicht auf das politische Leben in der Schweiz vorbereiten? Wie oft wird den jungen Menschen vorgehalten, sie seien anpasserisch und nur auf sich selbst bezogen? Was soll denn daran falsch sein, dass junge Menschen sich Sorgen um den Zustand unseres Planeten und damit um ihre ureigene Existenz machen und deswegen auf die Strasse gehen – sehr ruhig, friedlich und diszipliniert, wie wir in den vergangenen 50 Jahren noch keine Jugendbewegung erlebt haben?

Man wird den Eindruck nicht ganz los, dass hierzulande die Nerven immer blank liegen, wenn das Thema Klima aufs Tapet kommt. Das hat man auch jetzt wieder bei den Parlamentswahlen im Kanton Zürich erlebt. Einerseits war von einer grünen Welle die Rede, die wie ein Naturereignis über den Kanton geschwappt war, anderseits bemühte sich eine Redaktorin einer Zürcher Tageszeitung tapfer, Gegensteuer zu geben und das Ergebnis der Wahlen nicht als «grüne», sondern als «Frauen»-Wahl zu interpretieren. Den Vogel abgeschossen hat indessen SVP-Präsident Albert Rösti, der sich gar darin verstieg, der SRG mit der Kürzung der Gebühren zu drohen, da diese aus dem Klimastreik eine «Propagandaschlacht» gemacht hätte.

Doch, was ist eigentlich los? Warum diese Hysterie, wenn es um das Klima geht? Letztlich kann man über die Gründe nur spekulieren. Die Indizien weisen meiner Ansicht nach darauf hin, dass die Kritiker und Verleumder in der Tiefe ihres Bewusstseins realisieren, dass die Jungen Recht haben und dass sie selber jahrzehntelang vom Raubbau am Ökosystem Erde gelebt, ja sehr gut gelebt haben. Aber eine solche Erkenntnis will man nicht zulassen, da diese die eigenen Versäumnisse offenbaren und einem selbst zum Umdenken zwingen würde. Dass sich viele ältere Menschen unter den Nörgelern befinden, sagt allerdings nichts aus, es gibt ebenso viele ältere Menschen, welche die Sorgen und Ängste der Jungen teilen und mit auf die Strassen gehen.

Nein, es geht letztlich ums Bewusstsein, das man für eine menschengerechte Welt und einen ökologisch tragbaren Lebenswandel hat – oder eben nicht. Denn, was verlieren wir eigentlich wirklich, wenn wir weniger herumfliegen, weniger herumfahren, weniger Energie verschwenden, generell etwas weniger verschwenderisch leben? Ist denn unser Bewusstsein von Wohlstand und Freiheit letztlich so degeneriert, dass wir ihn nur noch in Form von verbrauchten Ressourcen und zurückgelegten Kilometern messen können und nicht an inneren Werten?

Ich jedenfalls freue mich über die Protestbewegung, sie zeigt mir, dass unsere Jugend quicklebendig ist und noch nicht völlig im dumpfen (Medien-)Konsum versunken ist. Gleichzeitig aber veranlasst mich diese Bewegung, mich selbstkritisch im Spiegel zu betrachten und die Frage zu stellen, was ich an meinem Lebensstil ändern kann oder muss.

Christoph Vollenweider

facebook LinkedIn