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Die Unruhe des Lebens und die Problematik der Werte

Christoph Stucki 04.02.2016

Das Lilienberg Unternehmerforum ist ein Ort des Nachdenkens. Die an diesem Ort ausgetauschten Erfahrungen, Pläne und Projekte aus Wirtschaft, Gesellschaft und Politik wollen nicht nur an der Oberfläche des «small talk» diskutiert, sondern bis in die Tiefe ihrer jeweiligen Fragestellung und Problematik bedacht werden. Lilienberg ist also ein Ort, an dem man sich Zeit nimmt zum Nachdenken – anders als im oft von Unruhe geprägten beruflichen Alltag. Doch woher kommt diese Unruhe? Sie ist eine Grundgegebenheit des Menschseins. Deshalb kann ihre Ursache nicht in zeitlichen Kategorien – sprich historisch – ergründet werden, sondern sie bedarf des Mythos als einer überzeitlichen Deutungsform.

Unruhe und Mythos

Der biblische Mythos greift jenseits der Zeit zurück in den Urzustand des Paradieses, dessen Zeichen die Ruhe ist, und wo der Mensch die Sorge nicht kennt. Im Garten Eden jedoch verliert der Mensch die Möglichkeit, ewig zu leben. Dafür wird ihm als conditio humana die Weisheit gegeben, zu wissen, was dem Leben förderlich und was schädlich ist (Gen. 2f). Doch diese Weisheit ist in jedem Lebenskontext neu zu erwerben. Der Mensch trägt diesbezüglich Selbstverantwortung und muss stets neu über Gelingen und Misslingen entscheiden. Insofern ist sein Leben ambivalent.

Wie sehr die Ambivalenz unseres Lebens in Schuld zu verstricken vermag, führt der biblische Mythos mit der Kriminalerzählung von Kain und Abel vor (Gen. 4). Sie demonstriert an Kain das Menschheits-Schicksal, das uns mit dem Stirnzeichen der Schuldverfallenheit und des Bewahrtwerdens versieht, ganz gleich, wo und wie wir am Unrecht in dieser Welt mitschuldig sind, ob direkt oder indirekt. Mit dem Wort «Rastlos und ruhelos sollst du sein auf Erden» (Gen. 4,12) erhebt der Mythos die Unruhe zu einer existenziellen Gegebenheit. Nun herrscht das In-Aktion-Treten, das Handeln, das pure Unterwegssein. Der Mythos deutet die Unruhe auf dem Hintergrund des paradiesischen Ruhezustandes als ein Verhängnis. In der Folge kann die unüberwindbare Unruhe nur umgedeutet werden: Die Unruhe – im Mythos ein Fluch – wird nun als Gabe verstanden, welche den Keim der Veränderung in sich trägt. Und im jahrhundertelangen Prozess der Veränderung entwickelt sich unser Fortschrittsdenken.

Unruhe und Entwicklung

Die frühneuzeitliche Entwicklung hat mit dem Ausbau der Handelswege, der grossen Städte und der Erfindung des Buchhandels die Unruhe des Menschen verstärkt. Damit wurde der Wert des allgemeinen Wissens neu bestimmt und als eine zentrale Komponente des Lebens eingestuft. Der englische Philosoph Francis Bacon (1561 – 1626) hat das Wissen als weltgestaltendes Instrument verstanden, das die Welt verändert. Der Mensch setzt dieses Instrument zielorientiert ein. Mit dem Erreichen des Zieles ist die Unruhe zeitweilig unterbrochen. Damit steht für Bacon die paradiesische Ruhe nach wie vor im Hintergrund seiner Gedanken.

Im Gegensatz zu Bacon wird die Unruhe bei Friedrich Schiller (1759 – 1802) zeitlich entgrenzt. Für ihn ist sie der Antrieb zur unbegrenzten geschichtlichen Veränderung und zum Fortschritt. Ruhe aber bedeutet für Schiller Stillstand, der in unserem westlichen Empfinden tödlichen Schrecken weckt. Die Vertreibung aus dem Paradies erscheint in dieser Sicht als Befreiung und als Schritt in die stets neu zu gestaltende Kultur.

Über 100 Jahre nach Schiller hat der Sozialphilosoph und Anthropologe Helmut Plessner (1892 – 1985) die Unruhe als absolut erklärt, mithin als das, was allem Wollen vorausgeht. Den Menschen bezeichnet Plessner als Unruhestifter. So wird die Unruhe zum Inbegriff der vertrauten Normalität. Der Mythos von der Ruhe als eines ursprünglich paradiesischen Zustandes verliert seine Autorität.

Unruhe im Kampf um Werte

Bereits im 17. Jahrhundert hatte der Mathematiker, Physiker und christliche Philosoph Blaise Pascal (1623 – 1662) die Welt in ihrer notorischen Unruhe ungeschminkt dargestellt. Die totale Unruhe hat in Pascals Diagnose die Menschen so sehr im Griff, dass diese zu endlos Suchenden werden. Doch der Mensch verdrängt sein Sinndefizit und flieht in die «Zerstreuung» (divertissement) als Ablenkung von seiner Unzufriedenheit, seinem Ungenügen, seiner Langeweile.

Pascals Kulturdiagnose hat an Aktualität nichts eingebüsst. Eindringlich wird in unserer heutigen unruhigen Welt die Frage nach dem Sinn menschlichen Tuns gestellt. Angesichts der allgegenwärtigen Unterhaltungs- und Eventindustrie und des sich weltweit verbreitenden fundamentalistischen Denkens jeglicher politischer und religiöser Couleur erhält die Diskussion über verbindliche Werte noch mehr Auftrieb. Denn Werte verweisen auf grundlegende Orientierungen, Überzeugungen, Haltungen, Traditionen und Lebensformen. Werte sind Massstäbe des Sollens, die dem Bedürfnis nach Sicherheit und Verlässlichkeit des gesellschaftlichen Zusammenhaltes dienen. Insofern erhofft man sich von der Belebung der Werte mehr Ruhe mitten in einer von Unruhe geschüttelten Welt.

Doch nach welchen Kriterien soll ein entsprechender Wertekanon zusammengestellt werden? Werte müssen sich, um relevant zu werden, realisieren lassen. Das kann dazu führen, dass in einer bestimmten Lebenssituation verschiedene Werte nach Realisierung drängen. In unseren komplexen, von der freiheitlichen Entfaltung des einzelnen Menschen geprägten Industriegesellschaften herrscht ein Wertepluralismus, der einen Wertekonsens in hohem Masse erschwert. So kommt es immer wieder zu Wertekonflikten. Im bunten Menschenleben kann ein einzelner Wert nur zu gern mit einem rigorosen Anspruch auftreten, der andere Werte zu verdrängen sucht. Wertdenken kann aggressiv sein. Dann aber ist es mit der angestrebten Ruhe vorbei, und die Unruhe hat sich erneut bestätigt.

Notwendig ist dagegen die Kultur einer klugen Begrenzung der Unruhe. Sie ist dort möglich, wo im konfliktreichen Zusammenleben der Menschen Versöhnung geschieht: durch Vertrauensbildung, durch umsichtige Lösung von Konflikten, durch Hinarbeiten auf eine Atmosphäre des Friedens.

Christoph Stucki

Pfarrer Christoph Stucki ist seit Januar 2010 Leiter der Lilienberg-Regionalgruppe Zürichberg. Er studierte an den Universitäten Zürich und Göttingen evangelische Theologie und war danach Pfarrer in Willisau LU (1972-1984) und in Zug (1984-2003) sowie ab 2004 Pfarramtsvertreter in den drei protestantischen Stadtkirchen von Luzern. Daneben war er Indonesienreferent der Schweizerischen Ostasien-Mission (1977-1997). In der Armee diente er 27 Jahre als Feldprediger und war zuletzt als protestantischer Feldprediger-Dienstchef der Armee tätig (1996-2000).

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