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Die neuen Medien verändern den politischen Diskurs

13.08.2016

Das Verschwinden der traditionellen Medien gefährdet unsere Demokratie nicht. Die neuen Medien übernehmen ihre Rolle und tragen zur Meinungsbildung bei.

Die neuen Medien verändern den politischen Diskurs
Die neuen Medien tragen je länger je mehr zur politischen Meinungsbildung bei.

«Das Zeitalter der Massemedien ist vorbei.» Diese Aussage machte kürzlich der renommierte Publizistikprofessor und Präsident der Eidgenössischen Medienkommission, Otfried Jarren. Und tatsächlich, die Veränderungen der Medienlandschaft Schweiz in den vergangenen 20 Jahren sind beeindruckend. Nur noch gut jeder zehnte Bewohner der Deutschschweiz schaut die Hauptausgabe der Tagesschau des Schweizer Fernsehens. Die Auflagen der grossen Zeitungen schrumpfen von Jahr zu Jahr; auch die elektronischen Ausgaben der Titel können diesen Trend nur unwesentlich abschwächen.

Die Bedeutung der traditionellen Medien geht also stark zurück. Journalisten und viele Medienwissenschaftler sehen darin eine Gefahr für unsere Demokratie. Denn die Demokratie, besonders die direkte, ist darauf angewiesen, dass sich die Bürgerinnen und Bürger durch den Zugang zu Informationen und Argumenten ihre eigene Meinung bilden können. Ohne Zweifel tragen hier die herkömmlichen Medien immer noch viel dazu bei. Doch ist diese Meinungsbildung ohne Alternative?

Unsere Medienlandschaft ist hybrid

Das erste Mal spielten digitale neue Medien im Wahlkampf von US-Präsident Barack Obama eine wichtige Rolle. Auch bei Eidgenössischen Wahlen wurden sie begleitend eingesetzt, meist als zusätzlicher Kanal von Botschaften, die auch über die etablierten Medien verbreitet wurden. Die Abstimmung zur Durchsetzungsinitiative der SVP im Februar dieses Jahres markiert jedoch einen fundamentalen Wandel. Erstmals gelang es dank den sozialen Medien, der Diskussion eine neue Richtung zu geben – weg vom Fokus auf die Kriminalität von Flüchtlingen, hin zu einer Diskussion über rechtsstaatliche Prinzipien. Angetrieben von Aktivistinnen und Aktivisten, wie zum Beispiel der «Operation Libero», konnte über Online-Medien eine neue politisch-mediale Stimmungslage erzeugt und die von den etablierten Parteien bereits verloren geglaubte Abstimmungsschlacht gewonnen werden. Der Kommunikation «von oben» wurde eine Kommunikation «von unten» entgegengestellt.

Dieser Prozess stand in einem engen Wechselspiel mit den traditionellen Medien. Erst durch den Transfer der Inhalte zwischen traditionellen und neuen Medien gelang die notwendige Mobilisierung der Stimmbürger. Deswegen beschreiben Meinungsforscher das heutige Mediensystem als hybrid. Doch die Zukunft liegt ohne Zweifel in der digitalen Welt und bei den neuen Medien. Sie werden in einigen Jahren unsere politische Meinungsbildung dominieren.

Neue Medien führen zur Emotionalisierung der politischen Kommunikation

Die neuen Medien sind – wie auch die traditionellen – per se weder gut noch böse. Entscheidend ist, wie sie genutzt werden. Die Nachteile der digitalen Kanäle sind bekannt: Beförderung von Gerüchten, Hasskommentare, Falschmeldungen, Angstmacherei und das Überhandnehmen von Nichtrelevantem, Vulgären und Schädigendem. Die Gesellschaft wird lernen, damit umzugehen. Wie sie es gelernt hat, mit den vermeintlichen Nachteilen und Gefahren alter neuer Medien umzugehen, wie Kino, Radio oder Fernsehen. Alle diese Neuerungen wurden anfangs heftig bekämpft und dämonisiert.

Wie in der Vergangenheit werden wir auch morgen lernen, mit den neuen Medien umzugehen. Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen spricht davon, dass wir uns zu einer redaktionellen Gesellschaft hin entwickeln müssen, also zu einer Gesellschaft, welche sich der Verantwortung der eigenen Kommunikation in einer vernetzten Welt bewusst ist. Bei den positiven Seiten der neuen Medien sind die Möglichkeiten zur Emotionalisierung herauszustreichen. Sie weckt die oft verloren gegangene Leidenschaft für den Austausch von politischen Argumenten, zur lustvollen Verteidigung eigener Positionen und der kreativen, auch humorvollen Verbreitung von Ideen. 

Ein Ausbau der Medienförderung ist schädlich

Die neuen Medien werden ihre Rolle in der politischen Meinungsbildung in Zukunft immer stärker übernehmen. Die Angst vor dem schwindenden Einfluss traditioneller Medien darf deshalb nicht als Argument für einen weiteren Ausbau der staatlichen Medienförderung dienen. Schon jetzt fliessen der SRG und privaten Radio- und Fernsehstationen über Gebühren 1,3 Milliarden Franken zu. Dazu kommt die indirekte Medienförderung (Reduktion von Posttaxen und der Mehrwertsteuer) von an die 100 Millionen Franken. Auffällig ist, dass hauptsächlich «Insider» Medienförderung verlangen: Journalisten,  Medienwissenschaftler und einige Werber und Verleger sind per se interessiert, ihr Biotop zu verteidigen.

Weitere staatliche Förderung traditioneller Medien ist Strukturerhalt und verhindert Innovation in der politischen Meinungsbildung. Die Gleichung Medienförderung gleich Stärkung der Demokratie geht nicht auf. Ein Vergleich mit dem Ausland verdeutlicht dies: Ein staatlich gelenktes Mediensystem kann auch gegen die Meinungsfreiheit eingesetzt werden.

Unsere Demokratie ist durch den Medienwandel nicht gefährdet. Bedrohungen, die wir ernst nehmen sollen, sind vielmehr die Fragmentierung der Gesellschaft, das Auseinanderleben der Landesteile, die Entsolidarisierung, der Verlust gemeinsamer Werte und Visionen, insbesondere eines Bürgersinns, der auf Eigenverantwortung und Engagement für die Gemeinschaft aufbaut. Um diesen Entwicklungen entgegenzuwirken, sind wir alle gefragt, Unternehmen, Schulen, Kulturschaffende, Gemeinden und Kantone müssen Sinn für unsere Gesellschaft und für unsere Demokratie stiften. Die Medien werden ihn gerne transportieren – traditionelle wie auch neue.

Andreas Jäggi

Dr. Andreas Jäggi leitet auf Lilienberg das Themenfeld Medien und Kommunikation, ist selbständiger Kommunikationsberater, Dozent für Unternehmenskommunikation und Geschäftsführer des Vereins Medienkritik Schweiz. 

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