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Arbeit50plus – ein modernes Märchen

07.07.2017

Ich heisse Peter und in ein paar Wochen – am 16. August 2030 - werde ich 65 Jahre alt. Das bedeutet für mich auch der Eintritt ins ordentliche Pensionsalter. Es bedeutet nicht, dass ich nicht mehr arbeiten werde. Einfach weniger und auf Zusehen hin. Ich fühle mich arbeitsfähig. Das heisst, ich bin fachlich in meinem Gebiet up-to-date, fühle mich leistungsfähig, gesundheitlich nicht eingeschränkt und bin interessiert an Neuem. Und ich gehe gerne zur Arbeit.

Das hätte ich mir vor 14 Jahren nicht träumen lassen. Damals, im 2016, erhielt mein langjähriger Arbeitgeber, ein metallverarbeitendes KMU in der Region Frauenfeld/ Winterthur mit 200 Mitarbeitenden, einen neuen CEO. Dies nach einer langen Zeit unter der gleichen Führung. Der Verwaltungsrat entschloss sich für einen jüngeren CEO, der sich intensiv mit den Herausforderungen der Digitalisierung auseinandergesetzt hatte. Wir älteren Arbeitskräfte – ich war damals 51 Jahre alt – befürchteten schon, dass uns das gleiche Schicksal wie den älteren Mitarbeitenden im Nachbarbetrieb blühen würde. Dort wurde nach einem Leitungswechsel fast allen Älteren gekündigt. Doch bei mir kam alles anders.

Unser neuer CEO hatte sich nicht nur mit der Digitalisierung und deren Auswirkungen auf unsere Branche auseinandergesetzt. Er sprach bei der Antrittsrede von künftigen Märkten, von unseren hochstehenden Produkten und dass es einiges an Einsatz von uns allen brauchen würde. Das machte mir Angst! Und er sprach vom Schutzwald und was ein Schutzwald so mit einem Betrieb wie dem unseren zu tun hat. Echt!? Ich war ziemlich irritiert. Was soll denn das?! Doch ich hörte ihm zu. Er war aufgrund von verschiedenen Impulsen der Meinung, dass generationengemischte Belegschaften die Zukunftsfähigkeit stärken würden.

Was haben ein Schutzwald und Generationen im Betrieb miteinander zu tun? Wo besteht hier ein Zusammenhang?

Er erklärte uns, dass ein idealer Schutzwald ein lockerer Mischwald mit verschiedenen Baumarten unterschiedlicher Altersstufen sei. Er schütze vor Naturgefahren oder reduziere die damit verbundenen Risiken. Eine Belegschaft sollte idealerweise wie ein Schutzwald sein. Altersmässig wie auch von den Fähigkeiten her gut durchmischt. Doch wie der Schutzwald Pflege braucht, so brauche es auch eine Belegschaft. Wenn die Belegschaft aus dem Gleichgewicht geworfen würde, sei sie nicht genügend stabil für Veränderungen. Und wenn etwas konstant sei, seien es Veränderungen.  Er sagte: «Wir leben in einer Welt, die immer weniger vorhersagbar wird: Durch die globale Vernetzung, die Digitalisierung und die damit zusammenhängende zunehmende Geschwindigkeit. Die Halbwertszeit des Wissens nimmt rapid ab. Das heisst, dass bestimmte Wissensinhalte immer öfters «aktualisiert» werden müssen. Was heute gilt, kann morgen schon falsch sein. Die Wirkung des Handelns ist zunehmend unberechenbarer.»

Das brauche eine hohe Flexibilität und eine hohe Individualisierung. Es brauche einen dynamischen Ansatz um auf eine dynamische Welt zu reagieren.

Und dann sprach er vom arbeitswissenschaftlichen Ansatz der Arbeitsfähigkeit, visualisiert mit dem Haus der Arbeitsfähigkeit mit seinen vier Stockwerken.

Arbeit50plus – ein modernes Märchen

Arbeitsfähigkeit bezieht sich immer auf eine konkrete Arbeit und Arbeitssituation!

Damit begann eine grosse Veränderung im Betrieb.

Das Haus der Arbeitsfähigkeit unserer Firma wurde von Arbeitgeber und Arbeitnehmer gemeinsam gebaut und gepflegt: An den Mitarbeiterversammlungen gab es Inputs zu den Generationen und zur Arbeitsfähigkeit. In den Mitarbeitergesprächen wurde der Ansatz der Arbeitsfähigkeit integriert. Insbesondere wurde darauf geachtet, dass sich alle laufend weiterbilden -auch jene über 50. Und bei den Jüngeren schaute man drauf, dass sie Perspektiven haben. Die Mitarbeiterbefragung wurde verändert. Der Ansatz der Arbeitsfähigkeit wurde integriert. Wir älteren Mitarbeitenden konnten zudem ein individuelles Workability-Coaching in Anspruch nehmen, in dem wir anschauten, was wir erstens für unsere eigene Arbeitsfähigkeit machen können und zweitens was der Betrieb für unsere Arbeitsfähigkeit machen kann. Besonders dieses Workability-Coaching hat mir sehr viel gebracht, da ich mehr Eigenverantwortung für mich übernahm.

An der erst kürzlich stattgefundenen Generalversammlung hat der nun 52-jährige CEO verlauten lassen: «Die Investition in die Arbeitsfähigkeit der Mitarbeitenden hat sich gelohnt. Im Gegensatz zu Konkurrenzbetrieben haben wir keinen Fachkräftemangel. Die Fluktuationsrate ist gerade gut. Die Absenzenrate haben wir im Griff. Wir verfügen über ein gutes Image in der Branche und in der Region. Unsere Lehrstellen sind gesucht. Wir erhalten viele Ideen aus der Mitarbeiterschaft. Neue innovative Produkte entstanden daraus. Doch das ging nur, weil Sie als Aktionäre das auch unterstützten.»

Ich habe in diesen Jahren immer besser auf meine Arbeitsfähigkeit und Lebensbalance geschaut, habe mit 58 noch den «Digital-Master» an der Fachhochschule gemacht. Ich bin voll motiviert und sprühe von Ideen. Ich lerne auch viel von den Jüngeren – wie sie auch von mir.

Der Schutzwald gedeiht!

Christoph Thoma

Christoph Thoma ist ist Personal- und Organisationsentwickler und Mitgründer des Instituts für Workability und DerCoach. Seit 43 Jahren ist er auf dem Arbeitsmarkt. Er ist ein Kind des dualen Bildungssystems mit all den Möglichkeiten: Banklehre, Lehrerseminar, Arbeit in der Industrie, im Sozial-, Gesundheits- und Bildungsbereich und bei der öffentlichen Hand. Er übte Tätigkeiten als Geschäftsführer und Lead-Auditor aus, absolvierte Ausbildungen zum Heimleiter,  Coach+Organisationsberater, Erwachsenenbildner und NPO-Manager an der Universität Fribourg. Ausserdem machte er Weiterbildungen als Demografielotse und Arbeitsbewältigungs-Coach.

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