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«Hassprediger ebnen den Boden für Terror!»

01.03.2017

148. Lilienberg Gespräch mit
Dr. Valentin Landmann, Strafverteidiger

Hells Angels, Neonazis, Prostituierte – Valentin Landmann hat schon die schillerndsten Mandanten vertreten. Auf Lilienberg erzählte der bekannteste Strafverteidiger der Schweiz, wie die Justiz Hasspredigern bei der Terrorismusbekämpfung das Handwerk legen kann und warum der Ruf nach schärferen Gesetzen nicht mehr Sicherheit bringt.

«Hassprediger ebnen den Boden für Terror!»
Die Zuhörer hören Valentin Landmann zwei Stunden lang gebannt zu, als er von Bankräubern oder Terrorismusbekämpfung erzählt.

Am Ende der Veranstaltung springt Walter Reist selbst aufs Podium. Der Stiftungsratspräsident ist begeistert. «Seit bald 28 Jahren führen wir solche Gespräche. Dieses Gespräch habe ich als einmalig erlebt», sagt Reist, der wenige Tage zuvor, am 19. Februar, seinen 90. Geburtstag gefeiert hatte. «Es ist mir eine Ehre, hier überhaupt sprechen zu dürfen», erwidert Valentin Landmann bescheiden. Er ist sichtlich gerührt über das grosse Interesse an seiner Person. Der Saal ist voll besetzt. Die Zuhörer, darunter eine Schulklasse des Wirtschaftsgymnasiums der Kantonsschule Frauenfeld, hören Landmann zwei Stunden lang gebannt zu als er unter der Moderation von Andreas Widmer von Bankräubern, Terrorismusbekämpfung oder seiner verstorbenen Mutter erzählt.

Totenkopf-Anhänger und kobaltblaue Krawatte

Wer Landmann kennt, sieht gleich, dass er seine Markenzeichen mit auf Lilienberg gebracht hat. Der Jurist weiss sich zu inszenieren. An der Jeans baumelt ein silberner Totenkopf-Anhänger, um den Hals trägt der Jurist eine schrille kobaltblaue Krawatte mit den goldenen Uhren. «Das soll mich daran erinnern, worum ich kämpfe: um Lebenszeit.»  

Der 66-Jährige weiss, wovon er spricht. Immerhin sass er schon wegen seiner allzu engen Kontakte zur Halbwelt in Untersuchungshaft und musste sich wegen Geldwäscherei vor Gericht verantworten. Der Prozess kostete Landmann fast seine Existenz. Dennoch fasziniert ihn die Halbwelt nach wie vor. Zahlreiche Bestseller hat der Jurist über die schillernde Welt der Zürcher Langstrasse geschrieben, wie etwa «Der Reiz des Verbrechens und der Halbwelt» oder «Verbrechen als Markt». Momentan arbeitet er wieder an einem Buch.

Das Talent hat der Sohn des Philosophie-Professors Michael Landmann von seiner jüdischen Mutter Salcia Landmann. Die Schriftstellerin hat mit dem Buch «Der jüdische Witz» ein Standardwerk geschrieben. «Meine Mutter verlangte immer, dass ich mir einen Haufen Wissen erwerbe», erzählt Landmann. «Sie hat Leistung erwartet.» Intellektuelle und politisch Verfolgte gingen ein und aus. Die Mutter habe sich immer für Menschen eingesetzt, die irgendwie an den Rand gedrängt waren. Doch irgendwann ist der Musterschüler, der sein Studium und Doktorarbeit mit Bestnoten abgeschlossen hatte, ausgebrochen und hat die wissenschaftliche Karriere hingeschmissen.

In Hamburg hatte Landmann erste Kontakte ins Rotlichtmilieu, eine Welt, die ihn bis heute fasziniert. Immer wieder hat er die Hells Angels vertreten. Landmann erzählt von einem Gentleman-Bankräuber, der selbst während eines Überfalls in der Langstrasse durch sein höfliches Benehmen aufgefallen war oder über eine junge Dame, die mehr als hundert Raubüberfälle begangen hat. «Das kann passieren», sagt Landmann schmunzelnd. Nicht immer sei er mit dem Urteil zufrieden, gesteht der Strafverteidiger. Generell hätten die Gerichte in der Schweiz jedoch einen guten Standard.

Harte Kritik an der Justiz übt Landmann, der inzwischen auch an der Hochschule doziert, bei der Terrorismusbekämpfung. Um die Sicherheit zu erhöhen, bräuchte man keine härteren Gesetze. Hier seien Bürger und Politiker allzu schnell bereit, Bürgerrechte einzuschränken, etwa beim Wegsperren von potenziell gefährlichen Menschen. Hier habe er nur Verständnis, wenn der Anlass ein sehr entsetzlicher war. In neun von zehn Fällen würden die Menschen zu Unrecht weggesperrt. Die Annahme, dass die Einschränkungen wie Lauschangriffe ohne richterliche Genehmigung nur die Bösen treffen würden, sei ein Irrtum. «Schränkt man die Rechte und Freiheiten ein, trifft das uns alle.»

Parallelen mit der Nazi-Zeit

Anstatt neuer Antiterrorgesetze fordert Landmann die konsequente Anwendung bestehender Gesetze. Die Terrorangriffe der vergangenen Jahre seien nicht durch Menschen verübt worden, die schlecht integriert waren. «Es liegt nicht an Mangel von Integration oder Bildung, sondern an fundamentalen Hasspredigern, die den Boden für Terror ebnen.» Landmann zieht Parallelen zu den Hasspredigern der Nazis. Auch sie seien völlig integriert gewesen und erst durch Hassprediger zu Mördern geworden. In Deutschland habe er vor dem Hamburger Hauptbahnhof einen Hassprediger gehört, der sogar noch von der Polizei geschützt wurde. «Mit dieser Übertoleranz eben wir dem Terror den Boden.»

Auch in der Schweiz könnten Hassprediger nahezu unbehelligt ihre Botschaften verbreiten. «Hier vermisse ich, dass die Justiz nicht bereit ist zu ermitteln und anzuklagen. Mit Religionsfreiheit hat das nichts zu tun», so Landmann. Zuhörer im Publikum führten in der Diskussion als Beispiel die jüngsten Vorgänge in der An-Nur-Moschee von Winterthur an. «Wir haben in unseren Gesetzen alle Möglichkeiten», sagt Landmann. Aufruf zu Verbrechen oder Anstiftung zu einer Straftat sei heute schon strafbar. Für Anstiftung zu Mord gebe es eine langjährige Haftstrafe. «Wenn wir etwas gegen Terror machen wollen, müssen wir konsequent unser Recht anwenden.»

147. Lilienberg Gespräch vom 24. Februar 2017 mit Dr. Valentin Landmann, Rechtsanwalt und Strafverteidiger; Moderation: Andreas Widmer (Aktionsfeld Sicherheit & Armee); Zusammenfassung: Kerstin Conz.

«Das Rotlicht hat mich immer fasziniert»

Valentin Landmann ist der bekannteste Strafverteidiger der Schweiz. Er lebt in Zürich und hat zahlreiche Bücher über ökonomischen Mechanismen der Halbwelt geschrieben. «Das Rotlicht hat mich immer fasziniert», sagt er. «Nicht nur wegen der hübschen Damen, sondern auch wegen der Haltung des Staates.» Aufgewachsen ist der Sohn eines Philosophen und einer jüdischen Schriftstellerin in St. Gallen. Wenn er nicht bei seiner Lebensgefährtin in Hamburg ist, verbringt er noch heute gerne die Wochenenden dort in seinem Elternhaus.

Die Autorin dieses Artikels, Kerstin Conz, wurde in Ulm geboren und zog in den 90er-Jahren während ihres Studiums nach Kreuzlingen. Nach einem Auslandstudium in England absolvierte sie ein Zeitungsvolontariat und wurde Journalistin. Als landespolitische Korrespondentin berichtete sie aus Stuttgart über Fluglärm, Steuer CDs und andere deutsch-schweizerischen Streitigkeiten. 2008 kehrte sie zur Familiengründung nach Kreuzlingen zurück. Seitdem berichtet sie freiberuflich für verschiedene Medien und arbeitete für das baden-württembergische Integrationsministerium. 2011 begleitete Kerstin Conz den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann bei seinem ersten Staatsbesuch in den Aargau. Nach dem Streit um den Schülertourismus an der Grenze 2014 beschloss sie, selbst etwas zur Nachbarschaftspflege beizutragen und rief zusammen mit dem Ellenrieder Gymnasium, der Kreuzlinger Kantonsschule und dem Lilienberg Unternehmerforum das grenzübergreifende Start-up Projekt «Jung am Start» ins Leben.

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