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Für faire Rahmenbedingungen im Rohstoffhandel

02.10.2015

Die Frage der Verantwortung der Schweiz im Rohstoffhandel ist von grossem Interesse. Rund 50 Gäste konnte Moderator Christoph Vollenweider begrüssen. Die vier Referenten sprachen über Abbau, Handel und Verarbeitung der Rohstoffe.

Für faire Rahmenbedingungen im Rohstoffhandel
Über 50 Gäste interessierten sich für die Veranstaltung zur Verantwortung der Schweiz im internationalen Rohstoffhandel.

Der Anlass fand in Zusammenarbeit mit der Organisation Fraueninfo Zürich statt. Deren Präsidentin, Franziska Frey-Wettstein, betonte die Komplexität des Themas. Aufgrund von Skandalberichten hat sich das Bewusstsein zum Thema Rohstoffhandel und Menschenrechte in den vergangenen fünf Jahren stark entwickelt. «Wenn die Öffentlichkeit etwas beschäftigt, beschäftigt dies auch die Politik», sagte Veronique Haller von der Abteilung Menschliche Sicherheit im EDA. Sie zeigte auf, wie wichtig der Rohstoffhandel für die Schweiz ist: Die Anzahl Unternehmen in der Rohstoffbranche wird auf zirka 350 geschätzt, 10‘000 direkte und 27‘000 indirekte Arbeitsplätze sind betroffen. Wer aber ist in der Handelskette verantwortlich, wenn Menschenrechtsverletzungen stattfinden? «Viele dieser Länder sind instabil, haben Konflikte und eine korrupte Regierung, und die grösste Herausforderung ist, dass kein internationaler juristischer Rahmen existiert», erklärte Haller.

Rohstoffabbau als industrieller Prozess

Markus Noethiger, Berater für Fragen der Unternehmensverantwortung, erläuterte, dass der Rohstoffhandel inzwischen vor allem mit Menschenrechtsverletzungen, Kinderarbeit oder Steuerhinterziehung in Verbindung gebracht werde. «Das Image in den Abbauländern ist aber im Gegensatz zu hier erstaunlich gut», sagte er und erinnerte daran, dass es immer mehrere Aspekte eines Problems gibt. «Handys beinhalten 30 verschiedene Metalle aus dem Rohstoffabbau», klärte er auf. Und ein VW Golf bestehe zu 60 Prozent aus Stahl. «Wie gehen Sie als Konsumenten mit diesen Gütern um?», fragte er. Rund 200 modern geführte Firmen beschäftigen in Abbauländern 2,5 Millionen Menschen. Es gibt aber auch den Kleinbergbau, bei dem illegale Minen betrieben werden. Hier findet man oft Ausbeutung und Kinderarbeit.  Aber damit werden bis 100 Millionen Menschen ernährt. China ist der grösste Rohstoffproduzent weltweit, gefolgt von Australien, Brasilien, Russland und Chile. Es gebe auch Länder, die komplett abhängig sind vom Rohstoffexport. «Grosses Frustrationspotenzial hat die Diskrepanz zwischen den Einnahmen auf staatlicher Ebene und dem, was bei den Leuten ankommt.»

 Händler sind Troubleshooter

Wieso geht die verarbeitende Industrie nicht direkt zum Bergbau und holt sich das, was sie braucht? Martin Fasser, Präsident der Zuger Rohstoffhändler-Vereinigung, erklärte: «Da die Verarbeitung der Rohstoffe meist nicht im Abbauland stattfindet, braucht es Leute, die vor Ort Erfahrung und Beziehungen zur Industrie haben.» Auch die Verantwortung für den Transport sei sehr wichtig und könne gerade bei der Schifffahrt komplex sein. Und: «Die Händler übernehmen alle möglichen Risiken.» Ist die Bezahlung garantiert? Wie sieht es mit den ständig variierenden Preisen aus? Was, wenn die Ware nicht geliefert wird? «Die Leute an den Abbauorten möchten sich nicht um diese Risiken kümmern. Die Händler sind die Troubleshooter, weil alles Mögliche schief gehen kann», so Fasser.

Verarbeitung mit Rückverfolgbarkeit

Urs Furrer, Direktor von Chocosuisse, beleuchtete die Frage der Verantwortung aus dem Blickwinkel eines Verarbeiters. Ghana ist der wichtigste Herkunftsort der Kakao-Bohnen für die Schweiz. Und die Haselnüsse kommen aus der Türkei. «Das Problem ist, dass bei der Erntezeit kurdische Wanderarbeiter mit ihren Kindern da sind», erklärte Furrer. «Wir unterstützen vor Ort und sensibilisieren die Leute. Es braucht die Anerkennung von Kinderschutzmassnahmen und Gesetzeseinhaltung der lokalen Regierung. Und da beginnt schon eine Differenzierung der Betrachtungsweise», so Furrer. Die Kinderarbeit ermögliche vielen Kindern überhaupt erst, die Schule zu besuchen. «Ein generelles Verbot wäre wohl schädlich, dann würden die Kinder illegal arbeiten und das bedeutet erst recht Ausbeutung.» Natürlich sieht auch Furrer Kinderarbeit als ein Problem, das angepackt werden muss. Aber unter Berücksichtigung der lokalen Verhältnisse. «Den besten Beitrag, den wir leisten können, ist, vor Ort den direkten Kontakt zu pflegen. Wir wollen die sozialen Verhältnisse kennen und interessieren uns für die Rückverfolgbarkeit.»

Rege Diskussion auf dem Podium

Die Nationalrätinnen Doris Fiala und Claudia Friedl besuchten selber einen Bergbaubetrieb in Peru. Beide zeigten sich beeindruckt von der nach neustem Standard ausgerüsteten Kupfermine. Dass in armen Ländern Rohstoffe gewonnen werden, das Geld aber nicht bei der Bevölkerung ankommt, ist für Friedl unerträglich. Sie sieht die Verantwortung der Schweizer Rohstoffbranche darin, transparenter zu sein, wo das Geld in den armen Ländern verschwindet, und forderte eine klar ersichtliche Lieferkette. Die effektiven Treiber der Armut, da ist sich Fiala sicher, sind Umweltschädigungen und Mangel an Bildung, Hygiene und Gesundheit. Ihr Wunsch ist eine vermehrte Aufklärungsarbeit. Nur so könne Verständnis und Vertrauen entstehen. Rohstoffexperte Christian Brütsch glaubt nicht, dass das viel helfen würde. Seines Erachtens braucht es ein Umdenken in der Art und Weise der Problembetrachtung. Sein Wunsch ist, dass sich die Branche klarer dazu bekennt, dass der Abbau und Handel mit Rohstoffen sehr viel bringt und dass dem kritischen Publikum die Wertlosigkeit der nicht gehandelten Rohstoffe näher gebracht wird.

Lilienberg Tagung vom 18. September 2015 «Internationaler Rohstoffhandel – Wo liegt die Verantwortung der Schweiz?»; mit Markus Noethiger,Berater für Fragen der Unternehmensverantwortung, vor allem in Bezug auf Rohstoffressourcen, Martin Fasser, Präsident Zuger Rohstoffhändler-Vereinigung, Urs Furrer, Direktor Chocosuisse, Veronique Haller, Abteilung Menschliche Sicherheit im EDA; Anschliessend Podiumsdiskussion mit Doris FialaNationalrätin FDP, Zürich, Präsidentin Swiss Plastics, Mitglied Europarat, Claudia Friedl, Nationalrätin SP, St. Gallen, Inhaberin Büro Natume für Umwelt, Natur, Mensch, und Dr. Christian Brütsch, Politologe, Rohstoffexperte; Moderation: Christoph Vollenweider, Leiter Unternehmertum; Zusammenfassung: Karin Hobi-Pertl.

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