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Erstes Fazit: Die Volksschule ist zu sprachlastig

30.06.2014

«Was würde in der Schule gelernt, wenn die Schule alleine entscheiden könnte?» Unter diesem Titel fand das erste Kolloquium des Bildungszyklus «Volksschule der Zukunft – alle wissen es besser – gibt es trotzdem einen Konsens?»statt. Zum Auftakt referierten vier Vertreter aus der Welt der Bildung. Sie kamen unter anderem zum Schluss, dass die heutige Volksschule zu sprachlastig geworden ist – dies auf Kosten der Mathematik und der naturwissenschaftlichen Fächer.

Erstes Fazit: Die Volksschule ist zu sprachlastig
Vertreter aus der Welt der Bildung unter sich, von links: Prof. Heinrich Wirth, Willi Spring, Sibylle Fuchs, Dr. Heinz Bachmann, Prof. Dr. Urs Dürsteler und Lorenz Zubler.

Was die Volksschule leisten soll, haben wir in Form eines dicken Ordners für den Lehrplan 21 vor uns – und schon regt sich erbitterter Widerstand. Das Aktionsfeld Bildung & Sport will deshalb verschiedenen Akteuren im Bildungsbereich und in der Gesellschaft die Gelegenheit bieten, ihre Vorstellungen, was die Volksschule leisten soll, darzulegen und zu diskutieren. Am ersten Kolloquium vom 23. Juni stellten Vertreter aus der Bildungswelt ihre Position zur Debatte. In den folgenden Kolloquien werden die direkt Betroffenen – Schüler, Studenten und Eltern – aber auch Fachleute aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft zu Wort kommen.

Konsens über die Grundausrichtung der Volksschule

Zuerst legten die Referentin und die drei Referenten dar, welches übergeordnete Bildungsziel die Volksschule haben sollte. Dabei zeigte sich ein weitgehender Konsens. Kinder und Jugendliche sollen sich zu lernfreudigen, neugierigen und selbständigen Menschen entwickeln können (Sibylle Fuchs, Schulleiterin, Primarschule Opfikon). Sie sollen mit Hilfe einer ganzheitlichen und ausgewogenen Bildung zu mündigen Menschen werden (Lorenz Zubler, Rektor Pädagogische Maturitätsschule Kreuzlingen). Sie sollen kreativ denkende, positiv eingestellte Erwachsene mit lebenslanger Freude am Lernen werden (Prof. Dr. Urs Dürsteler, Prorektor, Hochschule für Wirtschaft Zürich). Dabei sollen sie aber auch solide Bildungsgrundlagen erwerben, besonders in den Fächern Deutsch und Mathematik, denn ohne diese Grundlagen wird es ihnen schwer fallen, sich in der Berufswelt zurecht zu finden (Willi Spring, Rektor Gewerbliches Bildungszentrum Weinfelden).

Über die Grundausrichtung der Volksschule waren die Meinungen einheitlich, wie dies schon immer der Fall war, seit es in der Schweiz die öffentliche Volksschule gibt, also seit gut 180 Jahren. Wir wissen mittlerweile auch recht gut, was einen guten Unterricht ausmacht. Schwierig wird es aber dann, wenn es um die Frage geht, was ganz konkret an der Volksschule gelernt und gelehrt werden soll. Der Streit über die Schulfächer und deren Stellenwert wird seit einigen Jahren intensiv geführt und wurde durch den Lehrplan 21 noch intensiviert.

Willi Spring macht sich für Deutsch und Rechnen stark, denn die gewerblichen Berufsschulen wissen, dass diese Fächer für einen Berufsausbildungserfolg unabdingbar sind. Es ist dies ein Appell zur Stärkung der Grundlagen, der unter dem Begriff «Back to Basics»seit den 1980-iger Jahren in den USA einen breiten Raum einnimmt. Auch ökonomische Theorien sehen darin eine gute Grundlage für den Erfolg einer Volkswirtschaft. Der Lehrplan 21 mit seiner Standarisierung von Bildungsinhalten geht in diese Richtung und schafft so für die Berufsbildung eine verlässliche Grundlage.

Für Sibylle Fuchs ist das WAS, sind also die Fächer wichtig, das WIE aber letztlich noch wichtiger. Wie gelernt wird, entscheidet über die Persönlichkeitsentwicklung. Für Fuchs ist auch dazu der Lehrplan 21 eine überaus brauchbare Grundlage, da er durch die Kompetenzorientierung eine zu starke Fixierung auf Fächer und Fachwissen verhindert, welches sich ja ohnehin immer schneller verändert

Konkrete Inhalte definiert

Die Diskussion auf der Ebene der Inhalte führte mehrheitlich, wenn auch nicht einstimmig, zu folgendem Schluss:

  • Die Primarschule ist zu fremdsprachenlastig: Eine Fremdsprache genügt.
  • Die Primarschule soll sich auf Französisch beschränken.
  • Englisch soll ab der 1. Sekundarschule aufgenommen werden.
  • Ganz grundsätzlich ist die Volksschule zu sprachlastig geworden. Dies soll durch eine vermehrte Gewichtung von Mathematik und Naturwissenschaften korrigiert werden.

Auch die Back to Basic-Forderung fand Sympathie. Allerdings ist anzumerken, dass seit den 1980-iger Jahren neben den Kompetenzen in den Unterrichtsfächern heute vermehrt auch Sozialkompetenzen wesentlich sind, um im Beruf zu bestehen. Wo haben sie Platz und Zeit in den vollen Stundenplänen?

Wichtig und in den Voten der Diskussion immer präsent war der Konflikt darüber, was wichtiger ist: Eine Individualisierung, wo Kinder und Jugendliche in ihrer Entwicklung zu aktiven und interessierten Personen gefördert werden oder eine Standardisierung, welche die Volksschule gerade für die Berufsausbildung verlässlicher machen? Sicher muss die Volksschule beides immer im Auge behalten.

Eine Leitregel beim Entscheid, was letztlich in der Volksschule welches Gewicht haben soll, wurde von Lorenz Zubler formuliert: Entscheidend soll immer der Bezug zur Lebenswirklichkeit der Kinder und Jugendlichen sein. Wie wichtig ein Inhalt ist, wird durch die Relevanz definiert, die dieser Inhalt für das Leben der Kinder und Jugendlichen hat. Dabei soll man nicht auf gerade bestehende Probleme des Arbeitsmarkts schielen. So kann es beispielsweise kein Argument für Informatik als wesentlicher Inhalt der Volksschule sein, dass es derzeit an Informatikern mangelt. Die Informatik muss vielmehr einen Platz in der Volksschule haben, weil unsere Lebenswelt durch sie geprägt ist und so Kinder und Jugendliche ein Recht haben, in diesem Bereich möglichst kompetent zu werden.

Es wird sehr interessant sein zu erfahren, wie in den kommenden Veranstaltungen über diese Themen diskutiert wird und ob Schüler, Studierende, Eltern sowie Unternehmer zu den gleichen oder zu ganz anderen Schlussfolgerungen gelangen.

Zyklus  «Volksschule der Zukunft: Alle wissen es besser – gibt es trotzdem einen Konsens?»; Lilienberg Kolloquium vom 23. Juni 2014, «Was würde an der Schule gelernt, wenn die Schulen allein entscheiden könnten?», mit Sibylle Fuchs, Schulleiterin Primarschule Opfikon, Willi Spring, Rektor Gewerbliches Bildungszentrum Weinfelden, Lorenz Zubler, Rektor Pädagogische Maturitätsschule Kreuzlingen, und Prof. Dr. Urs Dürsteler, Prorektor Hochschule für Wirtschaft Zürich; Moderation: Dr. Heinz Bachmann und Heinrich Wirth (Aktionsfeld Bildung & Sport); Zusammenfassung: Prof. Heinrich Wirth.

Dr. Heinz Bachmann ist Dozent am Zentrum für Hochschuldidaktik an der Pädagogischen Hochschule Zürich. Er verfügt über langjährige Erfahrung in der Entwicklungszusammenarbeit und als Wahlbeobachter für die UNO, OSZE, EU. Er ist seit mehreren Jahren Beauftragter für das Lilienberg Aktionsfeld Bildung & Sport.

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