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«Erst geht die Mitte kaputt, dann kommen die Diktatoren»

19.06.2017

152. Lilienberg Gespräch mit
Prof. Dr. Boris Barth, deutscher Historiker

Der Erfolg von rechtspopulistischen Parteien und Politikern in Europa weckt Erinnerungen an dunkle Kapitel im 20. Jahrhundert. Wie gefährlich sind Politiker wie Trump, Putin oder Erdogan wirklich? Stehen wir vor einer neuen Ära des Nationalismus und Autoritarismus? Der renommierte Historiker Prof. Dr. Boris Barth zeigte auf Lilienberg historische Parallelen und Alarmsignale in Europa auf und erklärte, weshalb er für die USA trotz Trump optimistisch ist.

«Erst geht die Mitte kaputt, dann kommen die Diktatoren»
Kann man aus Geschichte lernen? Christoph Vollenweider (links) setzte die Diskussion mit dem Historiker Prof. Boris Barth über den Erfolg von Populisten und Nationalisten nach dem offiziellen Anlass bei einem Glas Weisswein im Lilienberg-Park fort.

Er mobilisierte die Massen und stürzte einen ganzen Kontinent ins Unglück. Adolf Hitler ist bis heute die schaurige Symbolfigur für nationalistisches Gedankengut, das derzeit wieder auf dem Vormarsch ist.  Woran sein Erfolg lag? Zumindest nicht an der Ausstrahlung. «Hitler hatte kein Charisma. Mussolini auch nicht», findet der Historiker Professor Boris Barth. Ein Teil seines Erfolges lag an der Inszenierung durch Mitarbeiter. Frust nach den Versailler Verträgen und die Weltwirtschaftskrise taten ihr Übriges.

In seinem Buch «Europa nach dem grossen Krieg. Die Krise der Demokratie in der Zwischenkriegszeit (1918-1938)», das Barth schrieb, als er an der Universität Konstanz lehrte, beschreibt der Historiker, welche Faktoren der Nährboden für die Ausbreitung nationalistischer Ideologien waren. Moderator Christoph Vollenweider sind bei der Lektüre so viele Ähnlichkeiten aufgefallen, dass er Barth auf Lilienberg einlud. Ob man aus der Geschichte lernen kann, wollte er von seinem Gast wissen. Dann könnte man sicher sein, dass Politiker wie Trump, Erdogan, Putin, die Alternative für Deutschland (AfD) oder Marine Le Pen vom französischen Front National gestoppt werden, bevor sie zu viel Unheil anrichten. Doch ganz so einfach ist es nicht. Denn: «Geschichte wiederholt sich nicht einfach», dämpft Barth gleich die Erwartungen.

Historiker, und nicht Hellseher

Bei der jüngsten Finanzkrise 2008 habe man zwar viele Lehren aus der grossen Depression Ende der 1920er-Jahre gezogen. Etwa, dass man solche Krisen nur international lösen kann. Ob die Schlüsse allerdings richtig waren, zeige sich erst in 20 oder 30 Jahren. Überhaupt sei er Historiker und kein Hellseher. Auf Prognosen lässt er sich nicht festnageln. Nur so viel, dass es derzeit Anzeichen dafür gibt, dass sich etwas ganz Neues entwickelt.

Wo immer man hinschaut, scheinen die Populisten im Aufwind zu sein. Die Stiftung Lilienberg hat dem Thema erst kürzlich in einer Publikation gewidmet. «Unternehmer müssen sich mit der Gesellschaft und Politik auseinandersetzen», sagte Vollenweider. «Nur so können gemeinsam Lösungen für die anstehenden grossen Probleme unserer Zeit gefunden werden.»

Probleme gibt es genug. Der Revisionismus in Russland erinnert Barth etwa an die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. «Ich finde das ziemlich besorgniserregend.» Erdogan mit seinen neo-osmanischen Ambitionen findet der Historiker sogar «richtig gefährlich».

Damals wie heute trugen vor allem Wirtschaftskrisen zu Verunsicherung bei. Ein zentraler Faktor sei die gesellschaftliche und politische Mitte. «Erst geht die Mitte kaputt, dann kommen die Diktatoren», sagt Barth. Während der Hyperinflation der Wirtschaftskrise in den 20er-Jahren seien in Deutschland, Österreich und Ungarn neben den Bauern und Arbeitern auch die staatstragenden Eliten wie Lehrer und Beamte verarmt. Finden die Parteien der Mitte keine Antworten auf die Probleme, bekommen die radikalen Parteien Zulauf. Auch hier gebe es heute ernsthafte Warnsignale.

Dass ein Niedergang westlicher Werte wie die Aufklärung oder das Christentum etwa aufgrund der Zuwanderung Schuld an nationalistischen Strömungen ist, wie ein Gast aus dem Publikum beklagte, bestreitet Barth. Das Christentum als solches gebe es überhaupt nicht, da man ganz unterschiedliche christliche Gruppierungen habe und längst nicht alle dem Papst unterstehen. Auch eine abendländische Leitkultur gibt es für den Historiker nicht.

Trendwende in Europa nach Le Pens Niederlage?

Ein weiterer grosser Feind der Demokratie ist fehlende Bildung. Menschen, die einfache Erklärungen der Populisten besser verstehen, als die komplizierteren der demokratischen Parteien oder der EU. Möglicherweise zeichnet sich in Europa mit der Niederlage von Le Pen sogar schon eine Trendwende ab. «Ich hoffe, dass das die Trendwende war.» Allerdings könnten die in Frankreich notwendigen Reformen den Nationalisten wieder Auftrieb geben. «Es wird Verlierer geben», so Barth. Die Ukraine bräuchte sogar eine Art Marshallplan.

Recht optimistisch blickt Barth in die USA. Selbst bei schwachen oder schlechten Präsidenten habe sich die amerikanische Demokratie bislang immer als wehrhaft erwiesen.  «Kein US-Präsident hat es bislang geschafft, gegen die eigene Partei und Verfassungsorgane zu regieren», so Barth.

Doch der Vormarsch der Nationalisten liegt nicht nur an der wirtschaftlichen Entwicklung oder einzelnen Politikern, sondern auch an den Bürgern. Populismus müsse man überall dort entgegentreten, wo man ihn trifft, sagt Barth. «So lange die grossen Demokratien wie Deutschland, England und Frankreich stabil sind, mache ich mir nicht ganz so grosse Sorgen», so der Historiker. Allerdings wüssten die Engländer derzeit selber nicht, wo es hingeht. In Deutschland stehen im Herbst Wahlen an.

152. Lilienberg Gespräch vom 14. Juni 2017 mit Prof. Brois Boris Barth, deutscher Historiker und Autor; Moderation: Christoph Vollenweider, Leiter Programm und Publikationen; Zusammenfassung: Kerstin Conz.

Zur Person Boris Barth

Völkermord, Massaker, ethnische Säuberungen - Prof. Boris Barth ist Spezialist für das Verbrechen unter den Verbrechen. 1995 er promovierte bei dem renommierten Historiker Wolfgang J. Mommsen zum Thema «Die deutsche Hochfinanz und die Imperialismen». 2003 habilitierte Barth mit einem Werk über die «Dolchstosslegende», also auch zum Thema Erster Weltkrieg und seine Folgen. Von 2010 bis 2016 lehrte der Historiker an der Universität Konstanz und schrieb dort das Buch «Europa nach dem Grossen Krieg. Die Krise der Demokratie in der Zwischenkriegszeit (1918-1938)». Heute lehrt Barth an der  Karls Universität in Prag und machte somit den Schritt von Deutschlands kleinster Elite Universität zur ältesten Universität nördlich der Alpen.

Die Autorin dieses Artikels, Kerstin Conz, wurde in Ulm geboren und zog in den 90er-Jahren während ihres Studiums nach Kreuzlingen. Nach einem Auslandstudium in England absolvierte sie ein Zeitungsvolontariat und wurde Journalistin. Als landespolitische Korrespondentin berichtete sie aus Stuttgart über Fluglärm, Steuer CDs und andere deutsch-schweizerischen Streitigkeiten. 2008 kehrte sie zur Familiengründung nach Kreuzlingen zurück. Seitdem berichtet sie freiberuflich für verschiedene Medien und arbeitete für das baden-württembergische Integrationsministerium. 2011 begleitete Kerstin Conz den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann bei seinem ersten Staatsbesuch in den Aargau. Nach dem Streit um den Schülertourismus an der Grenze 2014 beschloss sie, selbst etwas zur Nachbarschaftspflege beizutragen und rief zusammen mit dem Ellenrieder Gymnasium, der Kreuzlinger Kantonsschule und dem Lilienberg Unternehmerforum das grenzübergreifende Start-up Projekt «Jung am Start» ins Leben.

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