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«Die Schweiz hat gute Voraussetzungen für die Integration der Muslime»

Andreas Widmer 07.12.2015

Das Zusammenleben mit der muslimischen Bevölkerung hat nach den Terroranschlägen islamischer Fundamentalisten von Mitte November in Paris auf schreckliche Art und Weise an Aktualität gewonnen. Eine neue Lilienberg-Gesprächsreihe widmet sich dem Leben der Muslime in der Schweiz. Dabei geht es auch darum, die Befindlichkeiten und Werte der Muslime näher kennenzulernen. Im Fokus stehen die Herausforderungen der Integration und die Bekämpfung des islamischen Extremismus.

«Die Schweiz hat gute Voraussetzungen für die Integration der Muslime»
Kompetente Referenten zum Auftakt der Lilienberg-Gesprächsreihe zur Integration der Muslime in der Schweiz: Islamwissenschaftlerin Dr. h.c. Rifa’at Lenzin und Christof Meier, Leiter der Integrationsförderung in der Stadt Zürich.

Zu Beginn der neuen Gesprächsreihe auf dem Lilienberg präsentierte die Islamwissenschaftlerin Dr. h.c. Rifa’at Lenzin einen Überblick über die heute in der Schweiz lebende muslimische Bevölkerung. Das Gros der rund 500‘000 Muslime, die in unserem Land sesshaft sind, ist seit den Siebziger-Jahren eingewandert. Es handelte sich dabei um eine typische Arbeitsmigration, mehrheitlich aus dem Balkan und der Türkei. Die Ersteinwanderer gehören eher den bildungsfernen Schichten an und besitzen eine ländliche, patriarchalisch geprägte Herkunft. Nicht selten ergeben sich damit grössere Generationenkonflikte. Soziodemographisch gesehen ist die muslimische Bevölkerung jung, denn rund die Hälfte ist unter 25 Jahre alt. Aus diesem Grund sind die muslimischen Kinder in den Schulen auch überproportional vertreten; und die Rekruten sind bereits zu 10 Prozent muslimischen Glaubens.

Muslimische Organisationen und deren Ziele

Die Muslime, die in der Schweiz wohnen, sind in sogenannten Kulturvereinen organisiert, wobei sich diese nach ethnischen Gesichtspunkten und weniger nach religiösen Aspekten ausrichten. Obwohl es zwei Dachorganisationen gibt, ist dieser Überbau noch zu wenig ausgeprägt. Der Islamische Zentralrat ist entgegen seinem Namen keine Dach- sondern eine Basisorganisation, die vor allem für jüngere, religiös engagierte Muslime attraktiv erscheint. Die Probleme der Schweizer Muslime ortete Rifa’at Lenzin in zwei Kreisen: Im Fokus stünden einerseits die religiösen Fragen (Wunsch nach Grabfeldern, öffentlich-rechtliche Anerkennung, Religionsunterricht) und andererseits die sozialen Themen (Wertediskussion, Schwierigkeiten bei der Suche einer Wohnung oder Lehrstelle).

Herausforderung Integration

Christof Meier, Leiter der Integrationsförderung der Stadt Zürich, konnte dank seiner 25-jährigen Erfahrung in diesem Bereich aus der Praxis berichten. Für ihn ist es wichtig, Integrationspolitik und Zuwanderungspolitik zu trennen. In diesem Sinn frage man bei der Integrationsarbeit nicht, ob wir jemanden «bei uns» haben wollen, «sondern es werden die bestmöglichen Rahmenbedingungen für das Zusammenleben geschaffen.» Integrationspolitik stehe in der Verantwortung der Gesamtgesellschaft und könne nur punktuell vom Staat gestaltet werden, sagte Meier. Sie sei zudem schlecht messbar, denn es gebe keine gute Messmethode und auch keine Nullmessungen. «Zwingende Voraussetzungen sind jedoch die Einhaltung der Gesetze, der selbständige Lebenserwerb und das soziale Netz der Migranten.»

Religionsgemeinschaften hemmen Integration

Die Integrationsarbeit einer Stadt ist ausserordentlich vielschichtig, denn die Zugewanderten stammen aus zahlreichen, verschiedenen Ländern. In Zürich sind es laut Christof Meier 170 Länder, wobei sich die relative Zusammensetzung der Migranten eher in Richtung deutsch- und englischsprachige Personen verändert habe. Bei den Religionsgemeinschaften ist die Vielfalt enorm. So wie sich bei den Christen und sogar innerhalb deren Konfessionen völlig unterschiedliche Wertvorstellungen ergeben, herrscht auch bei den Muslimen eine grosse Verschiedenartigkeit. Der Vereinigung islamischer Organisationen Zürich gehören 40 Mitglieder mit insgesamt 30 Moscheen an. Die Religionsgemeinschaften können die Integration insofern hemmen, weil sich ihre Angehörigen in geschlossenen Kreisen (Parallelgemeinschaften) bewegen können.

Verfassung gewährt Religionsfreiheit

In unserem Staat ist die Religion letztlich Privatsache, und damit sind Finanzierung und Gestaltung des religiösen Lebens keine Staatsaufgaben. Die Imame stammen grundsätzlich aus den Herkunftsländern der entsprechenden Gemeinschaften und werden von diesen angestellt. «Oftmals sind sie mit der Schweizer Wirklichkeit wenig vertraut und können schwierigere theologische Fragen nicht eigenständig beantworten. Dazu müssen sie bei den Ausbildungsstätten ihrer Heimatländer nachfragen», sagte Christof Meier.

Auswirkungen des islamischen Terrorismus

Die Terroranschläge vom 11. September 2001 in New York bewirkten einen grossen Einschnitt. Während früher das Tragen eines Kopftuches eher als exotisch galt, ergab sich nach 9/11 eine stark ablehnende Haltung. Wachsendes Misstrauen und Ängste prägen seither die Bevölkerung. Obwohl 80 Prozent der Muslime ihren Glauben wenig bis gar nicht praktizieren, wurden sie seither auf ihre Religion reduziert. Es ergab sich in der Folge sogar eine Re-Islamisierung, etwa durch vermehrtes Feiern des Ramadan. Nicht zuletzt sind die Muslime auf Grund der aktuellen Terroranschläge in Paris auch unter eine Art Generalverdacht geraten.

Grosse Herausforderungen warten

«Eigentlich hat die Schweiz gute Voraussetzungen für die Integration der Muslime», ist Meier überzeugt. Die Wirtschaftslage sei positiv, und eigentliche Ghettos wie in anderen Ländern konnten bisher verhindert werden. Zudem seien viele Muslime jungen Generation sind gut ausgebildet. «Allerdings ergeben sich auch sehr grosse Herausforderungen, etwa in den Schulen und in Bezug auf die Infiltration durch extremistische Glaubensansichten.» Die nächsten Veranstaltungen der laufenden Gesprächsreihe auf Lilienberg werden sich deshalb diesen Themen fundierter widmen.

Zyklus «Die Muslime in der Schweiz - und ihre Integration»; Unternehmerisches Gespräch vom 2. Dezember 2015: «Die Muslime in der Schweiz - eine Übersicht»; mit Dr. h.c. Rifa'at Lenzin, Islamwissenschaftlerin, und Christof Meier, Leiter Integrationsförderung der Stadt Zürich; Moderation: Christoph Vollenweider; Zusammenfassung: Andreas Widmer (Aktionsfeld Politik & Gesellschaft); Redaktion: Stefan Bachofen.

Andreas Widmer sitzt für die FDP im St. Galler Kantonsrat. Er ist Präsident des Schweizer Milizdachverbandes AWM. Auf Lilienberg ist er Beauftragter für die Aktionsfelder Sicherheit & Armee sowie Politik & Gesellschaft. Er ist Vater von zwei schulpflichtigen Kindern und wohnt in Wil SG, wo er zwölf Jahre lang als Stadtrat amtete.

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