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«Die grössten Erfolge kommen oft nach Krisen»

01.12.2015

«Der Spitzensport könnte viel von der Wirtschaft profitieren. Ich denke zum Beispiel an die Aspekte Führung, Qualitätskontrolle oder Prozessoptimierung», sagte der einstige Sport-Spitzenfunktionär Gian Gilli am Lilienberg Gespräch von Mitte November. Der 58-jährige Engadiner erachtet es als überaus wichtig, dass ein Spitzensportler ein Selbstunternehmer ist. Gilli: «Fremdgesteuerte Athleten schöpfen ihr Potenzial kaum aus.»

 «Die grössten Erfolge kommen oft nach Krisen»
Gian Gilli (rechts), hier zusammen mit Moderator Christoph Vollenweider: «Wenn es einem Sportler an Energie und Motivation fehlt, nützt der beste Trainer nichts.»

Bei seinem Besuch Mitte November im Lilienberg Unternehmerforum wurde schnell klar, woher Gian Gilli seinen Antrieb nimmt, um sich immer wieder auch beruflich neuen Herausforderungen zu stellen. Im Gespräch mit Moderator Christoph Vollenweider meinte der Engadiner: «Ich lebe meine Sehnsucht nach Entwicklung aus.» Als Schüler sei er für seine Lehrer wohl so etwas wie ein schwer erziehbarer Bursche gewesen, der nur den Sport im Kopf hatte. «Ich musste zuerst einmal aus dem Gymi rausfliegen, bevor ich auf den richtigen Pfad zurückfand», legte der Bündner ungeschminkt dar. Er habe lernen müssen, auch für sein Vorwärtskommen Verantwortung zu übernehmen.

Danach liess sich Gilli zum Turn- und Sportlehrer ausbilden. Er unterrichtete mit Begeisterung, doch nach sechsjähriger Tätigkeit als Lehrer am Gymnasium Samedan zog es ihn weiter. «Ich hatte gemerkt, dass ich nicht der Typ bin, der lange immer das Gleiche macht», erzählte er. Gilli wurde Langlauf-Nationaltrainer bei Swiss Ski und lernte dabei gleich seine spätere Ehefrau, eine Spitzenlangläuferin, kennen. Leistung, sagte Gilli, habe ihn als Wert immer fasziniert. Ergänzend zum Wertesystem, in welches er als Bergler hineingeboren worden sei. Dass er später einmal in der eigenen Firma Leistungstraining für Berufsleute anbieten würde, war damals noch nicht abzusehen.

Auf seinem beruflichen Werdegang habe er aber auch oft den Kopf angestossen. «Ich habe mich bisweilen selber überfordert», betonte Gilli und ergänzte: «Mein Energielevel und meine Ressourcen waren meine unterstützenden Konstanten.»

«Manchmal nützt der beste Trainer nichts»

Betreffend Anteil am Erfolg eines Athleten durch den Trainer ist Gian Gilli davon überzeugt, dass die Qualität des Athleten entscheidend sei. «Wenn es einem Sportler an Energie und Motivation fehlt, nützt der beste Trainer nichts», sagte Gilli. Der Athlet müsse Selbstunternehmer sein und dürfe in seinem Tun nicht fremdgesteuert werden, glaubt er.

Ein Sportler müsse auch fähig sein, über Strategien oder Finanzierung nachzudenken. Zudem sei es wichtig, dass er Prioritäten setzen könne. Nicht vergessen dürfe man als Trainer, dass ein Athlet neben einer Belastungskompetenz auch eine Erholungskompetenz hat. Gilli: «Ohne Ich-Initiative des Athleten ist Erfolg nicht zu erreichen. Der Trainer setzt nur den Rahmen für ideale Bedingungen und unterstützt den Athleten.»  Der Trainer sei ein Fachspezialist und «im Idealfall auch noch ein kompetenter Pädagoge.» Wichtig für den Erfolg eines Sportlers sei eine «ganzheitliche Höchstleistungsorganisation.» Training sei dabei nur ein Bereich.

Begabung, Potenzial und VIP-Karten

Gilli erachtet die Begabung eines Sportlers als wichtig. «Doch das Potenzial entsteht durchs Üben», präzisierte er. Er habe bei herausragenden Schweizer Sportlerpersönlichkeiten, festgestellt, dass einzelne von ihnen nach einer verletzungsbedingten Pause gestärkt zurückgekommen seien. Namentlich erwähnte er etwa den abgetretenen Skirennfahrer Didier Cuche. «Nach Krisen stellen sich oft die grössten Erfolge ein», ist Gilli überzeugt. Wichtig in einer Zeit der Regeneration sei auch Gelassenheit.

Gian Gilli meinte, dass die öffentliche Hand in der Spitzensportförderung noch aktiver werden sollte. «Eine Spitzensport-Rekrutenschule weist zwar den richtigen Weg, ist aber längst noch nicht das, was man tun könnte. Zumindest sollte sich der Bund auch finanziell noch mehr engagieren, mindestens im Verhältnis zu den VIP-Karten, die an viele Politiker verteilt werden», meinte der Bündner pointiert.

In der anschliessenden Podiumsdiskussion antwortete Gilli auf die Frage, was der Spitzensport von der Wirtschaft lernen könne, dass Aspekte wie Führung, Qualitätskontrolle oder Prozessoptimierung vor allem in Sportverbänden oft vernachlässigt würden. «Da besteht ganz bestimmt Handlungsbedarf.» Bezüglich Korruption ist Gilli überzeugt, dass «dort, wo Geld im Spiel ist, betrogen wird.»

138. Lilienberg-Gespräch vom 18. November 2015 mit Gian Gilli, Unternehmer, ehemaliger Spitzenfunktionär im Wintersport; Moderation: Christoph Vollenweider, Leiter Unternehmertum; Zusammenfassung: Marcel Vollenweider.

Zur Person Gian Gilli

Gian Gilli ist 58 Jahre alt, verheiratet und hat drei erwachsene Kinder. Er absolvierte eine Ausbildung zum Turn- und Sportlehrer an der Universität Bern. Der Engadiner hat sich vor allem in der Welt des Sports einen Namen gemacht, ist aber weit über den Sport hinaus eine bekannte Persönlichkeit im In- und Ausland. Vom Oktober 2009 bis April 2014 amtete er als Sportdirektor und Chef de Mission bei Swiss Olympic. Er begleitete die Schweizer Olympiamissionen Vancouver 2010 als Head Coach sowie London 2012 und Sotschi 2014 jeweils als Chef de Mission.

Bereits vor seiner Tätigkeit bei Swiss Olympic war Gian Gilli eine herausragende Persönlichkeit im Spitzensport, zuerst als Cheftrainer Langlauf bei Swiss Ski und später, ebenfalls bei Swiss Ski, als Chef Leistungssport. In dieser Funktion war er für alle acht Ski-Disziplinen (Ski Alpin, Langlauf, Nordische Kombination, Skispringen, Biathlon, Snowboard, Freestyle und Telemark) verantwortlich. Gilli führte das Schweizer Ski-Team unter anderem an den Olympischen Spielen 2006 in Turin zu mehreren Medaillen in den Disziplinen Snowboard, Freestyle und Ski alpin. Zudem wirkte er bei der alpinen Ski-WM 2003 in St. Moritz als Sportdirektor, bei der Eishockey-WM 2009 in Bern und Zürich-Kloten als CEO.

Im Frühling 2014 verliess Gian Gilli Swiss Olympic. Er gründete in der Folge seine eigene Firma, die Gian Gilli AG, mit Sitz in Risch im Kanton Zug. Per Mitte November 2015 hat er eine neue Aufgabe übernommen. Der Bündner hat eine Stelle als CEO der Firma Infront Ringier Sports & Entertainment angetreten.

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