see_1920x370-(1).jpg

«Das Alter wird im Anforderungsprofil völlig überbewertet»

07.12.2017

Ältere Mitarbeiter werden durch den Fachkräftemangel immer wichtiger. Trotzdem sind die Chancen für über 50-Jährige auf dem Arbeitsmarkt oft schlecht. Ein Pilot-Workshop mit dem Coach Christoph Thoma hat gezeigt, dass ältere Mitarbeitende jungen Kollegen in manchen Punkten sogar überlegen sind - sofern Arbeitnehmer und Arbeitgeber ein paar Dinge beachten.

«Das Alter wird im Anforderungsprofil völlig überbewertet»
Informierten sich über Möglichkeiten, die Arbeitsfähigkeit von älteren Mitarbeitern zu fördern (von links): Antonio Meli, Peter Leumann (beide RAV Frauenfeld), Jürg Bregenzer (Ekkharthof), Flandrina von Salis (Klinik Schloss Mammern) und Jean-Luc Villing (Stiftung Säntisblick).

Wenn es ernst wird, sind über 50-Jährige oft die ersten, die entlassen werden. Teuer, unflexibel und mitunter schwer zu führen, lauten die häufigsten Vorurteile. Dann kommen Leute wie Antonio Meli zum Zug. Meli leitet das Team Arbeitgeberservice beim Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum Thurgau (RAV). Viele Menschen, die er wieder in Lohn und Brot bringen soll, sind über 50. «Das ist nicht immer einfach.» Nicht alle seien wirklich offen. Das eigentliche Problem seien jedoch die Unternehmen. «Wir können nur selten Leute vorschlagen, die über 50 sind.»

Die richtige Person für den richtigen Job

Schuld sind Vorurteile. Melis Wunsch an Personalverantwortliche: «Schaut euch die Leute über 50 wenigstens einmal an. Sie haben oft spannende Hintergründe.» Ein Mitarbeiter über 50 will zudem meist bleiben. «Das gibt auch eine gewisse Planungssicherheit.» Doch viele Stellenprofile beginnen nicht mit den Anforderungen, sondern mit dem Alter. «Das Alter wird im Anforderungsprofil absolut überbewertet. Wichtiger ist die richtige Person für den richtigen Job.»

Meli war einer der Teilnehmer beim Pilot-Workshop zum Thema ältere Arbeitnehmer vom 1. Dezember auf Lilienberg. Er weiss, dass es viele über 50-Jährige gibt, die es nochmals wissen wollen. Hat der Personalverantwortliche des Unternehmens selbst ein gewisses Alter, ist ein Wiedereinstieg möglich. Doch bei jungen Chefs haben ältere Bewerber schlechte Karten.

Chefwechsel als Hauptproblem für ältere Mitarbeiter

«Grösste Gefahr für Ältere ist ein Chefwechsel», bestätigt Christoph Thoma, der den Workshop leitet. «Vor allem, wenn Jüngere ans Ruder kommen.»  Auch Peter Leumann, Leiter des RAV Thurgau, fordert ein Umdenken. Das Thema werde aber auch durch Medien und in der Öffentlichkeit aufgeblasen. «Die Leute lesen, dass sie keine Chance mehr haben und glauben das dann.»

Tatsächlich gibt es echte Hürden. Langjährige Unterbrechungen ohne berufliche Fort- und Weiterbildung, geringe Job-Mobilität oder lange, gleichbleibende Aufgabenstellungen. Hier hilft nur Weiterbildung. Dabei sind nicht nur die Mitarbeiter, sondern auch die Chefs und Teamleiter gefragt, so Thoma. Schliesslich sei es in ihrem Interesse, die Arbeitsfähigkeit ihrer älteren Mitarbeitenden zu erhalten.

In der Klinik Schloss Mammern gehört die Mitarbeiterentwicklung daher bereits zu den strategischen Unternehmenszielen, berichtet Personalchefin Flandrina von Salis. «Ich erwarte von meinen Abteilungsleitern, dass sie ihre Mitarbeiter weiterbilden.»

750 Franken haben die Mitarbeiter im Ekkharthof, einer Einrichtung für Menschen mit geistiger Behinderung in Lengwil, jedes Jahr für Weiterbildungen frei zur Verfügung. Ob sie das Geld berufsbezogen oder einfach nur für einen Kochkurs nutzen, sei ihnen überlassen, sagt Leiter Jürg Bregenzer. Seiner Meinung nach lohnt es sich, in ältere Mitarbeiter zu investieren. Sie seien oft zuverlässiger. Von den 250 Mitarbeitern sind 125 über 50.

Ältere als Fels in der Brandung

Weiterbildung erfolgt nicht nur in Seminaren. Auch ein Projekt, die Lektüre eines Fachbuches oder Expertengespräche halten fit, sagt der Coach. Wichtig ist die Haltung, offen für Neues zu sein. Denn ältere Mitarbeiter seien nicht weniger leistungsfähig. Muskelkraft, die Beweglichkeit oder die Geschwindigkeit, Informationen zu verarbeiten, lassen zwar nach. Dafür werden andere Fähigkeiten ausgeprägter: Urteilsfähigkeit, Zuverlässigkeit, Gelassenheit, Konfliktfähigkeit, soziale Kompetenz.

«Das Alter wird im Anforderungsprofil völlig überbewertet»
«Ältere können ein Fels in der Brandung sein - aber nur,wenn die Arbeitsfähigkeit gut ist», sagte Coach Christoph Thoma im Workshop auf Lilienberg.

Manche Branchen machen sich das gezielt zu Nutze. «Im Sozialbereich ist auch der ältere Mitarbeiter gesucht», sagt Jean-Luc Villing von der Stiftung Säntisblick in Degersheim. «Ältere Mitarbeiter bringen auch Wärme mit.» Auch die Zuverlässigkeit der Älteren sei oft grösser. Von den 110 Mitarbeitern in seinem Betrieb seien 36 über 50.

«Ältere können ein Fels in der Brandung sein. Aber nur, wenn die Arbeitsfähigkeit gut ist», sagt Thoma. «Ohne Engagement nimmt die Arbeitsfähigkeit ab», erklärt er. Stellschrauben für eine möglichst gute Arbeitsfähigkeit der älteren Mitarbeitenden sind die Arbeitsbedingungen. Vorgesetzte können bei Bedarf Aufgaben, Arbeitsvolumen und mitunter sogar Arbeitszeiten anpassen und steuern, zum Beispiel wie Mitarbeiter bei der Schichtarbeit eingesetzt werden. Mitsprache oder ein gutes Betriebsklima senken den Stresslevel. Auch das ist wichtig, denn ältere Mitarbeiter sind oft etwas empfindlicher.

«Ich weiss, was ältere Mitarbeiter leisten können», sagt von Salis. Dennoch kommt die Klinik Mammern älteren Mitarbeitern bei den Arbeitszeiten entgegen, zum Beispiel beim Nachtdienst. Und tagsüber wollen viele ältere Mitarbeiter später anfangen, Jüngere sind gerne früher fertig, damit sie noch in den Ausgang gehen oder sich um ihre Kinder kümmern können. «Wir setzten deshalb auf gemischte Teams.»

Ein Problem ist der Stress. Ruhige Phasen mit wenig Patienten gibt es kaum noch. Vor allem ältere Kollegen haben Probleme damit, dass man nicht mehr richtig durchatmen kann. «Vielleicht muss man dafür andere Formen finden? », fragt Christoph Thoma. Er bietet als Teil des Workshops an, im Betrieb vorbei zu kommen. Der Coach weiss, dass sich die Mühe lohnt. Denn am Ende profitieren Arbeitnehmer und Betrieb. Mit der Arbeitsfähigkeit steigen nicht nur Motivation und Produktivität. Auch der Rückgang von Frühpensionierungen und Fluktuation schlagen positiv zu Buche.

Kolloquium vom 1. Dezember 2017 «Wie erhalten wir die Arbeitsfähigkeit der älteren Mitarbeitenden?» mit Christoph Thoma, Personal- und Organisationsentwickler sowie Mitbegründer des Instituts für Workability und DerCoach; Moderation: Christoph Vollenweider, Leiter Programm und Publikationen; Zusammenfassung: Kerstin Conz.

Die Autorin dieses Artikels, Kerstin Conz, wurde in Ulm geboren und zog in den 90er-Jahren während ihres Studiums nach Kreuzlingen. Nach einem Auslandstudium in England absolvierte sie ein Zeitungsvolontariat und wurde Journalistin. Als landespolitische Korrespondentin berichtete sie aus Stuttgart über Fluglärm, Steuer CDs und andere deutsch-schweizerischen Streitigkeiten. 2008 kehrte sie zur Familiengründung nach Kreuzlingen zurück. Seitdem berichtet sie freiberuflich für verschiedene Medien und arbeitete für das baden-württembergische Integrationsministerium. 2011 begleitete Kerstin Conz den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann bei seinem ersten Staatsbesuch in den Aargau. Nach dem Streit um den Schülertourismus an der Grenze 2014 beschloss sie, selbst etwas zur Nachbarschaftspflege beizutragen und rief zusammen mit dem Ellenrieder Gymnasium, der Kreuzlinger Kantonsschule und dem Lilienberg Unternehmerforum das grenzübergreifende Start-up Projekt «Jung am Start» ins Leben.

«Das Alter wird im Anforderungsprofil völlig überbewertet»
«Das Alter wird im Anforderungsprofil völlig überbewertet»
«Das Alter wird im Anforderungsprofil völlig überbewertet»
«Das Alter wird im Anforderungsprofil völlig überbewertet»
«Das Alter wird im Anforderungsprofil völlig überbewertet»
«Das Alter wird im Anforderungsprofil völlig überbewertet»
«Das Alter wird im Anforderungsprofil völlig überbewertet»
«Das Alter wird im Anforderungsprofil völlig überbewertet»
< Zurück
Google+ facebook LinkedIn