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Auf der Suche nach der Poesie des Klangs

10.11.2016

Erst zum zweiten Mal stand die Bratsche im Mittelpunkt eines Lilienberg Rezitals. Sechs Jahre nach dem «deutschen Bratschenwunder» Nils Mönkemeyer sorgte am 8. November 2016 mit Barbara Buntrock eine der versiertesten Bratschistinnen der Gegenwart für ein volles Lilienberg Zentrum. Begleitet vom Pianisten Daniel Heide begeisterte die 34-jährige Deutsche mit Werken von Brahms, Enescu und Piazzolla.

Auf der Suche nach der Poesie des Klangs
Barbara Buntrock, am Klavier begleitet von Daniel Heide, erfreute das Lilienberg-Publikum mit einer glänzenden Virtuosität und einem satten Bratschenton.

Die Bratsche, auch Viola genannt, liegt mit ihrer Tonhöhe zwischen Geige und Cello. Sie klingt voll, weich aber auch dunkel. Mit der Bratsche wird ein Musiker fast nie berühmt; im Orchester fristen Bratschisten, im Gegensatz zu Geigern, oftmals nur ein Schattendasein. Eher selten kann man die Bratsche als Soloinstrument hören, denn sie ist ein Streichinstrument, das gerne in Vergessenheit gerät und die meiste Zeit im Hintergrund steht. Ein Bratschenspieler in der Rolle des Solisten – das gab’s bisher auch an einem Lilienberg-Konzert erst einmal – im November 2010, als Nils Mönkemeyer mit feurigem Temperament Werke von Brahms, Mozart und Schumann zelebrierte.

Was in der Bratsche steckt, zeigte nun am letzten Rezital im 2016 auch Barbara Buntrock. Gerade bei romantischen Werken wie jenen von Johannes Brahms konnte sie den sonoren und warmen Klang ihrer über 350 Jahre alten Bratsche wunderbar entfalten.

Zu den sonoren Klängen hingezogen

Die sonore und warme Klangfarbe der Bratsche ist es denn auch, was Barbara Buntrock an ihrem Instrument so fasziniert. Anders als bei der Violine gehe es bei der Bratsche weniger um Virtuosität, sondern mehr um die Gestaltung der Musik. «Irgendwie fühle ich mich zu den sonoren Tönen und Klangfarben hingezogen», sagt sie. Als Solistin könne sie sich zudem besser entfalten und ihre Persönlichkeit ins Spiel einbringen, kreativer sein als früher im Orchester, verriet sie im Gespräch mit Moderator Andreas Müller-Crepon.

Dass Barbara Buntrock eine Karriere mit einem Saiteninstrument hingelegt hat, erstaunt nicht: Ihr Vater ist Geigenbauer, ihre Mutter Cellistin. Wie fast alle Bratschistinnen spielte Barbara Buntrock als Kind Geige, wechselte dann aber als 19-Jährige, kurz vor dem Studium, zur Bratsche.

Zu Buntrocks Lieblingskomponisten zählt Johannes Brahms. Kein Wunder also, dass sie die Brahms-Sonate in Es-Dur op. 120 Nr. 2 ins Konzertprogramm aufnahm, ein Werk, das Brahms drei Jahre vor seinem Tod, in den Sommerferien 1894 in Bad Ischl schrieb, zu einem Zeitpunkt als er mit dem Komponieren eigentlich bereits abgeschlossen hatte - und zwar schrieb er sie zuerst für Klarinette. Die Sonate für Klarinette und Klavier, die 1895 mit Brahms am Klavier in Wien uraufgeführt wurde,  war damals eine völlig neue Gattung. Vielleicht, mutmasste Andreas Müller-Crepon, hatte der Komponist auch deshalb Alternativfassungen seines Alterswerks für Bratsche und Violine erstellt, um ihren Verwendungsbereich zu erweitern. Im allgemeinen Konzertbetrieb setzte sich letztlich – wohl aufgrund der nur sehr wenigen Werke für diese Besetzung – die Fassung für Bratsche durch.

Jedem Ton seine Bestimmung geben

Auf ihrer Website schreibt Barbara Buntrock: «Es ist eine Poesie des Klangs, die ich in meinen Konzerten suche: Jedem Ton seine Bestimmung zu verleihen, und einen Ausdruck zu finden, der das Publikum berühren kann.»  Das gelang der Künstlerin nicht nur in der Brahms-Sonate, sondern ebenso im «Konzertstück für Viola und Klavier», einer Komposition von George Enescu, dem wichtigsten rumänischen Komponisten der vergangenen 100 Jahre, die durch eine sinnliche Klangsprache besticht. Das Stück beginnt in tiefer, sonorer Lage, gefolgt von tänzelnden Figuren und meisterhaft dargebotenen Läufe über dem akzentuierten Klavierpart.

Ein Hörgenuss für das Publikum war schliesslich der «Grand Tango für Viola und Klavier» des Argentiniers Astor Piazzolla. Piazzolla, Begründer des Tango Nuevo, einer Gegenbewegung zum Tango Argentino, schuf in seiner Musik eine Synthese zwischen dem traditionellen Tango, klassischer Musik und Jazz.

Loblied im «Gramophone Magazin» 

Im renommierten «Gramophone Magazin»  wurde Barbara Buntrock kürzlich mit lobenden Worten bedacht. «Sie spielt jedes Werk mit einem anderen Ton, Farbe und Tiefe, die das meisterliche Können auf ihrem Instrument auf einer besonders intimen Ebene präsentiert.» Am Lilienberg Rezital ist ihr das, begleitet am Klavier von Daniel Heide, perfekt gelungen. Auch nach dem Zugabe-Stück des englischen Komponisten York Bowen, änderte sich nichts am Fazit: Barbara Buntrock brillierte von A bis Z mit einer glänzender Virtuosität und einem satten Bratschenton.

Lilienberg Rezital vom 8. November 2016 mit Barbara Buntrock (Viola) und Daniel Heide (Klavier);  Gastgeberin: Stiftung Lilienberg Unternehmerforum, vertreten durch Susanne Rau-Reist; Moderation: Andreas Müller-Crepon.

Die Künstler

Barbara Buntrock ist 1982 in Wuppertal geboren. Ihren ersten Violinunterricht erhielt sie als Fünfjährige. Sie absolvierte ihr Studium der Bratsche in Lübeck, Leipzig, Berlin und New York und wohnt heute in Berlin. Sie ist Preisträgerin diverser internationaler Musikwettbewerbe und trat mehrfach als Solistin auf, unter anderem mit dem Stuttgarter Kammerorchester, dem Sinfonieorchester Wuppertal und den Bochumer Symphonikern. Ab 2011 war sie Lehrbeauftragte für die Fächer Viola und Orchesterstudien an der Musikhochschule in Lübeck, seit Oktober 2015 lehrt sie als Professorin für Viola an der Robert Schumann-Hochschule Düsseldorf. Barbara Buntrock spielt eine der ältesten und wertvollsten Bratschen der Musikwelt, gebaut von Antonio Mariani und früher gespielt vom  legendären Bratschisten Lionel Tertis.

Daniel Heide kam 1976 in Weimar zur Welt; er begann seine pianistische Ausbildung im Alter von 5 Jahren. Schon während des Studiums richtete er seinen Fokus auf kammer- musikalisches Musizieren und das Begleiten von Sonaten- und Liederabenden. Es folgten Konzerte und Verpflichtungen zu Orchesterkonzerten, Sonaten- und Liederabenden in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Frankreich, Schottland, Italien, Spanien, Tschechien und Island. Die Arbeit mit Sängern nimmt in seiner Konzerttätigkeit einen besonderen Platz ein. Als Liedbegleiter widmet er sich seit 2011 in erster Linie der von ihm begründeten Reihe «Der lyrische Salon». Franz-Liszt-Preisträger Daniel Heide unterrichtet an den Hochschulen Berlin und Weimar Künstlerische Liedgestaltung, Kammermusik und Korrepetition.

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