«Zur Bewältigung komplexer Gefahren braucht es Akteure, die den Gesamtzusammenhang einer Multikrise verstehen»

Krisen und Konflikte, auch in Europa,  sind sehr oft komplex und umfassen meist eine Vielzahl von Bereichen. In der  Bewältigung von Krisenlagen und Katastrophen sind zahlreiche Institutionen und Organisationen auf allen Stufen involviert. An einem Lilienberg Forum erörterten Fachleute die Führung in Krisenlagen.

 Andreas Hess     09.03.2016

Der Lilienberg-Anlass «Führung in Krisenlagen» vom 24. Februar geht auf eine Initiative von Milizoffizieren aus dem Stab Operative Schulung (SCOS) zurück, wie Gesprächsleiter Christoph Vollenweider in seiner Einleitung sagte. «Der Lilienberg fördert das  Unternehmertum an sich und damit auch den Wirtschaftsstandort Schweiz.» Denn, so Vollenweider weiter, «ein wichtiger Pfeiler für den Wirtschaftsstandort Schweiz ist die Sicherheit.» Ohne Sicherheit gebe es keine Freiheit, ohne Freiheit kein Unternehmertum. Deshalb unterstütze Lilienberg Initiativen aus Kreisen der Milizoffiziere, welche die Sicherheit unseres Landes stärken und fördern, sagte Vollenweider. Heute müsse man wohl niemandem mehr klarmachen, dass wir in Europa vor einer schwierigen Situation stehen. Die Sicherheitsverbundsübung SVU 14 habe gezeigt, dass die Bewältigung von Krisenlagen sehr hohe Anforderungen stellt.

Trend zu Multikrisen klar erkennbar

Nicolas G. Mueller, Leiter der Krisenmanagement-Ausbildung des Bundes, ist zusammen mit seinem Team für die Krisenfrüherkennung zuständig. Er organisiert unter anderem die strategischen Führungsübungen des Bundes. Zu seinen Aufgaben gehört auch die Weiterentwicklung des Krisenmanagements. «Heute ist ein Trend zu komplexen Multikrisen klar erkennbar», sagte Mueller. «Wir brauchen vor allem Leute, die den Gesamtzusammenhang einer solchen Krise verstehen», führte er aus. Dies bedeute, dass die Zusammenarbeit mit verschiedensten Partnern geübt werden muss.

Neue Ansätze beim Krisenmanagement

Der Bund verfolgt neue Ansätze beim Krisenmanagement, sagte Mueller weiter. Die neu gebildete Rapid Reflection Force ist eine heterogene Zelle, bestehend aus fünf bis zehn Personen mit «Out-of-the-Box-Denken». Sie befasst sich mit der strategischen Problemerfassung und den Optionen einer Krise. Fragestellungen wie «Welche Akteure und Stakeholder sind involviert, wer hat welche Interessen?», «Was sind die kurz, - mittel- und langfristigen Optionen?» oder «Wie und was wird kommuniziert, was sind die Kernbotschaften?» stehen für diese Gruppe im Zentrum.

Erfassung globaler Trends

Mit der Krisenfrüherkennung des Bundes werden globale Trends mit strategischem Krisenpotenzial analysiert und mögliche Szenarien erfasst. Der Krisenstab des Bundespräsidenten wurde in der strategischen Führungsübung SFU 13 ein erstes Mal getestet. Die Führung des Stabes liegt beim Bundespräsidenten. Alle Generalsekretariate der Departemente sowie die Kantone sind vertreten. Dieser Stab ist für die strategische Koordination verantwortlich. Mit dem nationalen Management von Multikrisen strebt der Bund die Klärung der Zusammenarbeit der einzelnen Bundesstäbe sowie der Kantone und der Privatwirtschaft an.

Erfordernisse des Bundes

André Duvillard, Delegierter des Sicherheitsverbundes Schweiz (SVS), zeigte auf, weshalb es eine starke und gemeinsame Schulung im strategischen und operativen Bereich braucht. «Der Föderalismus hat den grossen Nachteil, dass im Bereich der Inneren Sicherheit gesamtschweizerisch nicht einheitlich agiert wird», zitierte er den Bericht USIS I 2005 und wies darauf hin, dass diese Aussage auch heute noch eine gewisse Aktualität habe.

«Dies ist ein Grund, weshalb wir eine gemeinsame Operative Schulung brauchen», sagte Duvillard. Die Diskussionen über die Innere Sicherheit, die Zuständigkeiten und die Rollenverteilung seien fast so alt wie der Bund selber. Im Sicherheitspolitischen Bericht 2010 versuchte man die sicherheitspolitischen Instrumente zu benennen und aufzulisten. Diese wurden letztendlich im Gremium Sicherheitsverbund Schweiz (SVS) zusammengefasst. Der SVS ist einfach strukturiert mit einer strategischen und einer operativen Ebene.

Bis 1997 führte die Schweiz unter Führung der Armee regelmässig Gesamtverteidigungsübungen durch. Von der letzten Gesamtverteidigungsübung bis zur Sicherheitsverbundsübung SVU 14 sind somit 17 Jahre vergangen. Duvillard: «Es war nicht einfach, die zuständigen Personen in den Kantonen für die SVU 14 zu überzeugen.» Insgesamt machten 25 Kantone, 11 grosse Städte, der Bund, Institutionen wie die Armee, Polizei und Dritte an der SVU 14 mit. Duvillard stuft die Übung als Erfolg ein.

Bedarf an strategischer Schulung

Duvillard nannte die Gründe für den Bedarf an strategischer Schulung: Es brauche die Zusammenarbeit aller Akteure bei der Bewältigung komplexer Gefahren und Krisen. Die Bewältigung von Extremsituationen müsse insbesondere auf strategischer und operativer Ebene geschult und gemeinsam geübt werden, so Duvillard. Der Bund plant in den nächsten Jahren weitere grosse Übungen. Diese benötigen Ressourcen und Know-how. Zudem gibt es immer weniger Leute, die über militärisches Know-how verfügen. In gemeinsamen Übungen sind Prozesse und Aufgaben sowie die Zusammenarbeit zwischen zivilen und militärischen Stellen zu schulen.

Auf Stufe Kantone haben die verschiedenen Polizeikorps grosse Fortschritte in der Zusammenarbeit gemacht. So wurden politische Plattformen, Konkordate oder ein Nationaler Polizeiführungsstab geschaffen. Auf Stufe Bund gibt es den Stab ABCN und verschiedene Bundesstäbe mit unterschiedlichen Zuständigkeiten.

Die Rolle der Armee

Aus persönlicher Sicht legte Martin von Orelli, Divisionär aD, die Rolle der Armee dar. Die Armee ist das wichtigste Mittel des Bundes bei der Krisenbewältigung, sagte von Orelli einleitend. Je mehr eine Krise machtpolitisch eskaliere, umso wichtiger werde der Beitrag der Armee. «Heute geht es darum, wie die Schulung auf der strategischen Ebene sichergestellt werden kann und wer den Lead dazu hat», so von Orelli.

1974 wurde der Stab Operative Schulung (SCOS) geschaffen. Es wurde damals rasch erkannt, dass eine systematische Schulung bis auf Stufe Landesregierung unabdingbar ist. Dank der Milizarmee verfügte man damals und verfügt auch heute noch über das notwendige, qualifizierte Personal.

Schulung unerlässlich

«Eine Schulung bis auf Stufe Bundesrat ist für die Führung in Krisenlagen unerlässlich», führte von Orelli weiter aus. Die zivilen Behörden seien gewillt, die Führung zu übernehmen, jedoch seien deren Mittel höchst bescheiden. Von Orelli wies darauf hin, dass die Armee mit dem SCOS über die zur Schulung notwendigen Mittel verfüge.  In  der Regel sei in der Armee der Wille, sich selber zu beüben ausgeprägter als in den zivilen Departementen, sagte von Orelli aus eigenen Erfahrungen.

Die Forderung nach einem SCOS habe etwas für sich, denn er konzentriere sich auf die operative und militärstrategische Ebene. Möchte man auf einen Stab SCOS verzichten, könnte der Eindruck entstehen, dass das oberste Gremium Querdenker fürchtet, was schade wäre, meinte von Orelli. Er wies darauf hin, dass im Rahmen des Projekts Weiterentwicklung der Armee (WEA) der SCOS als eigenständige Funktion in Kombination mit der Funktion des Stellvertreters des Chefs der  Armee direkt dem CdA zugeordnet ist.

Zielgerichtet schulen

Nur zusammen mit zivilen Stellen in Bund und Kantonen werde es laut von Orelli möglich sein, zielgerichtet Schulungen anbieten zu können. Voraussetzung sei, dass sich zivile und militärische Stellen schulen lassen. Die Forderung, dass der SCOS wieder ein Zweisterne-General sein soll, sei eine Möglichkeit. Wichtig aber sei, dass sich die Armeeführung im Klaren ist, was sie von der Funktion erwarte. Die Armeeführung müsse eine langfristige Schulungsagenda führen, mit allen Konsequenzen, die auch Auswirkungen auf das Tagesgeschäft haben könne. Die Beübten müssen bereit sein, dass die Übungsleitung Klartext spricht und dies müsse auch so akzeptiert werden. «Augenwischerei bringt uns nicht vorwärts», sagte von Orelli.

75. Lilienberg Forum vom 24. Februar 2016 «Die Führung in Krisenlagen muss geschult und eingeübt werden» mit Nicolas G. Mueller, Leiter Krisenmanagement-Ausbildung des Bundes, Bundeskanzlei, André Duvillard, Delegierter für den Sicherheitsverbund Schweiz, und Dr.  Martin von Orelli, Divisionär aD; Moderation: Christoph Vollenweider, Leiter Unternehmertum; Zusammenfassung: Andreas Hess, Fachoffizier und Redaktor «Schweizer Soldat».

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