Von einer gemeinsamen Stossrichtung weit entfernt

«Politische Werte und Weltanschauungen sind so verschieden, dass die Findung in der Bildung ein ständiger Prozess ist», lautet das Fazit von Moderator Dr. Heinz Bachmann zum Zyklus «Volksschule der Zukunft; Alle wissen es besser – gibt es trotzdem einen Konsens?». Die Politiker auf dem Lilienberg waren sich nur schon darüber uneinig, ob die Schule überhaupt in einer Krise steckt.

 Bruno Fuchs     09.11.2014

Das Thema Bildung ist eine Herausforderung. Lehrpersonen, Eltern, Politiker und Stimmbürger haben eine Sicht der Volksschule und meinen, sie wüssten es besser als andere Personen, wie die Schule von morgen aussehen soll. Wo sind Differenzen der Interessensgruppen? Gibt es gar einen gemeinsamen Nenner in der Bildungsfrage? Nachdem an den bisherigen Veranstaltungen des Zyklus 2014 im Aktionsfeld Bildung Personen aus der Bildung, Schüler und Studenten ihre Sicht dargestellt hatten, kamen im letzten Teil drei Politikerinnen zu Wort, die ihre Haltung und diejenige ihrer Partei vortrugen.

Die Thurgauer SVP-Nationalrätin Verena Herzog zeichnete ein düsteres Bild der Volksschule. Sie fragte sich: «Wie lange gehört unsere Schulbildung noch zu den besten der Welt?» Der Lehrplan 21 sei untauglich. Anstatt klarer Lernziele beinhalte der Lehrplan 21 mit dem Konstruktivismus eine weitere unsägliche Reform, welche die Kinder erneut als Versuchskaninchen missbrauche. Seit Jahren beklagten sich Lehrmeister und weiterführende Schulen über mangelnde Grundlagen der Lernenden in Deutsch und Mathematik. Beinahe jeder dritte Schüler braucht Zusatzstunden, und die Lehrpersonen laufen gesundheitlich am Limit, meinte Herzog. So könne es nicht weitergehen, sagte sich die SVP und verfasste in überparteilichen Fachgruppen mit Vertretern aus der Bildung und dem Gewerbe verschiedene Grundsatzpapiere zur Bildung und als Alternative zum Lehrplan 21 einen eigenen, 97 Seiten umfassenden Lehrplan.

Laut der Schweizerischen Volkspartei spielt die Lehrperson eine zentrale Rolle, die wieder gestärkt werden müsse. Übergeordnetes Bildungsziel der Volksschule sei, die Kinder und Jugendlichen entsprechend ihrer Entwicklungsstufe bestmöglich auf das Leben und auf die Berufswelt vorzubereiten. Dazu gehöre nebst der Freude an Leistung, Wissen und Können auch die Wertevermittlung. Die Vorbildfunktion der Eltern und Lehrpersonen sei matchentscheidend.

Auf Primarschulstufe sei vor allem ein gutes Fundament in Deutsch und der Mathematik zu erarbeiten.In den unteren Klassen spiele zudem die Grobmotorik, Bewegung und Koordination des Kindes eine wichtige Rolle. In der Mittelstufe gehe es ums Forschen, Erleben der Natur  und das Wecken der Freude an den Naturwissenschaften.  Fremdsprachen und komplexere Mathematik könnten auf der Oberstufe, da von Beginn weg in Niveaus gearbeitet werde, effizienter unterrichtet werden.  Nebst den rein kognitiven Fähigkeiten müssten mit Blick auf unser erfolgreiches, duales Berufsbildungsmodell in der Volksschule auch wieder vermehrt die Freude an exakter Arbeit und an handwerklichen Fertigkeiten vermittelt werden.

Schule kann nicht Defizite der Gesellschaft ausbügeln

Tanja Kroha von der FDP Thurgau beurteilt die Schule ganz anders. Sie zeichnete ein positives Bild der Volksschule. «Die FDP will nicht schwarz malen. Sie macht sich ein Bild darüber, was im Bildungsbereich gut läuft und setzt dort an», sagte die Politikerin. Sie erwähnte die 35 Nobelpreise, mit denen Schweizer bislang ausgezeichnet worden waren, und die Spitzenplätze, welche die Schweizer Jugend regelmässig an internationalen Bildungswettkämpfen belegt. Diese Erfolge belegen gemäss Kroha, dass die Schweizer Bildung gemessen an der Bevölkerungszahl ausserordentlich gut ist.

Laut der FDP müssen eine breite Grundausbildung und das duale Bildungssystem gestärkt werden. Eine Spezialisierung in der Sekundarschule, etwa auf die Informatik führe hingegen in eine Sackgasse. Der im Publikum anwesende Thurgauer FDP Kantonsrat Hermann Hess unterstützte die Referentin im Anliegen, dass die Lehrpersonen beispielsweise in der Administration entlastet werden müssten um sich vermehrt auf die Stoffvermittlung konzentrieren zu können. Er ging sogar einen Schritt weiter und sagte: «Die Löhne müssen erhöht werden.» Hingegen könne die Schule nicht die Defizite der Gesellschaft ausbügeln, wie das immer wieder gefordert wird, sind sich die beiden FDP Politiker einig.

SP fordert Höchstleistung an den Schulen

Dr. phil. Pia Holenstein Weidmann, ehemalige Kantonsrätin der SP Zürich, musste kurzfristig die Veranstaltung auf dem Lilienberg absagen. Co-Moderator Prof. Heinrich Wirth stellte die Sichtweise der SP Politikerin an der Tagung dar. Gemäss der Universitätsdozentin darf die Volksschule etwas kosten. Sie soll höchsten Ansprüchen genügen, die Basis für spätere Höchstleistungen auf dem internationalen Bildungsterrain legen und gleichzeitig den Benachteiligten bestmögliche Förderung garantieren.

Die SP ist stolz auf eine «ausgezeichnete, öffentliche und unentgeltliche Schule», die alle Kinder ausbilden kann. Davon will sie unter keinen Umständen abweichen, auch wenn die Schule oft als Baustelle bezeichnet wird. Es sei Augenwischerei, wenn man sage, man wolle wieder Ruhe in der Bildung haben und zu traditionellen Werten zurückkehren. Vermehrt muss die Schule als Lebensraum gewichtet werden, in dem die Kinder und Jugendlichen viele Jahre verbringen werden. Zu den Förder- und Therapiekosten liess die SP Politikerin ausrichten: Es liege auf der Hand, dass sich gerade diese Kosten volkswirtschaftlich auszahlen, weil es dadurch möglich sei, dass alle Menschen befriedigende Tätigkeiten finden würden.

In der Diskussion ging es immer wieder darum, ob die Schule in einer Krise stecke. Gemäss Heinrich Wirth waren es vor 20 bis 25 Jahren 80 bis 85 Prozent der Jugendlichen, die eine Berufslehre oder eine Mittelschule abschlossen. Vor rund 10 Jahren kletterte dieser Abschluss auf 90 Prozent und heute liegt er bei 95 Prozent. Das zeigt, wie erfolgreich das Schweizer Bildungssystem ist. Heinz Bachmann meinte, dass es nun einen enormen Aufwand brauche – auch finanziell – um die Bildung zu verbessern.

Gibt es nach den auf Lilienberg geführten Diskussionen zur Volksschule der Zukunft einen Konsens? Bachmann: «Es gibt keine abschliessenden Lösungen. Politische Werte und Weltanschauungen sind so verschieden, dass die Findung ein ständiger Prozess ist.»

Zyklus «Volksschule der Zukunft: Alle wissen es besser - gibt es trotzdem einen Konsens?»; Lilienberg Tagung vom 3. November 2014, «Was erwarten die Parteien von der Volksschule?», mit Nationalrätin Verena Herzog, SVP, Frauenfeld, Tanja Kroha, FDP Thurgau, Weinfelden, und Dr. Pia Holenstein Weidmann, SP Zürich, Affoltern am Albis; Moderation: Dr. Heinz Bachmann und Prof. Heinrich Wirth (Aktionsfeld Bildung & Sport); Zusammenfassung: Bruno Fuchs.

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