Nie zweimal dasselbe!

«Vom Schreiben leben zu können, ist eine Ausnahme»

146. Lilienberg Gespräch mit Charles Lewinsky, Schriftsteller und Drehbuchautor

Charles Lewinsky las für einmal nicht aus seinen Büchern, sondern stellte sich offen und mit Humor den Fragen von Christoph Vollenweider zu seiner Arbeit als Autor, zu seinen Erfolgserlebnissen –  aber auch zu politischen Themen.

 Karin Hobi     30.11.2016

Der 70-jährige Autor Charles Lewinsky lebt einen Grossteil des Jahres in einem «winzigen Dorf in Frankreich», wie er es nennt, wo er sich in Ruhe seinen Schreibarbeiten widmen kann. Er macht ungern das Gleiche ein zweites Mal und versucht sich immer wieder aufs Neue in noch nicht verwendeten Schreibformen. «Um keine Langeweile aufkommen zu lassen», sagte er.

Unterhalten – mit Erfolg

Lewinsky war viele Jahre als Regisseur in Deutschland tätig. Seine Kinder sollten jedoch Schweizerdeutsch lernen. So kehrte die Familie in die Schweiz zurück. Der Autor unterzeichnete einen Vertrag beim Schweizer Fernsehen, wo er aufgrund einer Reorganisation nicht wie erwartet in der Sparte «Theater und Unterhaltung» untergebracht wurde, sondern in der Abteilung «Unterhaltung». «Das war ein Kulturschock», erzählte er, «aber wenn schon unterhalten, dann erfolgreich.» Gesagt, getan. Mitte der Neunziger Jahre landete er als Autor der Sitcom «Fascht e Familie» einen Volltreffer. Sein zweiter grosser Erfolg. Berühmt wurde er nämlich bereits 1987, als Maja Brunner mit dem von ihm geschriebenen Text zum Lied «Das chunnt eus spanisch vor» den Grand Prix der Volksmusik gewann. «In der Schweiz wird man relativ schnell berühmt», erzählte Lewinsky, der als Volksmusikfachmann bezeichnet wird, schmunzelnd. «Lieder dieser Art kann man an einem Nachmittag ein halbes Dutzend schreiben. Das ist wirklich nicht schwierig.»

Handwerk und Disziplin

Als Zehnjähriger wagte sich Lewinsky an seinen ersten Roman. Und zwar auf Grossvaters alter Schreibmaschine. «Nach drei Seiten fiel mir nichts mehr ein», erzählte er lachend. «Bücher schreiben ist richtig schön schwer», so Lewinsky. Ideen zu haben, sei nicht schwierig, aber daraus etwas zu machen, brauche Handwerk, Disziplin und viel Recherchearbeit. Sein Erfolgsgeheimnis? «Sich beim Schreiben nicht ablenken lassen.» Zeitaufwändig sei auch, die passende Form für eine Geschichte zu finden. Autoren wie Thomas Mann erkenne man nach drei Sätzen. Er selber zählt sich aber zu jener Sorte Autor, die für jede Geschichte einen anderen Stil brauchen. Dafür wird ihm am Schluss einer Geschichte aber jedes Mal klar, dass er unbewusst wieder beim gleichen Thema gelandet ist. Beim Aufzeigen des Unterschieds nämlich, wie jemand ist und wie er von aussen wahrgenommen wird.

«Ich schreibe über das, was ich kenne»

1984 wurde sein erster Roman veröffentlicht. Mit «Hitler auf dem Rütli» wagten er und Doris Morf sich an das Thema «Wie wäre es gewesen, wenn die Deutschen Anfang 1949 in die Schweiz einmarschiert wären?». Auch in Lewinskys darauffolgenden Büchern findet der Leser geschichtliche Hintergründe. In Büchern der neueren Zeit vor allem über die Juden und die Verbrechen des Zweiten Weltkriegs. «Man soll ja schliesslich über das schreiben, was man kennt.» Lewinsky ist in einer schweizerisch-jüdischen Familie aufgewachsen. Sein bekanntester Roman «Melnitz», eine fiktive Geschichte über die Familie Meijer zwischen 1871 und 1945, spiegle aber nicht seine eigene Herkunftsfamilie. «Die Figuren sind alle frei erfunden», sagte er. Die Frage, ob er denke, dass in der Schweiz auch heute noch grosse Vorbehalte den Juden gegenüber existierten, bejahte er und fügte an: «Einer meiner Cousins hat mir einmal erklärt, dass sich Juden bereits in anderen Völkern aufgelöst hätten, würde sie der Antisemitismus nicht am Leben erhalten. Ich glaube, da ist etwas dran.»

Der Autor als Politiker

Charles Lewinsky, Mitglied der SP, äussert seine Meinung über die Schweizer Politik regelmässig in der Öffentlichkeit und wagte es kürzlich sogar, sie als ungeheuer langweilig zu bezeichnen. «Ich finde die Langeweile der Schweizer Politik eine der positivsten Eigenschaften. Interessante Zeiten sind selten gut für die Menschen», erklärte er seine Aussage. Auch zu den Zielen der SP nahm Lewinsky Stellung: «Die vor 50 Jahren gesetzten Ziele sind heute alle erreicht. Und jetzt ist aus der Zeit der Veränderung eine Zeit der Bewahrung geworden.» Damit habe die SP einen etwas sehr konservativen Standpunkt eingenommen, was kein Rezept auf Dauer sei. «Unsere Probleme drehen sich nicht um Themen wie die Veränderung der Anzahl Arbeitsstunden pro Woche. Wir verschliessen die Augen vor den wichtigen Problemen, die keinen Bogen um die Schweiz machen werden.»

Lewinsky beunruhigt in politischen Angelegenheiten auch, dass anstelle des vernünftigen Wortes oft das Schlagfertige gewinnt, da die Zeit fehlt, ein Problem in den Medien ausführlich zu erklären. «Von Bedeutung sind vor allem die Sensations-Meldungen», so Lewinsky, «das kurze Argument ist zwar wirkungsvoll, aber meistens falsch.» Was ihn ebenfalls sehr nachdenklich stimme, sei der einseitige Bezug von Informationen, in denen nur die eigene Meinung bestätigt werde. «Dies gibt kein umfassendes Weltbild mehr», erklärte er.

Niemanden imitieren

Sein in diesem Jahr erschienenes Werk «Anderson» war für den Schweizer Buchpreis nominiert. «Für viele Schriftsteller sind Buchpreise lebenswichtig. Gerade in der Schweiz, wo das Lesepublikum sehr klein ist», erklärte er. «Würde die Auszahlung mit der Arbeitszeit verglichen werden, würde der Autor feststellen, dass er für einen solchen Monatslohn nicht einmal eine illegale Putzfrau bekäme.» Vom Schreiben leben zu können, sei die ganz grosse Ausnahme. Ob er einen anderen Autor als Vorbild habe, wurde er von einem Gast gefragt. Nein, das habe er nicht. «Ich bewundere andere Autoren. Aber ich versuche niemanden zu imitieren», erklärte Lewinsky, dessen nächster Roman schon bald erscheinen wird. Ein Schweiz-kritischer Kriminalroman und damit wiederum eine neue Schreibform für den erfolgreichen Autor. Damit es ihm nicht langweilig werde, so Lewinsky.

146. Lilienberg Gespräch vom 22. November 2016 mit Charles Lewinsky, Schriftsteller und Drehbuchautor; Moderation: Christoph Vollenweider, Leiter Unternehemrtum; Zusammenfassung: Karin Hobi-Pertl.

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