Mit Vorbildfunktion die Wertekrise überwinden

Der langfristige Erfolg einer Firma und positive Werte sind eng miteinander verbunden. Das bestätigte der Abschluss der Gesprächsreihe über die Wertediskussion in der Wirtschaft. Die Podiumsteilnehmer gingen auch der Frage nach, was ein angemessener Gewinn ist, und wie weit sich Unternehmer in der Öffentlichkeit engagieren sollen.

 Bruno Fuchs     21.04.2015

Es gibt sie, die Abzocker, aber nur vereinzelt und vor allem bei Grossbanken und Rohstoffkonzernen. Diese prägen mit ihren Lohn- und Boni-Exzessen seit Jahren das Bild in der Öffentlichkeit, dass Unternehmer per se Abzocker sind. An vier Kolloquien haben die Verantwortlichen des Lilienberg Unternehmerforums und der Paulus Akademie in Zürich acht Unternehmer auf ihre persönlichen Werte hin befragt. Es zeigte sich, dass es nicht einen Typus von Unternehmer gibt, sondern dass jeder entsprechend seiner Persönlichkeit und seinem Hintergrund eine Firma führt, positive Werte lebt und diese dem Kader und den Mitarbeitenden vermittelt. Fazit des Schlussanlasses «Die Leistungen der Unternehmen für die Gesellschaft – raus aus der Wertekrise» an der Paulus Akademie: Der Erfolg einer Firma ist eng mit positiven Werten verbunden.

Christof Domeisen, CEO von Angst + Pfister, definierte den Begriff Erfolg nicht etwa damit, welchen Gewinn eine Firma abwirft, sondern welchen Beitrag sie für die Gesellschaft leistet. Innenwahrnehmung von Mitarbeitern als auch Aussenwahrnehmung von Kunden sowie Lieferanten sind für den CEO der Spiegel für positiv gelebte Werte. Einer, der diese Werte beobachtet, ist Hansjörg Schmid, Mitglied der Geschäftsleitung «Angestellte Schweiz». Wie nachhaltig Werte gelebt werden, habe der Frankenschock gezeigt. Firmen hätten unterschiedlich rasch auf dieses Problem reagiert, indem sie die Arbeitszeit erhöhten oder Löhne senkten. Ein Teilnehmer der Veranstaltung fügte an, dass in schwierigen Zeiten Transparenz gefragt sei. Da müsse die Firmenleitung ein positives Vorbild sein, das sich auf die übrigen Mitarbeiter überträgt. Harte Entscheide würden auf diese Weise besser verstanden, meinte er.

Unternehmer stossen an ihre Grenzen

Die Vorbildfunktion der Firmenleitung beschränkt sich nicht nur auf die Mitarbeiter. Sie kann auch auf die Gesellschaft ausgedehnt werden, und in diesem Zusammenhang stellt sich die Frage: Wieweit soll und kann sich ein Unternehmer für Politik, Kultur und Gesellschaft engagieren? Schmid begrüsst jedes Engagement und ist überzeugt, dass Unternehmer vermehrt ihre Sicht in der Politik einbringen müssten. Dieser Meinung ist auch Domeisen: «Jeder Mensch hat eine gesellschaftliche Verantwortung.» Er dämpfte aber zugleich die Erwartungen und meinte: «Für einen Unternehmer ist es extrem schwierig, sich neben der Betriebsführung noch anderweitig zu engagieren.»

Christof Domeisen sieht seinen Beitrag für die Gesellschaft, indem er Arbeitsplätze schafft. Heute sei es in der Schweiz für Arbeitnehmer selbstverständlich geworden, dass sie Arbeit haben, sagte er. Die Arbeit sei mit den tiefen Zahlen der Arbeitslosen zu einem Gewohnheitsrecht geworden. Die Arbeitnehmer drückten schneller aus, wenn ihnen etwas nicht passe. Sein Stolz bestehe darin, dass er 2000 Leute in seinem Betrieb beschäftigen könne.

Prof. Dr. Stefan Grotefeld von der Evangelisch-reformierten Landeskirche des Kantons Zürich stimmte dem Begriff des Gewohnheitsrechts für Arbeit nicht zu. «Die Menschen haben in den vergangenen Jahren vermehrt Angst um ihren Arbeitsplatz.» Diese Sicht teilte Hansjörg Schmid und präzisierte, dass die Arbeitnehmer seit Januar 2015 stärker um ihre Arbeit bangen. Unternehmen würden schneller zu Ungunsten der Angestellten auf einen schlechten Geschäftsgang reagieren. Dieser negative Trend färbe auf andere Unternehmen ab und mache Schule.

Angemessene Gewinne und Nachhaltigkeit

Unternehmer sind sich einig, dass Medien vor allem Negativmeldungen aufnehmen und über diese berichten. So festigt sich das Bild in der Öffentlichkeit, Unternehmer hätten nur sich und den Gewinn im Auge und nicht das Gemeinwohl. In diesem Zusammenhang stellte sich für Moderator Christoph Vollenweider die Frage: Was ist ein angemessener Gewinn?

Schmid antwortete, es komme nicht nur auf die Höhe des Gewinns an, sondern wie das Verhältnis zwischen Gewinn und Löhnen sei. Es spiele auch eine Rolle, ob der Gewinn ins Unternehmen reinvestiert würde oder an Aktionäre weitergegeben würde. Gehe der Gewinn nur in die Tasche des Unternehmers, sei dies für die Öffentlichkeit nicht nachvollziehbar.

Ähnlich argumentierte Grotefeld. Er appellierte an Fairplay: «Ein Gewinn muss an alle weitergegeben werden, die daran beteiligt waren.» Domeisen fügte an, ein Unternehmer müsse bezüglich dem Gewinn auch an die Nachhaltigkeit und schlechte Geschäftsgänge denken. Konkret sagte er zu angemessenen Gewinnen: «Es ist nicht okay, wenn eine Führungskraft jährlich mehr als eine Million einsteckt.»      

Die Podiumsteilnehmer

Christof Domeisen ist seit 2005 CEO der Angst + Pfister Group. Das Unternehmen entwickelt und produziert in 15 Länder technische Komponenten und liefert diese in über 50 Länder zu seinen Kunden. Als Ökonom arbeitete er über 12 Jahre bei NCR/AT&T in der Schweiz und den USA. Domeisen ist Präsident des Industrie Verbandes Zürich.

Hansjörg Schmid ist Mitglied der Geschäftsleitung beim Verband Angestellte Schweiz und dort verantwortlich für die Kommunikation. Seit 2001 sitzt er für die SP im Gemeindeparlament Wädenswil, wo er sich hauptsächlich für bezahlbares Wohnen einsetzt.

Stefan Grotefeld ist Theologe und arbeitet seit 2008 bei der Fachstelle für Gesellschaft und Ethik der reformierten Landeskirche des Kantons Zürich. Dort ist er für den Bereich Wirtschafts- und Unternehmensethik sowie Wirtschaftsfragen zuständig. 

Zyklus  «Die Leistungen der Unternehmer für die Gesellschaft – raus aus der Wertekrise»; Ausserordentliches Gespräch vom 15. April 2015, «Die Leistungen der Unternehmer für due Gesellschaft – Doch warum wird das zu wenig erkannt?», mit Christof Domeisen, CEO Angst + Pfister, Zürich, Hansjörg Schmid, Mitglied der Geschäftsleitung «Angestellte Schweiz», und Prof. Dr. Stefan Grotefeld, Evangelisch-reformierte Landeskirche des Kantons Zürich; Moderation: Christoph Vollenweider, Leiter Unternehmertum; Zusammenfassung: Bruno Fuchs.

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