«Mit Teamwork, Kundennähe und nachhaltigem Wirtschaften zum langfristigen Erfolg»

137. Lilienberg Gespräch mit Martin Senn, CEO Zurich Versicherungskonzern

Martin Senn steht seit sechs Jahren als CEO an der Spitze des Zurich Versicherungskonzerns. Zuvor war der 57-Jährige in der gleichen Unternehmung Chief Investment Officer und Mitglied der Geschäftsleitung. Mitte Oktober stellte sich Senn auf Lilienberg den Fragen von Moderator Christoph Vollenweider und gewährte dem Publikum einen Einblick in sein Arbeits- und Privatleben. Unter den interessierten Zuhörern waren auch Schülerinnen und Schüler des Ellenrieder Gymnasiums in Konstanz.

 Karin Hobi     28.10.2015

Zu Beginn der Veranstaltung wollte der Gesprächsleiter von Martin Senn wissen, wie er die Chance für Schweizer Führungskräfte beurteile, Chef eines internationalen Konzerns zu werden. Dass die Schweizer an der Spitze von Grossunternehmen aussterben, glaubt Senn nicht. «Aber es ist schon so, dass bei einer Nachfolgelösung bei der Zurich, bei der nur zehn Prozent des Personals in der Schweiz tätig sind, alle Mitarbeitenden weltweit berücksichtigt werden», ergänzte er.

Bienen und Basler Fasnacht

Der gebürtige Basler ist in eher einfachen Verhältnissen aufgewachsen. Sein Vater war Mechaniker und Bienenzüchter. Mit ihm verbrachte Martin Senn an den Wochenenden viel Zeit in den Bienenhäusern. Auch an der Basler Fasnacht kam er nicht vorbei. «Es steht noch heute auf meiner Wunschliste, die ganze Zurich-Konzernleitung an den Morgenstreich zu bringen», erzählte er schmunzelnd.

1980 ging Senn nach New York. Nach einem Zwischenjahr in Basel zog er weiter nach Hong Kong, wo er seine Frau, eine Koreanerin, kennen lernte. «Ja, mit Asien bin ich gut vertraut», erzählte er. Beeindruckt habe ihn die starke Beziehungsorientierung der Asiaten. «Auf meiner ersten Geschäftsreise nach China lernte ich, dass dort zuerst ein Vertrauensverhältnis aufgebaut werden muss», erzählte Senn.

Korea, einst völlig zerstört, ist heute eine der grössten Industrienationen der Welt. Aus Bauerndörfern wurden Millionenstädte. «Die Koreaner konnten sich mit ihrem Fleiss aus einer grossen Notsituation befreien und haben in kürzester Zeit sehr viel erreicht», erklärte Senn. «Firmen wie Samsung sind heute globale Weltmarken.» Senn erzählte, dass während der Finanzkrise in Asien auch Korea hoch verschuldet war und der Währungsfonds eingreifen musste. Die koreanische Regierung habe die Bevölkerung zu Spenden aufgerufen, um die Schulden des Landes abzubauen. «In vielen Ländern würde dies wohl nicht zum Erfolg führen», vermutet er, «doch die Koreaner haben sogar die Goldringe ihrer Kinder eingeschickt, die diese traditionsgemäss zum ersten Geburtstag erhalten.» Neben grossem Fleiss herrsche in diesem Land auch eine grosse Solidarität.

Die Schweiz im globalen Wettbewerb

«Ja, auch wir Schweizer sind fleissige Menschen», sagte Senn. Weitere Stärken im globalen Wettbewerb seien die Stabilität in der Schweiz, die Arbeitsmarktbedingungen und die Verfügbarkeit von guten Arbeitskräften. «Zudem haben wir ein gutes Bildungssystem und im internationalen Vergleich ein stabiles politisches Umfeld.»

Auf die Frage eines Teilnehmers, ob die Zurich auch vom Ausland aus geleitet werden könne, antwortete Senn, dass die Verlegung des Konzerns in ein anderes Land zwar praktisch möglich wäre, er diese Variante aber noch nie in Erwägung gezogen habe. «Das wäre dramatisch und politisch gesehen gäbe das einen Aufruhr. Wäre der Standort Schweiz aber existenzbedrohend, bestünde natürlich keine Wahl», fügte er an.

Führung durch Menschen

Vor zwei Jahren steckte die Zurich in Schwierigkeiten personeller Natur. Der Suizid des Finanzchefs warf viele Fragen auf. «In dieser Situation lernte ich, dass nicht alle Fragen beantwortet werden können», erzählte er.

Auch der Rückzug der Offerte für die Übernahme des britischen Schadenversicherers RSA kurz vor dem Abschluss sorgte für Schlagzeilen in den Medien. «Der Grund für den Rückzug war, dass wir zuerst im eigenen Haus aufräumen und Schwachstellen ausmerzen mussten», so Senn. «Mit der diesjährigen Leistung der Zurich bin ich nicht zufrieden. Wir sind daran, verschiedene Massnahmen beschleunigt umzusetzen.» Die Zurich habe während ihres 143-jährigen Bestehens nicht zum ersten Mal ein schlechtes Quartal geschrieben. Aber die langfristigen Aussichten seien immer gut gewesen. Auch heute.

Die Zurich ist der grösste Versicherungskonzern der Schweiz und gehört global zu den fünf grossen Playern. Mit 55‘000 Mitarbeitenden in 170 Ländern erzielt sie einen Umsatz von rund 70 Milliarden Franken. Senn ist überzeugt, dass ein so grosser Konzern mit so komplexen Strukturen geführt werden kann. «Ein Konzern wird aber nicht durch Strukturen geführt, sondern durch Menschen», ergänzte er. Mit Teamwork, Kundennähe und nachhaltigem Wirtschaften ergäbe sich ein langfristiger Erfolg. «Und daran sollen sich alle unsere Mitarbeitenden halten», erklärte er. «Aber natürlich ist nichts und niemand auf dieser Welt perfekt.»

Mit Ehrlichkeit Ärger ersparen

Martin Senn wurde von einem Gast nach seiner Work-Life-Balance gefragt. «Ich bin ehrlich gesagt nicht immer in einer Balance», gestand er. Das Unternehmen habe für ihn gezwungenermassen einen überproportionalen Stellenwert. Dafür brauche es ein verständnisvolles Umfeld, um nicht unter Druck zu sein, allem gerecht werden zu müssen. «Wichtig ist, alle Meinungen einzubeziehen, fair zu sein und das zu tun, was man sagt. Im Wissen, es nicht allen recht machen zu können und dies selbst zu akzeptieren.»

Unter den über 50 Gästen waren auch Schülerinnen und Schüler des Ellenrieder Gymnasiums in Konstanz, was Martin Senn sehr freute. Er gab den jungen Menschen mit auf den Weg, immer offen und ehrlich zu sein. Um sich damit viel Ärger zu ersparen. «Wer eine Karriere anstrebt, befindet sich unter einem Mikroskop. Alleine das Smartphone ist ein Röntgenapparat, der Ihre Handlungen auf immer und ewig speichert», erklärte er. Darum seien Ehrlichkeit und Offenheit besonders wichtig. «Sagen Sie, was Sie denken!», forderte er die jungen Gäste auf. «Mit vollem Selbstvertrauen und ohne Angst vor irgendetwas oder irgendjemandem.»

137. Lilienberg-Gespräch vom 14. Oktober 2015 mit Martin Senn, CEO Zurich Versicherungskonzerns Zürich;. Moderation: Christoph Vollenweider, Leiter Unternehmertum; Zusammenfassung: Karin Hobi-Pertl.