Lilienberg als Mekka für Kammermusik

«Untersee, Reichenau, Wolkenspiel: Wem bei diesem Anblick nicht das Herz aufgeht, scheint wohl keines zu haben», schreibt die Redaktorin des Internetportals «Thurgau Kultur» einleitend in ihrem Artikel. Damit trifft sie die wunderschöne Stimmung, wie sie auch bei der diesjährigen Austragung des Festivals Kammermusik Bodensee auf Lilienberg vom 1. bis 3. September das Publikum verzaubert hat.

 Roland Meier     07.09.2017

Unter dem Titel «Brahmsiade im Rothen Igel» stand dieses Jahr die Musik von Johannes Brahms im Mittelpunkt, aber auch die Geselligkeit, die der Komponist selber gerne in seinem Wiener Stammlokal, dem «Rothen Igel» im Kreise seiner Freunde genossen hatte. Das Schweizer Klaviertrio mit dem Pianisten und Künstlerischen Leiter des Festivals Martin Lucas Staub, der Geigerin Angela Golubeva und dem Cellisten Sasha Neustroev als Gastgeber hatte erneut internationale Musikerprominenz in den Thurgau eingeladen und trat mit diesen Musikerfreunden in wechselnden Besetzungen vom Trio bis Sextett in drei begeistert aufgenommenen Konzerten auf. Mit seinen anekdotischen Konzerteinführungen rund um die Person von Brahms entlockte Martin Lucas Staub dem Publikum immer wieder ein Schmunzeln und zeichnete ein farbiges Bild vom Wesen dieses grossen Komponisten und etwas schrulligen Menschen.

Vielversprechender Auftakt

Romantische, tönende Naturbilder prägten das Eröffnungskonzert vom Freitag. Nach Carl Maria von Webers opernhaftem Klarinettenquintett liess das Trio op. 40 von Brahms mit seiner wunderbar weichen Melodik die sanften Hügel des Schwarzwalds erahnen, wo Brahms offenbar zum Thema inspiriert wurde, bevor das Werk mit einem übermütigen Jagdfinale zu einem fulminanten Schluss führt. Den Bogen zu Brahms‘ Mentor schlug Robert Schumanns bekanntes Klavierquintett, das in seiner brillanten Ausführung das Publikum begeisterte. Den Musikern des Schweizer Klaviertrios, zusammen mit seinen illustren Gästen, dem Starpianisten Barry Douglas, der Bratschistin Ruth Killius, dem Klarinettisten Alexey Bogorad und der Geigerin Yana Neustroeva, gelang damit ein vielversprechender Auftakt.

Das zweite Konzert illustrierte die Beziehung von Brahms zu Beethoven, dessen übermächtiges Vorbild ihn zuweilen hemmte. Das Schweizer Klaviertrio taufte mit einer quicklebendigen Interpretation des Trios op. 38 die vierte CD seiner Gesamteinspielung aller Werke für Klaviertrio von Beethoven. Dieses Trio – eine von Beethoven selber stammende Umarbeitung seines Septetts op. 20 zum Klaviertrio – zeigte eine ungewohnt verspielte, heitere Seite des Komponisten. Nach der Pause ermöglichten dann fünf Klavierstücke aus op. 76 und darauf das Klarinettentrio op. 114 ein tiefes und berührendes Erlebnis des reifen Brahms. 

Überzeugender Nachwuchs

Traditionsgemäss war die Matinee am Sonntagmorgen Schweizer Nachwuchstalenten gewidmet. «Thurgau Kultur» schreibt dazu: «Die Matinée an diesem Kammermusik-Sonntag muss jeden Klassikfan freuen: Um den Nachwuchs in Sachen Tonkunst scheint es im Thurgau gut bestellt zu sein. Die Plattform ‚Junge Schweizer Talente‘ innerhalb des Kammermusik Festivals ist erstens gut besucht, zweitens bietet sie genau das, was die berühmte Sängerin Emma Kirkby ihren Studierenden stets predigt: ‚Wenn du Musik vor Publikum aufgeführt hast, ist sie nachher nicht nur in deinem Kopf, sondern auch in deinen Stiefeln‘».

Vier junge Musiker der Kunst- und Sportklasse der Pädagogischen Maturitätsschule Kreuzlingen sowie weitere Musiktalente aus dem Raum Winterthur, die beim Schweizerischen Jugendmusikwettbewerb mit Preisen ausgezeichnet worden waren, bewiesen mit engagierten Auftritten ihr bereits beachtliches Können. «Thurgau Kultur» zitierte den 17-jährigen David Pfistner, der sich über die Einladung der «grossen Profis in Ermatingen» freute: «Ich bin dankbar über gute Gelegenheiten, mit meinem Cello auch einmal solistisch auftreten zu können. Eine feine Sache, die einem enorm weiterbringt.»

Im Schlusskonzert folgten auf das in geselliger Runde komponierte Kegelstatt-Trio von Mozart nochmals Höhepunkte aus dem kammermusikalischen Schaffen von Brahms. So lesen wir im «Südkurier» über das Trio op. 101: «Hier gab es feines Schwingen und gesangliche Themen, die im langsamen Satz weitergereicht wurden, und kernig kontrastreiche Aussensätze. Nach der Pause gesellten sich mit dem zweiten Streichsextett von Brahms drei weitere Streicher hinzu; über dem satten Grundklang von je zwei Bratschen und Celli konnten sich die beiden Geigen blühend entfalten. Waren in diesem Programm immer wieder ungarische Melodien und Rhythmen angeklungen, so huldigten die Musiker diesem Umstand in ihrer Brahms-Surprise zum Abschluss in wechselnden Besetzungen: Natürlich durften zwei ungarische Tänze mit ihren feurigen Melodien nicht fehlen, das Rondo alla Zingarese aus dem Klavierquartett op. 25 bildete den wild gesteigerten Abschluss.»

Berauschend! Beglückend! Grossartig!

Ein Eintrag aus dem Gästebuch soll stellvertretend die Begeisterung des Publikums ausdrücken und im kommenden Jahr hoffentlich noch weitere Musikfreunde aus den Reihen der Lilienberg-Mitglieder zu einem musikalischen Wochenende am Untersee animieren: «Berauschend! Beglückend! Die grossartigen musikalischen Darbietungen erfüllen alle meine Sinne und Erwartungen. Bravo! – und herzlichen Dank an alle Künstler sowie den Organisatoren. See you next year! – Lisa Pessina Raeburn» 

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