«Journalismus muss leben»

«Journalisten müssen einen politischen Kompass haben»

144. Lilienberg Gespräch mit Markus Somm, Verleger und Chefredaktor der Basler Zeitung

Markus Somm, Chefredaktor und Verleger der Basler Zeitung, erachtet es als notwendig, dass Journalisten über einen politischen Kompass verfügen. «Ohne politisches Verständnis lassen sich gewisse Entwicklungen nicht kritisieren», betonte der 51-Jährige am Lilienberg Gespräch von Ende September. Der Medienfachmann hat auch klare Vorstellungen von gutem Journalismus: «Ein qualitativ guter Text emotionalisiert.»

 Marcel Vollenweider     15.10.2016

Mit dem Journalisten, Redaktoren und Publizisten Markus Somm gastierte ein versierter Kenner der Materie auf Lilienberg. Ob er denn nun mehr Verleger oder doch eher Journalist sei, wollte Gesprächsleiter Dr. Andreas Jäggi vom umtriebigen Medienfachmann wissen. Er führe in erster Linie eine Redaktion, legte Somm dar. «Journalismus ist eine Aufgabe, die man gerne macht», betonte er und ergänzte, dass er bei der inhaltlichen Konzeption einer Publikation als Verleger durchaus eine andere Sichtweise vertreten könnte als er dies als Journalist tut.

Nicht unbeachtet würden an ihm die Entwicklungen in der Medienlandschaft vorbeigehen. Somm: «Viele Verlage profitierten einst von einer tollen Zeit. Der journalistische Teil war damals eher als Beilage zu verstehen, damit Inserate prominent platziert werden konnten.» Heute sei der Leser leider immer weniger bereit, für journalistische Arbeit zu bezahlen. «Guter Journalismus», ist der Vater von fünf Kindern überzeugt, «lässt sich aber nach wie vor gut verkaufen.»

Somm antwortete auf eine Frage aus dem Publikum, ob zwischen den wirtschaftlichen Ansprüchen, die an ein Unternehmen gestellt würden und der Ausprägung der Art und Weise von Journalismus nicht auch Widerspruch erwachsen könne, mit der ihm eigenen ungeschminkten Art: «Als Geschäftsidee mag es Sinn machen, mal einen etwas weniger provokativen und weniger kritischen Journalismus zu pflegen, alles dem Ziel untergeordnet, keine Leser zu verlieren.» Aber irgendwann gelte es, als Zeitung auch wieder Profil zu zeigen - auch auf die Gefahr hin, weitere Leser zu verlieren. Somm: «Guter Journalismus muss leben!»

Die Kunst, Geschichten zu erzählen

Markus Somm musste sich in seinem ersten Zeitungsartikel vor vielen Jahren mit dem Thema «Schulsporttag» auseinandersetzen. Zugleich habe er auch Fotos abliefern müssen. «Das waren wirklich schlechte Bilder», erinnerte er sich. Doch das Formulieren, das Schreiben habe sich als seine eigentliche Passion erwiesen. «Geschichten zu erzählen, ist die beste Art, Informationen zu vermitteln.» Ein guter Text verstehe zu emotionalisieren.

Der Verleger und Publizist kann sich als Autor von Büchern gedanklich ausbreiten. «Beim Verfassen eines Buches wird die Dramaturgie viel wichtiger. Ich muss eine Strategie finden, um den Leser zu motivieren, auch 500 Seiten zu lesen», äusserte er sich.

Ungeschminkt in seinen Äusserungen

Somm geizte bei seinem Besuch auf Lilienberg wie erwartet nicht mit pointierten Aussagen. Er stört sich seit langem an «extrem behördenfreundlichen Betrachtungen» in den Medien. Klare Distanzen der Medien zu den Behörden nehme er kaum mehr wahr. Dennoch sei für ihn klar, dass auch die besten Journalisten gute Beziehungen zu Politikern pflegen müssten. «Ein Journalist sollte aber zu viel Nähe zu Politikern meiden. Abhängigkeiten sind nicht förderlich für einen qualitativ guten und auch kritischen Journalismus», sagte er. Und seine Antwort auf eine entsprechende Frage aus dem Publikum: «Es gilt, die unglaubliche Macht von Politik und Bürokratie zurückzudrängen.»

Um einen qualitativ guten, auch kritischen Journalismus machen zu können, sei ein politischer Kompass nötig. Somm: «Wenn ich über keinen Kompass verfüge, kann ich auch nicht adäquat in relevanten Themen kritisieren.» Oft seien jüngere Journalistenkollegen heute jedoch weniger politisiert - immerhin scheine für die meisten Journalisten klar zu sein, dass die Politik, wie sie von der SVP ausgestaltet werde, nicht gut sein könne...

In der anschliessenden Fragerunde erklärte Somm den Zuhörern, weshalb er sich auch gerne dem Rededuell mit Roger Schawinski stellt. «Es geht doch auch darum, die „Gottesdienste“, wie sie im Fernsehen in solchen Formaten gefeiert werden, etwas zu stören», betonte er. Er gehe gerne in eine solche Sendung, um inhaltlich Gegensteuer geben zu können, wenn er davon überzeugt sei. «Schawinski vertritt in seiner Sendung doch politische Meinungen, an die er selber nicht glaubt ...»

144. Lilienberg Gespräch vom 28. September 2016 mit Markus Somm, Chefredaktor und Verleger der Basler Zeitung; Moderation: Dr. Andreas Jäggi (Aktionsfeld Medien & Kommunikation); Zusammenfassung: Marcel Vollenweider.

 

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